Rekord-Strecke

Der Berlin-Marathon – Ein Rennen der Rekorde

Der Berlin-Marathon ist eine der schnellsten Strecken der Welt. Bei den Männern zählen drei Kenianer und ein Äthiopier zu den Favoriten. Bei den Frauen will Anna Hahner unter die ersten zehn kommen.

Foto: Hannibal Hanschke / picture alliance / dpa

Eigentlich könnte Renndirektor Mark Milde Jahr für Jahr einen neuen Teilnehmerrekord vermelden. Auch für den 41. Berlin-Marathon haben sich wieder weit mehr Menschen beworben, als auf Berlins Straßen passen: 74.000 wollten dabei sein. Zu viel. Viel zu viel. Deswegen hat der SCC Events in diesem Jahr zum ersten Mal die Startplätze verlost: Gut 40.000 haben einen Platz bekommen.

Und das sind nur die Marathonläuferinnen und -läufer, die sich wieder ihren Weg von der Straße des 17. Juni über Moabit Richtung Friedrichshain, hinunter nach Neukölln, über Kreuzberg, Schöneberg und Steglitz zurück nach Mitte und ab durchs Brandenburger Tor bahnen werden. Dazu kommen noch die Handbiker, Rollstuhlfahrer, Inlineskater und die Schülerinnen und Schüler beim Mini-Marathon. Zusammen mehr als 55.000 Starterinnen und Starter.

Die werden sich auch in diesem Jahr an die nach den Anschlägen vom Boston-Marathon 2013 beschlossenen Sicherheitsvorkehrungen halten müssen. Im letzten Jahr war erstmalig der Start-Ziel-Bereich an der Straße des 17. Juni eingezäunt. So wird es auch diesmal wieder sein. Gemeinsam mit den Sicherheitsbehörden habe man die damals neu eingeführten Maßnahmen „ausgewertet und für gut befunden“, sagt Milde. Zu diesen Maßnahmen gehört auch, dass jeder Läufer an den Eingängen zum Start-Ziel-Bereich kontrolliert wird. Nur wer sich von Donnerstag bis Sonnabend auf der auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof stattfindenden Messe „Berlin Vital“ angemeldet hat, wird durchgelassen. Wichtig: Die Armbänder und Startnummern werden nur persönlich gegen Vorlage eines Ausweises oder Führerscheins ausgehändigt.

Flitzer werden es schwer haben

Dennoch konnte im vergangenen Jahr – trotz all dieser Sicherheitsvorkehrungen – ein Flitzer auf die Strecke laufen und Wilson Kipsang das Zielfoto vermasseln. Kipsang war in 2:03:23 Stunden einen neuen Weltrekord gelaufen. Auf allen Bildern flatterte das Zielband allerdings nicht um den Körpers des kenianischen Läufers, sondern um den des Flitzers. Als „ärgerlich und traurig“ bezeichnete Milde den Vorfall im vergangenen Jahr kurz nach dem Zieleinlauf. Und er hat darauf reagiert. Wie, das will er aus sicherheitstechnischen Erwägungen nicht sagen, nur so viel: „Es wird schwerer.“

Doch die Sicherheitsvorkehrungen sollen nicht im Vordergrund stehen, sondern der Sport – und der bedeutet für den Großteil der Starter: durchkommen, Spaß haben und vielleicht eine persönliche Bestzeit erlaufen oder erfahren. Aber für einen handverlesenen Kreis geht es um noch mehr: um Ruhm, um Preisgeld (für die Sieger gibt es 40.000 Euro) – und um den Weltrekord. 40 Männer und 20 Frauen gehören dieses Jahr zum Elitefeld. Sie müssen kein Startgeld zahlen, sondern bekommen sogar welches – und wenn nicht, erhalten sie zumindest Reise- und Hotelkosten vom Veranstalter.

