Männer-Marathon

Auf der Straße sind sie Superstars

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Jürn Kruse

Foto: Nikolai Linares / pa / dpa / Nikolai Linares

Die Läufer aus Kenia und Äthopien kennen nur wenige. Dieses Jahr sind vier dabei, die in Berlin durchaus Weltrekord laufen können. Wieso es so schwer ist, einen neuen Haile Gebrselassie aufzubauen.

„The Unknown Runner“, der unbekannte Läufer, so heißt ein Film über Geoffrey Kipsang. Kipsang, der mittlerweile unter dem Namen Kamworor läuft, ist Crosslauf-Weltmeister von 2011. Er siegte im selben Jahr beim Halbmarathon in Berlin. Er diente kurz darauf Patrick Makau so gut als Tempomacher, dass Makau in Berlin Marathon-Weltrekord lief. Und Geoffrey Kipsang Kamworor rannte weiter: Zweiter beim Halbmarathon in Delhi, Sieger beim Crosslauf in Sevilla, Sieger über zehn Kilometer im indischen Bangalore – und 2012 Dritter beim Berlin-Marathon.

Hier endet der Film. 2013 hatte „The Unknown Runner“ Premiere. Doch für die meisten Menschen, selbst die Sportinteressierten, blieb der Kenianer Geoffrey Kipsang Kamworor ein unbekannter Läufer, obwohl er 2013 abermals Dritter über die 42,195 Kilometer in Berlin wurde. Warum? „Läufer sind nur zwei, drei Mal im Jahr präsent“, sagt Mark Milde, der Organisator des Berlin-Marathons, „da ist es schwer, einen Star aufzubauen.“

Geoffrey Kamworor läuft auch in diesem Jahr in Berlin. Er ist mit seiner Bestzeit von 2:06:12 Stunden einer der Topfavoriten. Rechnet man seinen Job als Tempomacher für Makau hinzu, ist es bereits sein vierter Auftritt beim HauptstadtMarathon, dabei ist Kamworor erst 21 Jahre alt. Er hat also noch Zeit ein „Haushaltsname“ zu werden, wie Milde es nennt: Namen, die jeder kennt. Usain Bolt etwa. Oder auch Haile Gebrselassie, der vier Mal in Berlin gewann und hier 2008 Weltrekord lief. Eine Legende.

Gebrselassie wurde zwei Jahrzehnte aufgebaut

Allerdings kam dieser Erfolg nicht über Nacht. Milde erinnert daran, dass Gebrselassie zwei Jahrzehnte lang auf allerhöchstem Niveau lief. Der Äthiopier hatte bereits 1996 in Atlanta Olympisches Gold über 10.000 Meter geholt, 22 Jahre später lief er in Berlin den Marathon in der damaligen Weltbestzeit von 2:03:59 Stunden. Doch es wird immer schwieriger, Stars wie Gebrselassie aufzubauen. Denn so viele Jahre an der Spitze erlebt kaum noch ein Läufer. „In Kenia und Äthiopien verdrängen die jungen Talente die alten sehr schnell“, sagt Milde. Das ist auf der einen Seite schön, hält es die Jagd nach Rekorden spannend. Andererseits ist die kurze Halbwertszeit kaum dazu geeignet, die Läufer bekannt zu machen.

Und so sind selbst Kamworors größte Konkurrenten in diesem Jahr keine Superstars, obwohl auch sie schon so manches großes Rennen gelaufen sind: Dennis Kimetto zum Beispiel, ebenfalls ein Kenianer. Er gewann im vergangenen Jahr den Tokio-Marathon in 2:06:50 Stunden und wurde auch in Chicago Erster: in 2:03:45 Stunden. Streckenrekord. Zwei der sechs World Marathon Majors hat der 30-Jährige also schon für sich entschieden. Fehlen noch New York, Boston, London – und Berlin.

Oder Tsegaye Kebede aus Äthiopien: Bronzemedaillengewinner von Peking 2008. Das gleiche Metall angelte er sich 2009 bei den Weltmeisterschaften in Berlin. Darüber hinaus gewann er die Marathonrennen in Paris (2008), Fukuoka (2008 und 2009), Chicago (2012) und London (2010 und 2013). Die persönliche Bestzeit des 27-Jährigen beträgt 2:04:38 Stunden, gelaufen beim Sieg in Chicago.

Der Berlin-Sieger von 2013 tritt nicht an

An Erfolgen mangelt es den Startern aus dem Elitefeld also nicht. Doch ein Spitzenläufer wird dem einen oder anderen Zuschauer dennoch fehlen: Wilson Kipsang Kiprotich. Der Sieger aus dem vergangenen Jahr tritt diesmal nicht in Berlin an. Dabei war der Kenianer hier in 2:03:23 Stunden einen neuen Weltrekord gelaufen. Doch in diesem Jahr gibt Kipsang New York den Vorzug. Dort wird der Weltrekordler sicherlich gut bezahlt.

Vielleicht kommt er ja dann im nächsten Jahr wieder nach Berlin. Dafür könnten die Herren Kamworor, Kimetto, Kebede oder Mutai leicht sorgen: Sollte einer von ihnen auf dem schnellen Berliner Pflaster Weltrekord laufen, wird Kipsang mit Sicherheit alles daran setzen, sich diesen Rekord zurückzuholen.

Das würde wohl nicht nur Mark Milde freuen, wenn es so käme, denn auch wenn – wie er sagt – Kamworor „noch ein Jahrzehnt Zeit hat, sich in die Herzen und Köpfe zu laufen“, würde es den Renndirektor mit Sicherheit nicht stören, wenn sich dieser Prozess mittels eines weiteren Weltrekords etwas beschleunigen würde. Dann dürfte auch der Titel des Films „The Unknown Runner“ nur noch für ein Dokument aus der Vergangenheit zutreffen.

Start der Läufer und Läuferinnen: Sonntag, 8.45 Uhr, Straße des 17. Juni