Der eine wurde in Reykjavik geboren, der andere in Adelaide. Zwischen diesen beiden Städten liegen rund 16.500 Kilometer Luftlinie. In Berlin, wo Dagur Sigurdsson seit 2009 erfolgreich die Handball-Füchse trainiert und Mark Lebedew seit 2010 nicht minder erfolgreich die BR Volleys, kreuzen sich ihre Lebenswege. Im Gespräch mit Dietmar Wenck erzählen der Isländer und der Australier, warum es sie nach Deutschland verschlug, was für sie Heimat und Familie bedeuten und wie sie Weihnachten feiern.
Berliner Morgenpost: Treffen sich ein Australier und ein Isländer in Deutschland und unterhalten sich darüber, wo Weihnachten am schönsten ist. Was sagen Sie?
Mark Lebedew, 46: In Australien ist Weihnachten im Sommer. Außerdem kommen die ganzen kulturellen Dinge aus England oder den USA. Die Weihnachtskarten und die Fernsehprogramme zeigen ein Winterfest. Schon deshalb ist hier in Deutschland alles viel traditioneller und hat eine ganz andere Atmosphäre. Es gibt die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen, die Häuser sind geschmückt. Das ist schon sehr schön. In Australien haben wir das nicht, da wird es ja erst spät dunkel, nicht wie hier schon um 16 Uhr.
Dagur Sigurdsson, 40: Das ist in Island noch besser: Da ist es sogar schon um 14 Uhr dunkel (lacht). Was es dort nicht gibt, sind Weihnachtsmärkte. Das Wetter ist so schlecht, es regnet viel, so dass man nicht gern draußen sein möchte.
Gehen Sie hier auf Weihnachtsmärkte?
Sigurdsson: Mit meinen Kindern habe ich mir das angeschaut, ja. Aber nur zum Anschauen, ohne Glühweintrinken.
Lebedew: Meine Frau macht das gern. Auch mit Glühwein und einer Hirschroulade. Für eine Weile ist das ganz nett.
Herr Lebedew, Sie sind ein besonders interessanter Fall. Ihre Frau ist Polin, Ihr Vater Ukrainer, Ihre Mutter Britin. Geboren und aufgewachsen sind Sie in Australien. Haben Sie aus allen Kulturen etwas zum Weihnachtsfest übernommen?
Lebedew: Das kommt darauf an, wo wir sind. In Australien verbringt man den 24. Dezember mit Freunden. Nach der Arbeit geht man im Freundeskreis in die Kneipe und feiert bis tief in den Morgen. Der 25. ist der eigentliche Weihnachtstag, ein Familientag. Da werden die Geschenke ausgepackt. In Polen ist es anders, sehr ähnlich wie in Deutschland. Der erste und zweite Feiertag sind ein reines Familienfest, man isst gut und feiert zusammen. Es wird vielleicht mehr Wodka getrunken als in Deutschland.
Sigurdsson: Über Weihnachten ist es offen gestanden etwas schwierig für mich; wir haben ein Spiel am 22. und ein Spiel am 26. Dezember. Ich muss also zwischendurch zum Training. Wir haben keinen normalen Rhythmus wie andere. Deshalb versuchen wir, unser weihnachtliches Gefühl über den gesamten Dezember zu verteilen. Aber auch meine drei Kinder haben schon ihr eigenes Leben mit Freunden und Hobbies wie Fußballspielen. Es ist gar nicht so einfach, mal alle an einen Tisch zu bekommen.
Haben Sie am 24. Dezember Ruhe?
Sigurdsson: Wahrscheinlich schon, zum Glück mache ich ja selbst den Trainingsplan! Weil wir ein Spiel am 26. haben, arbeite ich vormittags noch, auch am 25. Dezember. Aber wir sind schon froh, dass wir zu Hause spielen.
Lebedew: Genau, sonst kann es dir passieren, dass du an Weihnachten einen Reisetag hast. Aus meiner Zeit in Italien weiß ich noch, da war der 26. ein großer Spieltag, weil die Klubs gemerkt haben, dass da viele Zuschauer kommen...
Wie der Boxing Day in Englands Fußball...
Lebedew: ...und deshalb war der 25. für die Hälfte der Klubs der Reisetag.
Haben Sie einen Weihnachtsbaum? Kerzen?
Lebedew: Ein Weihnachtsbaum muss sein. Als ich noch Single war, hatte ich keinen und bin dann zu Freunden gefahren. Da habe ich gemerkt, dass ich auch einen haben will, damit es zu Hause ein bisschen weihnachtlich ist. Auch wenn ich allein bin.
Dagur, Ihre Kinder sind 12, 14 und 16 Jahre alt. Gibt es da noch glänzende Augen oder ist das schon uncool?
Sigurdsson: Nein, da machen alle mit. Wir holen auch gemeinsam einen Baum.
Singen Sie?
Sigurdsson: Das nicht, aber wir hören viel Musik. Ich spiele höchstens mal in der Küche für mich ein bisschen Gitarre. Das müssen die Kinder nicht mit anhören, das wäre eine Quälerei. In Island wird gern und viel gesungen, viele spielen ein Instrument, aber nicht unbedingt am Weihnachtstisch. Wenn, dann abends. Dann wird eine Gitarre herausgeholt oder jemand setzt sich ans Piano.