Keine Frage der Windrichtung

Vor allem die Männer aus diesem Elitefeld werden wieder auf die Jagd gehen. Auf die Jagd nach der Weltbestmarke, was in Berlin obligatorisch ist, seit Paul Tergat hier 2003 den ersten offiziell vom Leichtathletik-Weltverband IAAF bestätigten Weltrekord über die 42,195 Kilometer lief. Die IAAF hatte damals erst kurz zuvor Kriterien für Strecken festgelegt, auf denen Rekorde aufgestellt werden dürfen: Beispielsweise darf nicht nur in eine Richtung gelaufen werden (Rückenwind könnte die Zeit verbessern) und das Gefälle darf über die gesamte Strecke bemessen nicht mehr als 42 Meter betragen – es soll ja kein Bergablauf werden. Berlin erfüllte und erfüllt auch in diesem Jahr alle Anforderungen.

Nach Tergats Rekordlauf wurde dessen Zeit noch vier Mal unter regulären Bedingungen geknackt. Vier Mal in Berlin. Er ist mittlerweile ebenso Fluch wie Segen. Denn nun wird vom Lauf in der Hauptstadt stets nicht weniger als eine neue Bestzeit erwartet. „Gebrselassie gewinnt in Berlin, verpasst aber den Weltrekord“, titelte beispielsweise CNN nach dem vierten Sieg des Äthiopiers Haile Gebrselassie im Jahr 2009. Mark Milde erinnert sich gut an die Überschrift. Sie bringt das Dilemma auf den Punkt.

Der Renndirektor mag sich aber nicht beschweren, denn er weiß, dass seine schnelle Strecke ihm auch erhebliche Vorteile bringt: „Viele Spitzenläufer suchen ihre Chance, hier das Beste aus ihren Körpern herauszuholen.“ Das würde ihm auch in die Karten spielen, wenn es darum gehe, Topathleten von einem Start in Berlin zu überzeugen.

Ein neuer Weltrekord ist machbar

Wobei Überzeugungsarbeit durch die Rekordmöglichkeit häufig auch gar nicht geleistet werden muss. Wer Weltrekord laufen will, kommt am besten nach Berlin. Das wissen die Profis. Und so gehen auch in diesem Jahr mit Dennis Kimetto (Bestzeit 2:03:45 in Chicago 2013) und Emmanuel Mutai (2:03:52 Chicago 2013) aus Kenia wieder zwei Läufer an den Start, die bereits einen Marathon unter 2:04 Stunden absolviert haben. Auch den Äthiopier Tsegaye Kebede (2:04:38 Chicago 2012) und den Kenianer Geoffrey Kamworor (2:06:12 Berlin 2012) zählt Mark Milde zu den aussichtsreichsten Kandidaten dieses Jahres. Kipsangs Weltrekord ist also greifbar – wie eigentlich immer der Weltrekord wackelt, wenn der Berlin-Marathon vor der Tür steht. Doch dafür muss alles stimmen: Wetter, Wind, Stimmung und nicht zuletzt die Beine.

Die Beine machten bei der deutschen Topläuferin Anna Hahner in der Vorbereitung bestens mit. Sie fühlt sich topfit vor ihrem zweiten Auftritt beim Berliner Marathon. Auch wenn sie womöglich noch nicht nach ganz vorne laufen kann, so ist ein Platz unter den besten Zehn und vielleicht sogar auf dem Podest durchaus möglich. Dabei ist für Milde auch etwas anderes wichtig: Die 24-jährige Hahner könnte zu einem Gesicht des Marathonsports werden. „Wir versuchen Talente wie sie ins Bewusstsein der Leute zu bringen“, sagt Milde, „sie soll in Verbindung gebracht werden mit Berlin“, sodass die Zuschauer am Brandenburger Tor sagen: „Guck mal, da ist die Anna.“

Solch einen Wiedererkennungswert in Berlin hatte zuletzt wohl nur Haile Gebrselassie – auch wenn er mal den Weltrekord verpasst hat.