Berlin-Marathon

Mit buntem Anzug und pinkfarbenen Haaren ins Ziel

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Nina Pfuderer

Foto: SCC EVENTS / Camera4. / SCC EVENTS/Camera4.

Carsten Spohr aus Sindelfingen ist in diesem Jahr zum 16. Mal beim Berlin-Marathon dabei. Auf multifunktionale Sportkleidung verzichtet er dabei. Der 53-Jährige setzt eher auf Schlaghose und Perücke.

Carsten Spohr ist in den 70ern hängen geblieben. Zuerst zieht er sich seinen neongrünen Overall an, mit blauem und pinkfarbenem Muster – sehr psychedelisch. Der Stoff ist aus Synthetik und nicht gerade atmungsaktiv. Dann schnürt er seine Laufschuhe und ganz zum Schluss setzt er die rosa Glatthaarperücke auf, der Schnitt Vokuhila. Zusammenfassend: Carsten Spohr sieht lächerlich aus – in seiner Verkleidung vom vergangenen Jahr.

Er ist 53 Jahre alt, und seit 1999 läuft er Marathon. Im Schnitt zwei pro Jahr und jetzt nimmt er zum 16. Mal am Berlin Marathon teil. Und wenn er nicht läuft, dann lebt er in Sindelfingen und arbeitet als Ingenieur bei Mercedes-Benz. Einen Marathon zu laufen, ist eine große Leistung.

42,195 Kilometer in unbequemer Kleidung

Die Läufer tragen dazu multifunktionale, atmungsaktive Sportkleidung. Normalerweise. Weniger ist dabei mehr. Was treibt ihn also an, 42,195 Kilometer in unbequemer und auffälliger Kleidung zu laufen, quer durch Berlin, wo ihn auch noch Tausende dabei beobachten können?

Im Jahr 2008 hat er angefangen, sich zu verkleiden. Er wollte zu seinem zehnten Berlin Marathon etwas Besonderes machen. Da passte es, dass das Veranstaltungsteam dazu aufrief, sich im Stile der 70er-Jahre zu verkleiden. Also dachte er: „Da mache ich natürlich mit!“ Damals entschied er sich für ein pinkfarbenes Teil mit Schlaghose, dazu ein brauner Gürtel und eine Perücke mit langen, blonden Haaren.

Ob er sich dieses Jahr wieder verkleiden wird? Wahrscheinlich schon, „es macht einfach so viel Spaß, kostümiert zu laufen!“ Dafür müsse er aber noch einiges am Kostüm vom vorigen Jahr ändern, die Hosenbeine kürzen oder enger nähen. „Die Perücke war gar nicht so unbequem, man schwitzt ja sowieso“, sagt er. Nur die Hose mit Schlag sei ihm zum Verhängnis geworden, ein paar Mal sei er über die zu langen Beine gestolpert und sogar hingefallen.

Weihnachten zu viel geschlemmt

Mit dem Laufen begann Spohr im Winter 1998. „Es war der Klassiker: In der Weihnachtszeit hatte ich zu viel geschlemmt und wollte wieder in Form kommen“, erzählt er. Schon früher hatte er viel Sport gemacht, Fußball und Tennis gespielt. Doch der Laufsport gefiel ihm. Er blieb dabei. Bald war auch die Idee für die wohl herausforderndste Strecke überhaupt da.

Für die Vorbereitung auf den Berlin Marathon 1999 gründete Spohr zusammen mit Bekannten und Nachbarn einen Lauftreff, der bis heute existiert. Anfangs war Spohr lieber allein gelaufen. Inzwischen zählt seine Gruppe 40 Mitstreiter.

