Mit 18 Jahren wechselte André Rankel von den Berlin Capitals zum EHC Eisbären. Vergangenen Sommer, im Alter von 27 Jahren, übernahm der Stürmer das Kapitänsamt beim Serienmeister der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). In seiner ersten Saison als Kapitän stellte er gleich eine neue persönliche Bestmarke mit 20 Toren und 34 Vorlagen auf. Das passt zu seinem Anspruch, sagt André Rankel vor dem Play-off-Start am Mittwoch gegen die Hamburg Freezers im Gespräch mit Marcel Stein.

Berliner Morgenpost: Herr Rankel, Ihre erste Saison als Kapitän liegt fast hinter Ihnen. War es stressig?

André Rankel: Es war erst mal neu, ich wusste ja nicht, was auf mich zukommt. Letztlich verhält es sich wie bei jeder Mannschaft über eine Saison gesehen, mal fällt alles leichter, mal schwerer. Noch bin ich in der Lernphase, wie alle anderen Führungsspieler auch. An sich glaube ich, dass ich einen guten Job gemacht habe.

Sie haben die Aufgabe in einer Situation übernommen, in der über viele Jahre alle bestens lief im Klub. Wie schwer wiegt so ein Erbe?

Als schwieriges Erbe würde ich das nicht bezeichnen. Ich bin stolz, dass ich das machen darf und probiere, meinen eigenen Weg zu finden. Derjenige, der ausrastet in der Kabine oder der Ansagen gibt, bin ich nicht. Aber wenn mir etwas nicht passt, dann vermittle ich das auch. Ich bin jemand, der versucht, immer positiv zu bleiben und so den Spielern ein gutes Gefühl zu geben und zu helfen. Es wäre nicht authentisch, würde ich auf Stefan Ustorf oder Steve Walker machen.

Sicher ist es nicht immer leicht gewesen, positiv zu bleiben. Vieles hat geklemmt in dieser Saison. Wie gehen Sie damit um, dass ausgerechnet in Ihrem ersten Jahr vieles nicht richtig lief?

Also ich frage mich nicht: Warum passiert mir das? Wir sind eine viel jüngere Mannschaft geworden, das sieht man auch auf dem Eis. In manchen Situationen fehlt uns das Eiskalte, das wir früher hatten. Das ist der große Unterschied.

Haben Sie mal darüber nachgedacht, ob es die richtige Entscheidung war, den Job zu übernehmen?

Für mich stellt sich die Frage nicht. Ich möchte mit dieser Mannschaft erfolgreich sein und tue alles, was man dafür tun muss. Ich will nicht irgendjemand sein in der Mannschaft, sondern mitbestimmen, wo es langgeht.

Das Vorangehen hat beim Punktesammeln bestens geklappt, Sie sind der Top-Scorer. Ist das Zufall oder hatten Sie diesen Anspruch aus Ihrer Verantwortung heraus?

Das passt dazu, dass ich nicht irgendjemand sein möchte. Es ist nicht mein Anspruch, der beste Scorer zu werden, aber ich möchte der Mannschaft helfen zu gewinnen. Man muss die richtige Balance finden. Auf der einen Seite Tore schießen, aber genauso Tore verhindern. Das ist mir ebenso wichtig, deshalb ist meine Plus-Minus-Bilanz auch recht gut. Es zählt auch, wie du in einen Zweikampf gehst und dass du als Gewinner wieder herauskommst. Das ist fast noch wichtiger.

Aber genau das wurde durch die neue Regelauslegung schwieriger für Sie. Wegen Ihrer körperlichen Spielweise mussten Sie einige Sperren hinnehmen. Seit dieser Saison wird viel rigider gepfiffen.

Ich hatte viel Zeit, darüber nachzudenken. Mir war klar: Ich muss etwas ändern, obwohl die Sachen, die ich gemacht habe, keine Absicht waren. Ich habe es geschafft, die Balance zwischen Aggressivität und Zurückhaltung zu finden und in gewissen Situationen nicht mehr so reinzugehen wie vorher. Vielleicht ist das ein Zeichen, dass ich mich früher zu viel darauf konzentriert habe, den großen Check zu setzen oder jemanden umzufahren und weniger auf das Spiel und das Toreschießen. Vielleicht bin ich dadurch besser geworden.

Geht Ihnen jetzt vor jedem Zweikampf durch den Kopf: Vorsicht?

Es gibt Situation, bei denen ich weiß, dass es Folgen haben kann, wenn ich den Check zu Ende fahre, obwohl er fair ist. Ich bin schnell, habe relativ viel Körpermasse, wenn mich jemand nicht kommen sieht, muss ich zweimal überlegen, wie ich in den Mann gehe. Meistens ist die Zeit dazu da.

