Berlin-Marathon

Mutter Mikitenko geht noch einmal auf Rekordjagd

Unter den vielen Hobbyläufern sind auch beim 40. Berlin-Marathon echte Profis dabei. Irina Mikitenko und Wilson Kipsang gehören zu den heißesten Anwärtern auf die vordersten Plätze.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Die „Tochter des Windes“ ist zurück. So wurde die japanische Marathonläuferin Naoko Takahashi in ihrer Heimat genannt, wo sie wie ein Popstar verehrt wurde. Spätestens nachdem sie 2001 in Berlin einen Weltrekord (2:19:46 Stunden) aufgestellt hatte. Auf Einladung der Veranstalter weilen alle acht Sportler, die bisher in Berlin in Weltrekordzeit ins Ziel gekommen sind, beim 40. Jubiläum des Laufes in der Hauptstadt. Eben auch die heute 41-jährige Takahashi, die als Einzige sogar mitlaufen wird, aber eher als ambitionierte Hobbyläuferin.

Sie war die Erste, die auf den Straßen Berlins unter 2:20 Stunden blieb. Und unter dieser magischen Marke will auch die Favoritin des Rennens am Sonntag bleiben: Florence Kiplagat aus Kenia, Siegerin in Berlin 2011. Die meisten Experten damals hatten auf einen Zweikampf zwischen der deutschen Irina Mikitenko und der britischen Weltrekord-Inhaberin Paula Radcliffe getippt. Doch lachende Dritte war die zweifache Mutter Kiplagat, die vor Mikitenko und Radcliffe gewann.

Die Britin ist am Sonntag nicht dabei, sie plagt sich seit Langem mit Verletzungen herum. Mikitenko hingegen ist am Start, zum vierten Mal. Einmal Erste (2008), zweimal Zweite (2007, 2011) – so lautet ihre Erfolgsbilanz. Noch einmal ganz oben auf dem Siegertreppchen zu stehen ist für sie allerdings nicht das Thema. Sie hat ein anderes Ziel, sie will den sogenannten Masters-Weltrekord knacken. „Man muss sich immer neue Anreize schaffen“, erklärt sie.

Es handelt sich dabei um die Bestzeit für Athletinnen über 40 Jahre, gehalten seit fünf Jahren von der Russin Ludmilla Petrowa (2:25:43). Mikitenko (Bestzeit 2:19:19) ist inzwischen 41. Ihre beiden Kinder Alexander und Vanessa sind 19 und acht Jahre alt. Auf ihr Alter angesprochen, entfährt ihr gleich ein „Leider!“. Natürlich fühlt sie sich körperlich nicht mehr so stark wie in ihren Hochzeiten, als sie 2008 und 2009 zweimal die World Marathon Majors (WMM) gewann. Jeweils einen Scheck in Höhe von 500.000 Dollar konnte sie damals entgegennehmen.

Was sich allerdings bei Irina Mikitenko nicht verändert hat, ist ihr Ehrgeiz. Wenn sie beim Training merkt, dass sie nicht die Zeit erreicht, die sie sich vorgenommen hat, „bin ich richtig sauer“. Und eine weitere Sache wird sich nicht mehr ändern: „Ich bin vorher immer noch etwas aufgeregt und schlafe unruhiger.“ Auf eine Frage will Irina Mikitenko aber partout keine Antwort geben. Auf das „Wie lange noch?“ erwidert sie nur: „Solange es noch Spaß macht …“ Sie denke von Jahr zu Jahr. Nur eines steht für sie fest: „Den Rekord der über 50-Jährigen werde ich bestimmt nicht mehr angreifen.“

Kipsangs Karriere begann mit einem Sieg in Ostfriesland

Das ist doch mal eine Ansage. Wilson Kipsang laviert erst gar nicht herum: „Ja, ich traue mir zu, Weltrekord zu laufen, es ist möglich“, sagt der bisher zweitschnellste Marathonläufer der Welt. Warum sollte er es sich auch nicht zutrauen, die Bestzeit von Patrick Makau von 2:03:42 Stunden, gelaufen 2011 in Berlin, zu unterbieten? Die Winzigkeit von vier Sekunden fehlten ihm, als er nur wenige Tage nach Makaus Rekordlauf als Sieger des Frankfurt-Marathons ins Ziel kam.

Jetzt soll auf der flachen und daher besonders schnellen Strecke in Berlin der Rekord fallen. „Hier habe ich die besten Chancen“, sagt der Kenianer. Es scheint alles angerichtet zu sein. „Ich bin in sehr guter Form und auf den Weltrekord fokussiert.“ Und das Wetter soll auch optimal werden: Nicht zu kalt, nicht zu warm, am frühen Vormittag etwa zehn Grad, nur wenig Wind. Zudem hat er starke Konkurrenz, die ihn richtig fordern wird: seine Landsleute Geoffrey Kipsang, 20, und Eliud Kipchoge, 28.

Mit Konsequenz und Akribie hat sich Kipsang auf das „Unternehmen Weltrekord“ vorbereitet. Vor gut zwei Monaten war er bereits für ein paar Tage in Berlin, um das Terrain zu sondieren. „Ich möchte keine Überraschungen erleben“, meinte er damals. Er hatte seinen Kumpel Geoffrey Mutai mitgebracht, der sich in Berlin gut auskennt. Kein Wunder, schließlich gewann Mutai den Berlin-Marathon 2012 und konnte so gute Tipps geben.

Wilson Kipsang hat einen langen Anlauf genommen, um zu einem Weltklasseläufer zu werden. An seiner Schule nahm er zwar an Wettkämpfen teil, aber „ich war nicht richtig wettbewerbsfähig“, erzählt er. „Mein Fokus lag mehr auf dem Lernen als auf dem Laufen.“ Nach der Schule arbeitete er drei Jahre lang als Zwischenhändler für Farmprodukte. Nebenher trainierte er noch ein bisschen und nahm im Trikot eines Polizeisportvereins an kleinen Wettkämpfen teil. Von einem niederländischen Manager wurde sein Talent entdeckt und er intensivierte das Training.

„Ich habe auch Glück gehabt“, sagt er rückblickend. Als 2007 ein Kollege aus seiner Trainingsgruppe erkrankte, kam er zu seinem ersten Einsatz im Ausland: beim 10 Kilometer langen „Jever-Fun-Run“ im ostfriesischen Schortens. Lachend erinnert er sich an das riesige gefüllte Bierglas, das ihm dort – neben einem kleinen Preisgeld – für seinen Sieg überreicht wurde. „Das Bier war aber alkoholfrei“, meint Kipsang.

In Ostfriesland begann sozusagen die Karriere von Kipsang, der 2012 bei den Olympischen Spielen in London Bronze gewann. Er siegte beim London-Marathon (2012) ebenso wie zweimal in Frankfurt (2010, 2011). Jetzt will er die Krönung, den Weltrekord.

Hier finden Sie den Streckenplan als PDF zum Ausdrucken

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