Sie treffen sich dreimal wöchentlich. „Weil wir so viele sind, können wir uns in Gruppen nach Geschwindigkeit aufteilen.“ So könne jeder in seinem Tempo laufen. Ihr Trainingsgebiet ist der Naturpark Schönbuch in der Nähe von Sindelfingen. „Dort gibt es tolle Wege, und man kann große Schleifen laufen.“

Der Berlin Marathon ist ein fester Termin und eine große Motivation innerhalb des Treffs geworden. „Jeder, der Lust hat, kann sich mit uns zusammen auf die 42,195 Kilometer vorbereiten.“ Auch dieses Jahr wird Carsten Spohr mit 14 anderen aus seiner Laufgruppe in Berlin starten. „Leider konnten wegen des Losverfahrens nicht alle einen Platz ergattern.“

Gesicherter Startplatz

Er musste sich darum nicht sorgen. Sportler, die zehn Mal teilgenommen haben, sind „Jubilee-Läufer“. Ihr Startplatz ist reserviert.

Früher wollte Spohr immer neue Bestzeiten erlaufen. Inzwischen ist er nicht mehr so verbissen, es soll Spaß machen. „Ich bleibe oft bei unseren Läufern, die zum ersten Mal in Berlin dabei sind, die Geschwindigkeit ist mir nicht mehr so wichtig“, erzählt er.

Seine persönliche Bestzeit sind drei Stunden und zehn Minuten. Seit 1999 läuft er jeden Herbst in Berlin – und im Frühjahr einen anderen Marathon. Er war schon in Hamburg und New York, aber Berlin ist sein Favorit. „Man sieht so viel von der Stadt, und die Atmosphäre ist einfach atemberaubend“, schwärmt er.

Hervorstechen aus der Masse der Läufer

Die tolle Atmosphäre hänge vielleicht auch ein wenig mit seinem Kostüm zusammen. „Du stichst aus der Masse der Läufer hervor, die Leute erkennen dich und feuern dich an.“ Auf den Startnummern, die ans Shirt – oder eben an das Kostüm – gepinnt werden, steht auch der Name des Läufers.

„Wenn mich die Zuschauer mit meinem Namen rufen – ‚Los Carsten, du schaffst das, tolles Kostüm!‘ – ist das ein Wahnsinnsgefühl mit Gänsehaut!“ Auch die Mitläufer mögen seine Verkleidung. So hat er auch schon eine Läuferin im Dirndl kennengelernt. „Man kommt viel einfacher mit anderen ins Gespräch.“

Am Freitag wird Spohr mit seiner Gruppe und ein paar Fans in Berlin ankommen. Beim Frühstückslauf über sechs Kilometer am Sonnabendmorgen werden sie selbstverständlich dabei sein. Bei diesem Lauf sind Kostüme und Ähnliches ausdrücklich erwünscht. Die Sindelfinger gehen schon seit Jahren mit roten Afroperücken an den Start. Am meisten würden sie von japanischen Touristen fotografiert.

Euphorie ist eine Falle

Spohr vergisst bei all dem Spaß aber nicht, dass es immerhin um 42 Kilometer geht. „Man darf sich am Anfang nicht zu sehr von der Euphorie mitreißen lassen.“ Dann startet man zu schnell und das ist gefährlich. „Die Geschwindigkeit tötet“, sagt er. Der Routinier hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, die Neulinge zu begleiten und dafür zu sorgen, dass sie auch Spaß haben. Besonders ab Kilometer 30, wenn die Beine langsam müde werden.

Am Straßenrand stehen seine Unterstützer, die aus Sindelfingen mit nach Berlin gekommen sind. Nach Spohr müssen sie nicht lange suchen, mit seiner Kostümierung leuchtet er in der Menge. Wo seine Freunde auf ihn warten, wird vor dem Start abgesprochen. „Wenn du weißt, bei Kilometer 38 steht jemand und feuert dich an, dann hilft es durchzuhalten und treibt dich zusätzlich an.“

Wie viele Marathons Carsten Spohr noch laufen will? „In 20 Jahren noch einen Marathon laufen zu können, das wäre schon toll“, sagt er. Aber ob er dann immer noch mit Kostüm antreten wird?