Hartnäckig hält sich der Mythos, Frauen könnten besser als Männer mehrere Aufgaben parallel erledigen. Wissenschaftlich bewiesen werden konnte dieses Klischee bislang zwar nicht. Doch wer sich mit Deborah Schöneborn unterhält, der würde sich nicht wundern, wenn dem tatsächlich so wäre.
In ihrer Trainingsgruppe bei der LG Nord hat im vergangenen Jahr niemand so viele deutsche Meisterschaften mitgemacht wie die 24-Jährige, die im Stadion und auf der Straße startete, beim Cross und in der Halle. Und fast überall war sie auch erfolgreich: Jeweils Silber gab es für sie im 10 Kilometer Straßenlauf sowie über 10.000 Meter auf der Bahn; bei den Hochschulmeisterschaften holte sie in der Halle über 3000 Meter den Titel.
Am Ende des Jahres feierte sie bei der Cross-EM in Tilburg (Niederlande) zudem ihr internationales Debüt und gewann mit der Mannschaft die Bronzemedaille. Für den Deutschen Leichtathletik-Verband war es das erste Cross-Edelmetall im Erwachsenenbereich seit sieben Jahren.
Im Frühjahr wartet das Staatsexamen in Medizin
Die meisten Athleten entscheiden sich früher oder später für eine Disziplin, auf die sie ihren Fokus legen. Auch Deborah Schöneborn sagt: „Ich muss lernen, Prioritäten zu setzen.“ Aber noch tut sie sich schwer mit der fälligen Entscheidung, auf welche Strecke sie sich künftig konzentrieren soll. „Ich befinde mich momentan noch in einer Findungsphase“, meint sie.
Schließlich ist die jüngere Schwester von Fünfkampf-Olympiasiegerin Lena Schöneborn erst vor zwei Jahren überhaupt zur Leichtathletik gewechselt. Vorher war sie selbst ebenfalls im Modernen Fünfkampf aktiv, stand dort 2014 sogar im Finale der Junioren-WM. Eine Karriere wie der ihrer Schwester Lena war der gebürtigen Rheinländerin allerdings nicht vergönnt, dafür war sie ihm Schwimmen und Fechten nicht gut genug. Spätestens ab dem Juniorenbereich wurde es zudem immer schwieriger, die sehr trainingsintensive Sportart mit dem Studium zu vereinen.
Ganz aufhören wollte sie jedoch nicht. Sie besann sich, dass sie schon als Fünfkämpferin immer eine der besten Läuferinnen gewesen war und entschied sich für eine zweite Karriere in der Leichtathletik. Gemeinsam mit ihr wechselte auch Zwillingsschwester Rabea Schöneborn die Sportart, die im Modernen Fünfkampf ebenfalls keine Perspektive mehr gesehen hatte.
Nun trainieren die beiden zusammen bei Detlef Müller, auch wenn sie nicht unbedingt auf denselben Strecken unterwegs sind – Rabea ist eher auf die kürzeren Distanzen festgelegt. Nebenbei studiert Deborah Schöneborn Medizin. Im April steht für sie das Staatsexamen an, danach geht es ins praktische Jahr. Auf finanzielle Unterstützung vom Verband kann sie bislang nicht zählen, so dass sie Trainingslager wie das in Portugal Anfang des Monats aus eigener Tasche bezahlen muss. Ratschläge holen sich die Schwestern daher auch von den Zwillingen Lisa und Anna Hahner vom SCC, die vor kurzem ebenfalls nach Berlin gezogen sind beziehungsweise oft hier trainieren.
Dabei geht es vor allem darum, wie man sich als Sportlerin am besten vermarktet. „In dieser Hinsicht sind die Hahner-Twins ein echtes Vorbild“, meint Deborah Schöneborn. Die Hahners sind im Laufsport längst zu einer Marke geworden, was die beiden Schöneborn-Schwestern erst noch vorhaben.
In Sachen Trainingsfleiß macht der Moabiterin dagegen so schnell niemand etwas vor. „Ich bin jemand, den man eher vom Training abhalten muss“, sagt sie. Momentan arbeitet sie vor allem an ihrer Grundschnelligkeit. In diesem Bereich hat sie die größten Reserven. „Ich kann den Motor an- und ausschalten und sehr gleichmäßig laufen, aber ich bin nicht so gut darin, zwischendurch hochschalten“, sagt sie. Mit Tempoverschärfungen und plötzlichen Antritten tut sie sich schwer, was eher gegen eine Karriere auf der Bahn sprechen würde, wo viele Rennen taktisch geprägt sind.
Nächstes Ziel ist die WM in Doha Ende September
Langfristig tendiert Deborah Schöneborn deshalb zum Straßenlauf. „Ausdauer war schon immer mein Ding“, sagt sie. Größere Trainingsumfänge ist sie aus Fünfkampf-Zeiten ohnehin gewohnt. Im vergangenen Herbst lief Schöneborn in Köln ihren ersten Halbmarathon und wurde in 1:04:13 Stunde auf Anhieb Dritte. Dabei waren die Bedingungen in der Domstadt eigentlich alles andere als ideal: Es war windig und Schöneborn viel zu dünn angezogen. Dennoch war sie am Ende mit ihrem Debüt zufrieden.
Im Frühjahr plant sie einen weiteren Start über die 21,0975 Kilometer, ehe sie im Herbst womöglich das erste Mal die doppelt so lange Distanz in Angriff nehmen wird. Das heißt: Falls sie sich nicht für die WM in Doha (Katar/27. September bis 6. Oktober) qualifiziert. Gleich auf zwei Strecken rechnet sich die Berlinerin Chancen aus – sowohl über 5000 Meter, wo sie im vergangenen Jahr nur neun Sekunden von der EM-Norm entfernt war, als auch über 10.000 Meter. Das sportliche Multitasking wird noch weitergehen.





