6 Uhr: Marcel Schortje kommt mit seinem Coffee-bike in der Karl-Marx-Allee an. Er ist das erste Mal bei dem Berliner Halbmarathon dabei und gespannt auf die Veranstaltung. Kaum hat er seinen Wagen aufgebaut und alles für die ersten Kaffeeausgaben vorbereitet, kommen auch schon die ersten Kunden. Polizeibeamte, die sich auf einen leckeren Kaffee zu Dienstbeginn freuen.

8 Uhr: An einem der Wasserausgabestellen neben dem Startbereich stehen Elke Schreiber, das Ehepaar Günther und Katharina Perl. Die vier Mitglieder des Sportvereins TSV GutsMuths bauen ihre Holztische auf, stellen die Plastikbecher neben einander und säubern die großen Schüsseln. „Wir sind heute um 04.30 Uhr aufgestanden, um 6.30 Uhr haben sich alle freiwilligen Helfer getroffen und wir wurden eingeteilt“, erzählt Henri Günther. Katharina Perl ist die Dienstälteste der Gruppe. Die 85-Jährige ist bereits seit über 20 Jahren als freiwillige Helferin beim Berliner Halbmarathon dabei, „einige Sportler erkennen mich sogar wieder“, erzählt sie strahlend.

9 Uhr: Laute, rhythmische Popmusik dröhnt aus den Lautsprechern. Der Startbereich ist gefüllt mit Zuschauern, die Kaffee schlürfend zur Musik ihre Fähnchen schwingen oder ihre Liebsten im Getümmel beim Aufwärmen unterstützen.

9.20 Uhr: Kathrine und Tina stehen in der meterlangen Schlange vor den lila Dixi-Toiletten. Die beiden 35- und 36-jährigen Frauen sind für den Berliner Halbmarathon extra aus Dänemark angereist und haben sich den ganzen Winter über für den Lauf vorbereitet. „Wir sind auch bei Schnee und Regen gelaufen, das war hart“, erzählt die Zahnärztin Kathrine, „für eine Bestzeit ist es jetzt noch zu früh in der Saison, bei den Läufen im Sommer werde ich dann aber alles geben können“.

9.25 Uhr: Die 1588 Inlineskater rollen in Richtung des Startbereiches. Ganze Gruppen sind in Vereinskleidung gekommen. Frido Flink, das Maskottchen des Halbmarathon-Veranstalters SCC-Events, hüpft um die Wartenden herum, klatscht in die Hände und umarmt die Sportler für Erinnerungsfotos. Um 9 Uhr fahren die ersten Inlineskater über die Startlinie und der Halbmarathon beginnt.

9.45 Uhr: Die Skater durchqueren Charlottenburg. Rasend schnell gleitet die Spitzengruppe über den Sophie-Charlotte-Platz. Dann werden es nach und nach immer mehr. Um 10 Uhr rollen Hunderte über die Windscheidstraße. Bei Wind und Nieselregen empfangen sie zwar nur wenige Zuschauer, dafür aber das Schmettern der unermüdlichen Blaskapelle. Eine Viertelstunde später dünnt sich das Feld langsam wieder aus, bis unter dem elektrischen Pfeifen der Zeitmessanlage auch die letzten um 10.20 Uhr die 10-Kilometer-Markierung überqueren.

9.50 Uhr: Die Läufer dehnen sich und hüpfen vorsichtig von einem Fuß auf den anderen. Der Bereich rund um den Start ist durch Metallgitter abgesperrt, die wenigen Eingänge sind nur für Sportler oder Polizeibeamten geöffnet. Der vierjährige Juri und sein kleiner Bruder Kasimir sind auf einen großen Stromkasten geklettert und schauen gespannt zu den vielen Menschen auf der anderen Seite des Zauns hinunter. „Wir wohnen gleich um die Ecke und wollen meine Arbeitskollegen anfeuern“, sagt Michael Theel, der Vater der Jungen.

10.15: Startschuss für die Läufer. Die riesige Gruppe hinter der Startlinie setzt sich langsam in Bewegung. Neben Männern in kurzen, schwarzen Laufhosen und Frauen in langen neonfarbenen Leggings joggen Menschen im Ganzkörper-Kostüm als Bierglas oder Shampooflasche.

10.27 Uhr: Mit kräftigen Armschwüngen erreichen drei Handbikefahrer den Erfrischungsstand auf der Windscheidstraße Ecke Kantstraße.

