Der Mann, der einmal sagte „Nur in Berlin ist man unsterblich“, will nun Ernst machen. Yann Guyader will sich in diesem Jahr beim Berlin-Marathon seine Unsterblichkeit als Inlineskater erlaufen. Der Franzose steht vor der Sponsorenwand und posiert mit dem neuen Maskottchen Fridolin Flink für die Fotografen. Er gilt als einer der besten Skater aller Zeiten. Der 29-Jährige gewann, nur um ein paar Erfolge zu nennen, dreimal Gold bei Weltmeisterschaften und sechzehnmal bei Europameisterschaften. Doch es klafft eine Lücke in dieser nahezu perfekten Karriere: Noch nie hat Yann Guyader den Berlin-Marathon gewonnen. „Manchmal war es Pech, manchmal war ich nicht gut genug“, erzählt er. „Es ist das Rennen des Jahres, und jeder will es gewinnen.“

Der Berlin-Marathon gilt in der Szene tatsächlich als der beste und wichtigste Inlineskate-Marathon der Welt. Nirgendwo kommen so viele Skater zusammen, nirgendwo stehen so viele Menschen am Straßenrand und fiebern mit den Sportlern. 250.000 Zuschauer werden an der Wegstrecke erwartet, bis Mittwoch hatten sich rund 6300 Skater angemeldet. Sie kommen aus aller Welt. Allein aus Dänemark gibt es 704 Anmeldungen. Doch nur etwa fünf Prozent der Teilnehmer sind ambitionierte Leistungssportler wie Yann Guyader.

Niedrigere Hürden als beim Laufen

„Die überwiegende Mehrheit sind reine Freizeitsportler“, erzählt Sascha Hagemann, der erster Vorsitzende von SCC-Skating ist, dem größten Inlineskate-Verein in Berlin. Der Grund dafür liegt im Sport an sich, denn die Hürden für einen Einstieg sind wesentlich niedriger als beim Laufen. Schon mit einer gewissen Grundfitness kann jeder den Marathon problemlos bestreiten.

„Wer noch nie auf Inlineskates gestanden hat und im Juli anfängt für einen Marathon im September zu trainieren, schafft das locker“, sagt Hagemann. Natürlich nicht in einer Spitzen-Zeit, die im letzten Jahr übrigens bei einer Stunde und vier Sekunden für die 42 Kilometer lag, aber darum soll es auch gar nicht gehen. „Für viele Läufer ist der Berlin-Marathon einfach auch eine schöne Runde durch ihre herbstliche Heimatstadt. Die Bäume sind bunt, die Menschen jubeln, und im Idealfall scheint auch noch die Sonne“, sagt Hagemann. Und da die Strecke so flach und breit ist, ist sie sehr angenehm zu fahren, für Profis und Freizeitsportler. Und überhaupt, schwärmt Hagemann, sei Berlin im Vergleich zu anderen deutschen Städten ein gutes Skate-Pflaster. Das will er bekannt machen.

Verein wirbt für Popularität des Sports

Denn nachdem der Inlineskate-Hype der 90er-Jahre aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland herüber geschwappt war und Fuß fasste, ging die Begeisterung kontinuierlich zurück. Deswegen rühren Hagemann und sein Verein fleißig die Werbetrommel für ihren Sport. So fand bereits im zweiten Jahr in diesem Sommer an mehreren Terminen auf dem Tempelhofer Feld das Radio Eins Rollfeld statt. Zusammen mit mindestens zehn Trainern des SCC konnten Anfänger und Fortgeschrittene kostenlos an ihren Fähigkeiten arbeiten.

Insgesamt 2000 Menschen kamen. Außerdem bietet der Verein an jedem Sonnabend, solange es das Wetter noch zulässt, auch auf dem Tempelhofer Feld ein Skate-Training an. Das kostet zwar was, Mitglied im Verein muss man aber nicht sein. Seine Ausrüstung sollte jeder selbst mitbringen. Gute freizeittaugliche Inlineskates gibt es schon für 100 Euro. Anders als die Schuhe der Profis, die schon mal 1500 Euro kosten können. Die Aktionen des SCC scheinen Früchte zu tragen: In diesem Jahr haben sich beim 17. Berlin-Marathon für Inlineskater besonders viele Anfänger angemeldet.

Anfänger können sich von Guides führen lassen

Die Organisatoren sind darauf vorbereitet. Anfänger können sich von Guides die 42 Kilometer führen lassen. Die geben Windschatten und motivieren, wenn mal die Kraft irgendwo am Streckenrand liegen geblieben ist. Es geht um ein Gruppengefühl, die Profis sagen sogar, dass man ohne ein Team gar nicht gewinnen kann. Doch die Guides sind nicht nur für Anfänger da. Auch Freizeitsportler, die eine bestimmte Zeit erreichen wollen, können sich einem Guide anschließen, der ihre Wunschzeit anbietet. Die Zeiten liegen zwischen einer Stunde und fünfzehn Minuten und zwei Stunden zehn.

Die Profis haben da etwas andere Ziele. So auch Felix Rijhnen. Der 23-Jährige gilt als Deutschlands bester Skater. Sein Traum ist zum einen am Sonnabend ein Sieg in Berlin, denn, es scheint verhext, auch ihm fehlt dieser Erfolg noch in seiner Karriere. Und er möchte nach einem grandiosen Schlusssprint in weniger als einer Stunde ins Ziel am Brandenburger Tor fahren. Die Spitzengeschwindigkeit bei diesem Schlusssprint kann in Berlin übrigens durchaus an 65 Kilometer in der Stunde heranreichen. Doch die Ein-Stunden-Marke zu schaffen wird nicht einfach. „Um die Stunde zu knacken, muss einfach alles stimmen“, sagt der Darmstädter. Am Wetter soll es nicht liegen. Für Sonnabend sind 16 Grad und Sonne gemeldet, optimale Voraussetzungen also.

„Ein Marathon pro Woche ist drin"

Felix Rijhnen fuhr letzte Woche noch einen Marathon in den USA, am Sonnabend dann Berlin. Ein ziemlich hohes Pensum. „Wir Skater stellen uns einfach nicht so an“, lacht er. „Wir haben eine gute Basis und Grundfitness.“ Ein Marathon pro Woche ist da schon drin – und das bei 20 bis 25 Stunden Training mit 300 geskateten Kilometern in der Woche. Aber Rijhnen ist mit seinen 23 Jahren auch ein Skater im besten Alter.

Anders als Yann Guyader, der mit 29 Jahren schon zum alten Eisen gehört. Inlineskaten im Profibereich ist ein sehr junger Sport. Deswegen muss es für Guyader in diesem Jahr auch mit dem Sieg klappen. Denn für den Herbst hat er seinen Rückzug aus dem Profisport erklärt. Und bis dahin will er unsterblich sein.