Berliner Champions

Eishockey im Schatten der harten Männer

Fraueneishockey bekommt hierzulande nicht die Beachtung, die es verdient. Anne Bartsch hat das in Schweden ganz anders erlebt.

Anne Bartsch begann als Cheerleaderin. Doch sie wechselte schnell zum Eishockey.

Anne Bartsch begann als Cheerleaderin. Doch sie wechselte schnell zum Eishockey.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin.  Anne Bartsch war früher immer ganz froh gewesen, dass sie beim Eishockey einen Helm trägt. Schließlich schützte dieser nicht nur den Kopf, sondern taugte zudem dazu, sich zu verstecken. Bartsch mochte das Gefühl nicht, dass alle sie anschauen, deswegen hatte sie als Kind nach nur einem Auftritt das Cheerleadern sein gelassen und war stattdessen aufs Eis gewechselt.

WM-Platz vier war eine Sensation

Im Frühjahr 2017 stand sie allerdings auch dort völlig unverhofft im Rampenlicht: Bei den Weltmeisterschaften in den USA erreichte die Berlinerin mit der Nationalmannschaft sensationell Platz vier. Es war der größte Erfolg in der Geschichte des deutschen Fraueneishockeys, vergleichbar mit dem Olympia-Silber der Männer ein Jahr später in Pyeongchang. „Niemand von uns hatte ein solches Ergebnis für möglich gehalten, aber im Verlauf des Turniers hat die Sache eine eigene Dynamik entwickelt“, sagt Anne Bartsch.

Ihre Mutter hatte geglaubt, dass sie bald die Lust am Eishockeyspielen verlieren würde. Es kam anders, am Ende begleitete sie ihre Tochter nach Berlin, weil diese nach ihrem Wechsel aus Jonsdorf in Sachsen zu den damaligen OSC Eisladies nicht ins Internat ziehen wollte. Schon als 15-Jährige erlebte Bartsch ihre ersten Einsätze in der Bundesliga, war 2010 dabei, als die Berlinerinnen ihren bislang letzten Meistertitel holten. „Im Fraueneishockey ist es nicht unüblich, dass Mädchen bereits in so jungen Jahren den Schritt in die erste Liga wagen“, sagt sie. Eine Nachwuchsliga existiert für den weiblichen Bereich nicht – die Talente müssen früher den Sprung ins Oberhaus riskieren, wenn sie auf höchstem Niveau spielen wollen.

Als Verteidigerin angefangen, zur Stürmerin umgeschult

Parallel spielte Bartsch in Jonsdorf bei den Jungs. Zu ihren Teamkollegen zählte damals der heutige Eisbären-Abwehrspieler Maximilian Adam. Auch die 23-Jährige ist gelernte Verteidigerin, wurde vor einigen Jahren aber zunächst zur Flügelstürmerin umgeschult und fungiert nun in Berlin als Centerin. „Mit meiner Erfahrung als Verteidigerin und Stürmerin bin ich die ideale Besetzung für die Spielmacherposition“, meint sie. Zu ihren Stärken zählen ihre Schnelligkeit und ihre schlittschuhläuferischen Fähigkeiten.

Wenn sie erzählt, dass sie als Frau Eishockey spielt, ist die erste Reaktion meistens: So etwas gibt es? Und dann: So siehst du gar nicht aus. Tatsächlich ist Anne Bartsch weder besonders groß noch besonders breit, weshalb viele ihr die körperbetonte Sportart nicht zutrauen. Doch die Regeln im Fraueneishockey sind ohnehin etwas anders. Bodychecks sind nicht erlaubt, wenngleich die Regeln etwas weniger streng ausgelegt werden, seit Schiedsrichter aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) der Männer bei den Frauen pfeifen. Bartsch ist das ganz recht: „Eishockey ist nun einmal eine körperbetonte Sportart.“ Der fehlende Körpereinsatz sei ein Grund dafür, weshalb Fraueneishockey hierzulande deutlich im Schatten der Männer steht. Technisch sind die Spielerinnen hervorragend ausgebildet. Davon kann man sich am Sonntag (13 Uhr) selbst ein Bild machen, wenn die Eisbären Juniors im Wellblechpalast gegen die Mad Dogs Mannheim antreten.

Rückkehr nach Schweden nicht ausgeschlossen

Im Sommer 2017 war die komplette Mannschaft der OSC Eisladies geschlossen zu den Eisbären Juniors gewechselt. Die Hoffnung lautete, durch den prominenten Namen mehr Aufmerksamkeit bei Fans und Sponsoren zu erzeugen. Das ist zum Teil gelungen, wenngleich die Frauen ihre Ausrüstung nach wie vor selbst bezahlen und sogar Mitgliedsbeiträge leisten müssen. Sportlich läuft es eher mäßig. Aktuell sind die Berlinerinnen Sechster und werden das erstmals ausgetragene Play-off der besten vier Mannschaften wohl verpassen. Stattdessen droht die Play-down-Runde.

Die Eisbären sind neben Ingolstadt und der Düsseldorfer EG einer von nur drei DEL-Klubs, die mit ihren Frauen in der Bundesliga mitmischen. In Schweden etwa sind sämtliche großen Vereine auch im weiblichen Bereich aktiv. Anne Bartsch durfte 2016/17 während einer Saison in Jönköping erleben, welch hohen Stellenwert das Fraueneishockey in Skandinavien besitzt. Für das Training standen mehrere Hallen zur Verfügung, zu Auswärtsspielen reiste das Team einige Tage im Voraus an. „Das war das Paradies“, sagt Bartsch. Die Kontakte nach Jönköping bestehen weiterhin, eine Rückkehr schließt die Berlinerin nicht aus. Das Rampenlicht scheut sie längst nicht mehr.