Lebedew: In Australien singen wir nicht. Das ist in unserer Kultur nicht so verbreitet, auch nicht im Fußballstadion wie hier.
Bekommen Sie Weihnachten Heimweh?
Sigurdsson: Ich habe sowieso Dauerheimweh. Wahrscheinlich bin ich der einzige in unserer Familie. Ich vermisse immer meine Freunde und meine Familie in Island. Das ist Weihnachten nicht schlimmer als jeden Tag.
Lebedew: Das kenne ich von mir nicht so. Höchstens, wenn ich mitbekomme, dass meine Freunde gerade am Strand sind. Dann würde ich auch gern mal ein Bier in der Sonne trinken. Mit meinen Eltern und meinem Bruder halte ich immer Kontakt. Und meine engere Familie ist ja jetzt bei mir in Europa.
Das sind Ihre Frau und Ihr Sohn, der vor ein paar Monaten geboren wurde. Weihnachten zum ersten Mal mit einem Kind...
Lebedew: Es wird schon anders sein als unsere anderen Weihnachtsfeste. Obwohl er noch zu klein ist, um das zu genießen. Das wird schon interessant.
2011 ist Ihr erstes Kind kurz nach der Geburt gestorben. Denken Sie daran?
Lebedew: Wir denken daran, aber nicht mehr als sonst.
Welche Bedeutung hat in Ihrem Leben die Familie? Bei den Spielen sind Sie beide ja sehr emotional. Werden Sie zu Hause geerdet, finden Sie da Ruhe?
Sigurdsson: Ich bin zu Hause sehr ruhig und brauche nicht viel, um glücklich zu sein. Die Familie ist dabei unheimlich wichtig. Sie haben alles mitgemacht, das ist nicht selbstverständlich, dass meine Frau überall dabei war, sogar nach Japan ist sie mit den Kindern mitgekommen. Die Eltern, die Schwiegereltern besuchen uns in Berlin, meine Brüder ab und zu. Dass es in meinem Umfeld funktioniert, spielt eine große Rolle für mein Leben. Im Sommer versuchen wir immer, uns bei den Eltern zu treffen. Weil ich sehr wenig freie Zeit habe, wird sie sehr konsequent für die Familie genutzt. Jeder Urlaub ist so geplant, dass wir nach Island fliegen können.
Lebedew: Meine Familie ist nicht groß, da sind mein Bruder und meine Eltern. Ich versuche, einmal im Jahr nach Hause zu kommen. Mein Bruder besucht mich alle zwei Jahre. Aber ich bin nicht so ein Mensch, der unbedingt mit einem Platz auf der Welt fest verbunden ist. Ich fühle mich mehr oder weniger überall wohl. Jetzt mit Baby sind wir enger mit der Heimat meiner Frau verbunden. Ich habe ja relativ spät geheiratet. Aber die Familie macht das Leben einfach schöner.
Sie sind beide sehr aktiv in sozialen Netzwerken. Ist da die räumliche Trennung von der Familie ein Grund? Der Kontakt zu Ihrem Zuhause?
Sigurdsson: Bei mir auf jeden Fall.
Lebedew: Hundertprozentig. Ich telefoniere nicht so gern. Karten schreibe ich auch nicht. Diese Möglichkeit, für ein bis zwei Minuten Kontakt zu haben, ist einfach großartig. Wann immer man Zeit hat, Tag oder Nacht. Australien liegt ja am anderen Ende der Welt, es gibt die Zeitverschiebung. So kann ich diese Kontakte halten. Die sind jetzt vielleicht besser als damals, als ich in einer anderen australischen Stadt gewohnt habe.
Ihre Geburtsorte Reykjavik und Adelaide liegen rund 16.500 Kilometer voneinander entfernt. Viel weiter geht nicht. Jetzt sind Sie quasi Nachbarn. Warum Deutschland? Haben Sie das auf der Landkarte ausgesucht?
Lebedew: Ich war Trainer in Australien, habe die Nationalmannschaft auf die Olympischen Spiele vorbereitet. Ich wollte noch etwas anderes. Dass es Deutschland wurde, war eher Zufall – wie so vieles in einer Trainerlaufbahn.
Sigurdsson: Für mich als Spieler war die Bundesliga natürlich attraktiv, weil sie eine der stärksten war. Deshalb habe ich vier Jahre hier gespielt, ich hatte auch Angebote aus der Schweiz und Dänemark. Danach bin ich gereist, war in Österreich und Japan. Um schließlich in meine Heimat nach Island zurückzukehren und dort zu bleiben. Bis der Anruf von Bob (Hanning, Geschäftsführer der Füchse Berlin, d.Red.) kam. Und da habe ich wirklich auf die Landkarte geschaut. Mich reizte das Konzept der Füchse. Und mich reizte die Stadt Berlin.