10.30 Uhr: Der DJ sorgt zusammen mit dem Moderator für eine lockere Stimmung im Zielbereich. Die Organisatoren sind glücklich, trotz einer Regenwahrscheinlichkeit von bis zu 90 Prozent fielen nur ein paar Tropfen vom Himmel.

10.42 Uhr: Am Erfrischungsstand hinter der 10-Kilometer-Markierung baut sich Spannung auf. Wo sind die ersten Läufer? "Beeilt euch! Da kommen gleich viele schnelle Männer aus Kenia", ruft einer der Helfer den letzten verstreuten Inlineskatern zu. Und tatsächlich. Die Spitze kommt in Sicht. Um 10.44 wetzen sie mit langen Sprüngen die Windscheidstraße entlang. Den dargebotenen Bechern mit kaltem Wasser schenkt keiner von ihnen Beachtung. Die Blaskapellen-Atmosphäre des Sophie-Charlotte-Platzes ist verschwunden. Stattdessen dreschen Bongo-Trommler an der Kantstraße rhythmisch auf ihre Instrumente ein. Um 10.49 Uhr folgt die erste Frau.

11 Uhr: Patricio Luongo steht neben einer Reihe von blauer Liegen und wartet auf die ankommenden Läufer. Der 18-Jährige ist zusammen mit einigen Klassenkameraden gekommen, um die Sportler nach ihrem Lauf zu unterstützen. „Wir massieren die Läufer, wenn sie Probleme mit den Waden haben, und helfen ihnen zu entspannen“, erzählt der 18-Jährige.

11.15 Uhr: Laut Hallen die Trommeln der „Global Players“ in der Eisenbahnunterführung vor der Gervinusstraße. Längst ist aus dem Feld der Spitzengruppe eine Marathon-Masse geworden. Dicht gedrängt ziehen die Läufer dahin. Plastikbecher knirschen bei jedem Schritt unter ihren Füßen.

11.30 Uhr: Auf dem offenen Kurfürstendamm bläst der Wind gleich stärker. Das merken nicht nur die Läufer, die aus der Nestorstraße herausströmen, sondern auch die Musiker. Deswegen hat sich eine Gruppe Trommler in den Schutz einer Bushaltestelle zurückgezogen.

12 Uhr: Immer mehr Läufer haben es geschafft. Zur Erfrischung gibt es Bananen, Tee oder Wasser hinter der Ziellinie. Glückliche Sportler prosten sich gegenseitig mit einem kühlen Bier in der Hand zu und hängen sich die Medaille um den Hals. Wer möchte, kann sich ein paar Schritte weiter den eigenen Namen und die Laufzeit in das Metall eingravieren lassen.

12 Uhr: Langsam merkt man, dass ein Halbmarathon auch anstrengend ist. Der Wind bläst stark, die gerade Strecke des Kurfürstendamms schlaucht die Läufer. Trotz der vergleichsweise niedrigen Temperaturen steht den Sportlern der Schweiß auf der Stirn und an der Ecke Joachimsthaler Straße sieht mancher aus, als sehne er das Ziel schon herbei.

12.28 Uhr: "Lauf Papa, Lauf!" "Go Lukas!" "Ihr schafft das!" Motivation auf Pappe, Schildern und bemalten Bettlaken. Vor der Gedächtniskirche drängen sich die Zuschauer. Und die Läufer fassen neuen Mut. Schließlich liegt an der Ecke An der Urania auch der nächste Erfrischungsstand.

12.43 Uhr: Allmählich sind es immer weniger Sportler, die sich dem Ziel entgegenschleppen. Für sie spielt noch einmal auf: der Spielmannszug aus Pankow. "Und drei und vier", will einer der Läufer den Musikern einen Einsatz geben, als sie verstummen. "Zu spät! Da hättste schneller laufen müssen!", ruft der Trompeter zurück.

13.05 Uhr: Laufen macht durstig. Das merken die Teilnehmer des Halbmarathons wohl spätestens, wenn sie an Erdingers übergroßer Bierflaschenattrappe vorbeilaufen. Dafür gibt es auch hier am Wittenbergplatz aufmunternde Worte aus dröhnenden Lautsprecherboxen. "Nur noch sieben Kilometer bis zum Erdinger Alkoholfrei!" Na dann.

13.20 Uhr: Der Halbmarathon geht zu Ende. Die meisten Läufer sind im Ziel. Wer jetzt noch übrig ist, den holt der Besenwagen, jener Reisebus, der die letzten Teilnehmer sicher zum Ziel bringt. Dann bleibt wie jedes Jahr nur noch eines vom Halbmarathon: Plastikmüll, wo die Erfrischungsstände waren.