Sebastian Kühner liebt seine Position. Zuspieler. „Man steht im Zentrum und gestaltet, ist Dreh- und Angelpunkt, in jedem Ballwechsel drin“, sagt der 26 Jahre alte Profi des deutschen Volleyball-Meisters BR Volleys. Mal setzt er den 2,12 Meter großen Robert Kromm ein, mal den zwölf Zentimeter kürzeren Scott Touzinsky. Mal den Linkshänder Paul Carroll, mal den Rechtshänder Aleksandar Spirovski.
Mal stellt er den Ball nach vorn, mal über den Kopf nach hinten, oder er versucht blitzschnell einen Angriff über Felix Fischer durch die Mitte, plötzlich, trocken. Nuancen entscheiden, ob das perfekt gelingt und der folgende Schmetterschlag auf den Punkt kommen kann. Das ist schwer, vor allem unter Druck, und Zeit zum Überlegen ist nie da. „Man muss im Kopf immer sehr wach sein. Aber das macht die Sache so interessant“, sagt Kühner.
Shoji hat den Vortritt
So schwärmt einer, der in seiner Aufgabe aufgeht. Da klingt kein Frust durch, den man durchaus vermuten könnte. Kühner ist, brutal ausgedrückt, zweite Wahl. Auch heute im Bundesligaspiel der BR Volleys gegen den TV Bühl (19.30 Uhr, Schmeling-Halle) wird er zu Beginn vermutlich Kawika Shoji zuschauen müssen, wie der das Spiel organisiert. So ist die Hierarchie: Der Amerikaner ist Zuspieler Nummer eins, Kühner sein Ersatz.
„Ich habe damit kein Problem. Wenn das Team Erfolg hat, kann ich mein Ego hintenan stellen.“ Das klingt nach Sportler-Floskel, aber wie sieht es wirklich in ihm aus? Sein Trainer Mark Lebedew kann natürlich auch nicht in den jungen Mann hineinschauen. Aber „von außen betrachtet, hat er die Rolle angenommen. Sebastian lässt seine Laune und seine Arbeit davon nicht beeinflussen. Er hat sich sehr gut entwickelt“.
Bundestrainer lobt Entwicklung und appelliert an Geduld
Im Moment ist Kühner sowieso in Hochstimmung. Am vergangenen Wochenende hat er mit der Nationalmannschaft eine erfolgreiche WM-Qualifikation bestritten. Das deutsche Team ist im September in Polen beim Turnier der Weltbesten dabei, daran hat der gebürtige Berliner seinen Anteil. Bundestrainer Vital Heynen setzte ihn in jedem der drei Spiele ein, in der Vorbereitung gegen Belgien sogar zweimal über zweieinhalb Sätze. „Vital weiß, was er an mir hat“, glaubt Kühner.
Eingeladen hatte Heynen ihn schon mehrmals zu Lehrgängen. „Vor zwei Jahren war ich nicht zufrieden, ein Jahr später hatte er einen Schritt vorwärts gemacht, und jetzt war er wieder besser. Er hat mir sehr gut gefallen.“ Der Bundestrainer appelliert allerdings zugleich an die Geduld, die Konkurrenz ist natürlich auch in der deutschen Auswahl sehr groß: „Es dauert, die Qualität des Zuspiels zu entwickeln. Aber Sebastians Zeit wird kommen.“
Auch sein Vater war Zuspieler in der Nationalmannschaft
Die nimmt sich der junge Mann. Als Sohn des früheren DDR-Nationalmannschaftskapitäns Roland Kühner, der ebenfalls Zuspieler war, stand er schon als Junior unter besonderer Beobachtung. Aber nie unter dem Druck seines Vorbildes. „Mein Vater hat mich eher in Schutz genommen. Er ist ein großer Fan und unterstützt mich. Ich sollte meinen eigenen Weg gehen.“ Das hat er getan, verließ den VC Olympia und seine Heimatstadt 2007, arbeitete sich über Bayer Wuppertal und evivo Düren zum ersten Zuspieler beim CV Mitteldeutschland hoch. Um dann vor eineinhalb Jahren in der Hauptstadt wieder in die zweite Reihe zu rücken.
Der Kontakt war nie abgerissen, und als 2012 das Angebot kam, sagte er zu. Lebedew sah ihn damals auf Augenhöhe mit Shoji, der interne Konkurrenzkampf sollte beide voranbringen. Das hat geklappt – nur bei dem Amerikaner, der auch regelmäßig für das US-Team aufläuft, ein bisschen besser. „Er ist nicht weit weg von Kawika“, sagt Lebedew. Wie Heynen, dessen Assistent er beim Nationalteam ist, lobt auch er Einstellung, Konzentration und Entwicklung seines mit 2,03 Metern sehr großen und sprunggewaltigen Zuspielers: „Er hat das am vergangenen Wochenende bewiesen, wir sehen das jeden Tag im Training. Im Spiel ist es egal, wann ich ihn bringe, wir können uns immer auf ihn verlassen.“
Vertrag läuft am Ende der Saison aus
Nur: Wie lange kann Kühner sich mit seiner Rolle noch anfreunden? Sein Vertrag läuft Ende der Saison aus. „Ich bin ja nicht vollends unzufrieden“, antwortet er, und das verrät sehr viel über seine zwiespältigen Gefühle. Aber sich deshalb in unangenehmer Weise in Stellung bringen – das erlebt man bei ihm nicht. „Ich sehe, dass Kawika sich auch sehr gut weiterentwickelt hat“, gibt er neidlos zu. Trotzdem fühle er sich „pudelwohl. Ich bin geborener Berliner und spiele für einen der besten Klubs Europas.“
Sich in Berlin durchzusetzen, in der Champions League mit der Elite zu messen, das dürfte seiner Karriere wieder einen Schub geben. Auch deshalb würde Kühner „gern bleiben und weiter den Kampf annehmen“, sagt der 26-Jährige. Außerdem hofft er auf die nächste Einladung Heynens im Vorfeld der WM in Polen. Seine Berufung gibt ihm Rückenwind, seine fünf Länderspiele waren eine sehr aufregende Erfahrung. Viele Jahre Fleiß haben sich schon jetzt gelohnt. Auch wenn er seinen Vater, der „unzählige Länderspiele“ bestritten hat, nie einholen wird, weiß Kühner: „Er ist stolz.“