Das Klischee sagt, Isländer seien eher melancholische Menschen, die viel lesen. Australier dagegen surfen gern, sind lebenslustig, trinken mit Freunden ein Bier am Strand, wie Sie es schon angedeutet haben. So denken viele Deutsche. Aber was denkt man in Ihrer Heimat über Deutschland? Und haben sich die Klischees bestätigt?
Sigurdsson: Ich habe zwei verschiedene Deutschlands kennen gelernt. Zuerst den Ruhrpott vor 15 Jahren, Wuppertal, wo ich gespielt habe...
Lebedew: ...du warst in Wuppertal? Das wusste ich ja gar nicht. Ich war auch dort, als Trainer...
Sigurdsson: Also das war anfangs eher eine negative Erfahrung, ein kleiner Schock. Dieser starke Ordnungssinn, überall Regeln, Stress mit Kleinigkeiten. Nach einer Weile gewöhnt man sich daran und lernt, daran teilzunehmen. Wir haben uns später in Wuppertal sehr wohl gefühlt. Denn andererseits war es eine wunderschöne Zeit, wir waren jung, haben dort zwei unserer Kinder bekommen. Aber Berlin ist eine andere Welt. Hier ist eine Multi-Kulti-Atmosphäre, das hat ein anderes Flair und gefällt mir sehr gut. Natürlich haben wir uns in dieser Zeit auch selbst weiterentwickelt. Die 15 Jahre, die dazwischen lagen, spielen ebenfalls eine Rolle. Die Menschen sind insgesamt offener geworden.
Lebedew: In Australien ist das Klischee vom Deutschen, er sei sehr korrekt und geradeheraus. Aber humorlos. Ich habe gemerkt, dass das nicht stimmt, mich hat nur amüsiert, dass der deutsche Humor dem englischen sehr ähnlich ist.
Wie meinen Sie das?
Lebedew: Slapstick, so etwas wie Bud Spencer und Terrence Hill, lieben beide. Diese Ähnlichkeit hat mich überrascht. Außerdem bin ich in einer Zeit aufgewachsen, die nicht so lange nach dem Zweiten Weltkrieg war. Das war für mich die erste neue Erfahrung, dass Deutsche einen ähnlichen Humor wie Engländer haben, sozial und ganz normale Menschen sind. Für mich sind Deutsche neben den Briten die Europäer, die den Australiern am ähnlichsten sind. Australier würden von sich nicht sagen, dass sie auf Ordnung stehen, aber in Wahrheit tun sie das. Es gibt viel mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede. Aber es ist auch so, dass sich über die Jahre ohnehin die Länder immer ähnlicher werden.
Sigurdsson: Stimmt, die Isländer sind in den letzten fünfzehn Jahren auch schon viel bürokratischer geworden (lacht).
Und kulturell? Wie erleben Sie das in Deutschland?
Lebedew: Man spürt, dass es hier Geschichte gibt, anders als in Australien. Das ist vielleicht der größte Unterschied. Hier kann in jeder Straße ein Stück Geschichte erzählt werden. Irgendetwas ist überall passiert. Nicht nur in Berlin, überall in Deutschland.
Sigurdsson: Man kann Berlin mit kaum einer anderen Stadt vergleichen. Es gibt so viel Geschichte hier. Die Leute haben so viel miterlebt, wie zum Beispiel die Trennung der Stadt durch die Mauer. Das ist alles unglaublich.
Sie leben lange genug hier, um zu beurteilen: Gibt es etwas, das die Deutschen unbedingt anders machen sollten? Und gibt es auch etwas, das sie in jedem Fall beibehalten sollten?
Sigurdsson: Ich bin sehr gern hier und sehr glücklich. Das waren wir auch in Österreich und Japan. Wir sind doch nicht in der Position zu sagen, macht dieses oder jenes besser. Außerdem ist es unmöglich, über eine Nation zu sprechen wie über eine Person, das ist nicht fair. Wenn man sich nicht zufrieden gibt mit dem, was man hat, dann muss man einfach nach Hause. Für uns ist schön, dass wir in dieser Stadt mit ihren sportbegeisterten Menschen unsere Arbeit machen können. Die Deutschen sollen so bleiben, wie sie sind.
Lebedew: Ich habe es überall, wo ich war, so gehalten: Ich nehme es, wie es ist. Ich denke nicht über Vorteile oder Nachteile nach. Man kann auch nicht verallgemeinern, denn ich habe in Italien schon unerwartet sehr positive Erfahrungen gemacht, wo alles perfekt funktioniert hat. Und ich habe in einem Verein in Deutschland schon negative Erfahrungen gemacht, wo gelogen und betrogen wurde. Ich fühle mich sehr wohl in Berlin. Ich sehe es wie Dagur: Die Deutschen sollen so bleiben, wie sie sind.
Welchen Weihnachtswunsch haben zwei der erfolgreichsten Trainer Berlins?
Sigurdsson: Je älter man wird, kommt man immer mehr auf die grundsätzlichen Dinge. Dass alle gesund sind und eine gute Zeit haben. Dann werden alle anderen Sachen auch gelingen.
Lebedew: Familienglück und Gesundheit für alle. Dass die nächsten zwölf Monate besser sind als die vergangenen.





