43 Jahre alt ist Larry Mitchell inzwischen. Er hat also schon einiges erlebt. Die ganz große Eishockeybühne kennt der Deutsch-Kanadier aber doch eher aus dem Fernsehen als aus eigener Erfahrung. Sein Talent ließ nicht mehr als 14 Spiele als Profi in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) zu. Als Trainer bringt er es dagegen zwar schon auf weit über 100 Partien. Aber eben mit den Augsburger Panthern. Das ist die Mannschaft mit dem kleinsten Etat der Liga, also ganz und gar nicht der Nabel der Eishockeywelt. Obwohl Mitchell das Team im Frühjahr ins Finale führte. Doch dieser Erfolg war nicht mehr als eine Ausnahme, das weiß Mitchell. Deshalb möchte er nun dorthin, wo mehr Geld fließt, wo alles größer und glamouröser ist. Larry Mitchell will endlich auf die große Bühne. Vielleicht sollte man alles das wissen, um das Folgende etwas besser zu verstehen.

Da saß Mitchell nun und konnte sich offenbar keine passendere Gelegenheit vorstellen, um seine Ambitionen zu unterstreichen. Sein Team hatte gerade beim EHC Eisbären vorgespielt, war beim 1:7 vor 13.700 Zuschauern in deren nobler Riesenarena auch ein wenig vorgeführt worden. Die Berliner sind vierfacher Meister, ein echtes Schwergewicht in der Branche. Sie sind auch Tabellendritter und haben einen Trainer, dessen Vertrag am Saisonende ausläuft. Das führte zu vielen Spekulationen, die von EHC-Manager Peter John Lee durchaus mit angeheizt worden sind. Es lief in dieser Saison ja nicht immer rund bisher, und ob Don Jackson nach vier Jahren noch der Richtige für die Eisbären ist, da war sich Lee nicht ganz sicher. Unter denen, die Jackson beerben könnten, wurde auch Mitchell genannt. Und als beide nebeneinander auf dem Podium saßen, nach dem Spiel ihre Statements abgegeben hatten, da erwähnte Mitchell noch, sich mit Lee bezüglich einer Anstellung bei den Eisbären getroffen zu haben. „Ich kann Gespräche bestätigen“, so Mitchell. Rums. Nun hatte der Augsburger seine Bühne. Es war eine groteske Szene. Mitchell wurde nach diesem und jenem befragt. Von Jackson wollte keiner mehr etwas wissen. Der saß nur da und starrte Löcher in die Luft. Vielleicht war er in Gedanken schon bei seiner Tochter, die gestern zu Besuch kam. Er sagte jedenfalls später, dass er gar nicht verstanden habe, denn es wurde deutsch gesprochen. Wenn es so war, musste es ihm wenigstens nicht peinlich sein, von Mitchell auf eine unrühmliche Weise vorgeführt zu werden. „Ich hätte nicht erwartet, dass das alles so in die Öffentlichkeit getragen wird“, sagte Jackson, nachdem ihm bewusst geworden war, was sich da abgespielt hatte.

Vielleicht hilft es ihm sogar noch. Das „Interesse von beiden Seiten“, das Mitchell erwähnt hatte, ist durch dessen naive Vorgehensweise nämlich Geschichte. „Manche lernen unterwegs“, sagt Lee. Soll heißen, wenn Mitchell irgendwann oben ankommen will, muss er lernen, wie das Geschäft da läuft. Bei den Berlinern gibt es eine Regel, und zwar die, sich über solche Dinge nicht öffentlich auszulassen. Mitchell hat dagegen verstoßen. Warum? Die Frage hat Lee beschäftigt. Vielleicht wollte er sich interessant machen, den Druck in anderen Verhandlungen erhöhen. Egal. „Das ist kein Weg“, so Lee. Von den Eisbären braucht Mitchell nun nicht mehr zu träumen. Er hat sich selbst aus dem Rennen genommen. Überhaupt wurde Lee das alles viel zu sehr aufgebauscht. „Bei mir bewerben sich viele. Ich schaue mir das auch an oder höre zu. Das ist normal“, sagt er. Unter Verhandlungen verstehe er jedoch etwas anderes. Und konkret habe er bisher mit niemandem außer Jackson wegen der Trainerposition gesprochen. Langsam nerven ihn die vielen Spekulationen, er bereut es wohl auch, mit ein, zwei Äußerungen selbst die Zweifel an Jackson genährt zu haben. „Es ist schlecht, dass alles so gelaufen ist“, sagt Lee, „das ist unfair gegenüber Don.“ Der hat schließlich drei Titel – zweimal die Meisterschaft, einmal den Pokal – mit den Eisbären gewonnen und die Mannschaft, die am Sonntag in München antritt, befindet sich auch aktuell in einer guten Position. Es gibt Schlimmeres, als Dritter zu sein. Jackson versucht, sich von dem ganzen Gerede nicht beeindrucken zu lassen. „Ich muss mich auf mein Geschäft konzentrieren“, sagt der Trainer, der weiß, dass es eine Reihe von Faktoren gibt, die bei der weiteren Besetzung seines Postens zusammenkommen. So stehen auch die Eisbären unter Kostendruck, Jackson aber ist ein teurer Coach. Und einer der weiß, wie das Geschäft ganz oben läuft. „Ich halte meine Dinge privat“, sagt er. Ein guter Tipp für Larry Mitchell.