Die Oberbekleidungsindustrie hat sich in den letzten Jahrzehnten in eine klare Richtung entwickelt: Alles ist Sportswear, wahlweise. Wenn wir mal die vielen feinen Differenzierungen ignorieren, klebt an jedem zweiten Fuß ein Turnschuh oder etwas, das zumindest so aussehen will.

Besonders gern wollen Polo-Hemden sportlich aussehen, vor allem dann, wenn sie mit einer Rückennummer versehen sind und einer Aufschrift vorn, die lautet: „St. Moritz Minigolf“. Früher in unserer Straße wohnte ein Junge, der sich einen geklauten Mercedes-Stern vorn an sein Kettcar geklebt hatte. Nicht auszuschließen, dass einstige Kettcar-Tuner zu Polo-Posern heranwachsen. Genau so gut könnte man T-Shirts mit der Aufschrift „Oscar-Gewinner“ oder „Nobelpreisträger“ spazieren tragen.

Dschungelstiefel und Drachen-Tattoo

Nicht viel weniger peinlich als das Selbstausrüsten mit falschen Sport-Accessoires ist der Erwerb hochpreisiger Ausrüstung, die aber nie zum Einsatz kommt.

Wir schmücken uns mit Insignien vermeintlicher Heldentaten, mit Dschungelstiefeln, Arbeiterjacken und Drachen-Tattoos. Nicht auszuschließen, dass das eine oder andere Identitätsproblem unserer Tage auch vom fortwährenden und ziemlich sinnentleerten Rollenspiel rührt: Nichts ist echt, das Leben als fortwährendes Als-ob. Entscheidende Frage: Hilft die Verkleidung dem Menschen, sich mit sich selbst wohler zu fühlen? Eine Weile vielleicht, vor allem im Fachgeschäft und bei den ersten Ausflügen. Aber ein dauerhaftes Konzept ist der Mummenschanz wohl kaum.

Kunst besteht im dezenten Einsatz

Und dann gibt es da noch: Freizeitsportler, die tatsächlich benutzen, was sie tragen. Die große Kunst besteht im dezenten Einsatz: Mit einem Laufhemd sollte man allenfalls am Casual Friday ins Büro gehen, auch in der Oper dürfte man skeptische Blicke riskieren. Und Lauf-Leggings erst – die eng anliegenden Beinkleider sind selbst während der Ausübung des Sports ein optisches Gräuel.

Während der Lauf-Anfänger ausgiebig seinem Drang nachgibt, die ganze Welt an seinem neuen Sport teilhaben zu lassen, indem er nichts anderes mehr trägt als seine Einkäufe aus dem Lauffachgeschäft, übt sich der Fortgeschrittene an diskreterem Zurschaustellen seines Hobbys. Eine halbwegs dezente Pulsuhr sorgt ebenso sicher für Eindruck wie das Finisher-Shirt vom Berlin-Marathon beim nachbarschaftlichen Grillfest.

Rüdiger Grube ist begeisterter Läufer

Paah, alles nur Äußerlichkeiten, mag der Purist einwenden. Mag schon sein. Aber das Äußere bestimmt die innere Haltung. Vor allem dann, wenn die Funktionsware wirklich zum Einsatz kommt und nicht nur Pose ist.

Rüdiger Grube, Chef der Deutschen Bahn und seit 40 Jahren nahezu täglich im Laufschuh unterwegs, bringt es auf den Punkt: „Wenn ich morgens gelaufen bin, fühle ich mich den ganzen Tag über sportlich: Ich esse anders, ich bin ausgeglichener, ich achte auf mich.“

Stimmt, meistens jedenfalls.