Gerade erst wurde mit Stefan Ustorf ein prägender Spieler der Eisbären unfreiwillig verabschiedet, weil zu viele harte Checks zu große Nachwirkungen in seinem Kopf hinterlassen haben. Ist bei den Profis jetzt präsenter, was alles passieren kann?

Keine Frage. Ich bin nicht nur derjenige, der ausgeteilt hat, sondern ich habe in zwei Jahren zwei Gehirnerschütterungen erlitten. Da merkt man, was für Konsequenzen das hat. Deshalb ist es wichtig, dass es Respekt untereinander gibt. Jeder muss entscheiden, ob das, was er anderen zumutet, auch ihm selbst widerfahren soll. Die Liga tut gut daran, mehr auf die Sicherheit der Spieler zu achten und die Strafen zu erhöhen. Natürlich gehören Körperspiel und Einschüchterung zum Eishockey, aber im richtigen Rahmen.

Auch Sven Felski wurde in dieser Saison verabschiedet, viele große Spieler sind dem Klub abhanden gekommen. Nun wird viel mit früher verglichen.

Es liegt nah, diese Vergleiche zu ziehen. Aber es bringt keinen weiter. Wir wissen selber, dass wir früher eine Mannschaft waren, die Spiele dominiert hat. Wir können nicht Ewigkeiten von früher reden. Wir sind jetzt jung und unerfahren. Trotzdem konnten wir teilweise sehr gut spielen. Wir fallen nur öfter auseinander, wenn wir ein Gegentor kriegen. Das ist ein Problem. Trotzdem spielen wir vorn mit.

Fällt es Ihnen als Kapitän schwer zu sehen, wenn andere ihr Potenzial nicht abrufen?

Wichtig ist, dass jeder Einzelne Vertrauen in den anderen hat. Dass keiner meint, er müsste mehr machen als die anderen. Aber genau das passiert uns manchmal. Daraus entstehen Fehler. Das haben wir noch nicht geschafft zu beheben, dass einige in ihren neuen Rollen zu viel machen wollen. Sie wollen eigentlich nur helfen, machen damit aber mehr kaputt.

Mussten Sie als Kapitän mal etwas tun, was gegen Ihre Natur ist?

Das Amt bedeutet nicht, dass man nur um des Amtes Willen auf den Tisch hauen muss. Ich möchte unbedingt Erfolg haben und bin bereit, dafür sehr, sehr viel zu investieren. Dieses Gefühl muss aus einem selbst kommen, das kann nicht an einem Amt hängen. Natürlich bin ich als Privatmensch weitaus anders als der Eishockeyspieler André Rankel, ein eher ruhiger Typ, zurückhaltend.

Wie lebt es sich mit so einer gespaltenen Persönlichkeit?

Nicht schwer, denn das ist schon immer so. Leute, die mich privat kennen, fragen öfter, ob das auf dem Eis wirklich ich bin. Meine Frau sagt auch ab und zu, dass sie mich nicht so toll findet wie zu Hause, wenn sie mich spielen sieht. Manchmal habe ich schon Blicke auf dem Eis an mir, die sie sonst nicht kennt.

Beruflich Eisbär, privat Kuschelbär?

Das klingt nach einer Schlagzeile aus den bunten Zeitungen.

Anders formuliert: Eishockey ist sehr aufregend. Privat brauchen Sie das eher nicht?

Ich habe zwei Kinder, das ist auch viel Aufregung. Meine große Tochter kommandiert mich manchmal ganz schön herum mit ihren dreieinhalb Jahren. Ich genieße das. Auch wenn ich nicht mehr so viel Golf spielen kann wie früher.

Dinge verändern sich. Inwiefern hat diese Saison Sie verändert?

Jeder entwickelt sich ein bisschen mit seinen Aufgaben. Ich denke, ich bin reifer geworden, offener für die Belange anderer. Vorher konnte ich mich zurückziehen und auf mich schauen, jetzt beobachte ich mehr die komplette Mannschaft. Das bringt einen weiter, und es macht mir Spaß.

Jetzt beginnt das Play-off, im Viertelfinale treffen die Eisbären auf Hamburg. Was erwarten Sie?

Beim 2:0 letztens gegen Hamburg haben wir unser bestes Spiel der Saison gespielt. Das war so ein Spiel, wie ich uns kenne, das war sehr wichtig für uns. Aber Hamburg hat eine gute Entwicklung hinter sich. Das wird nicht so einfach wie früher, als wir die Freezers immer locker geschlagen haben im Play-off – falls jemand vergleichen möchte mit der Vergangenheit.