Es klingt wie ein Witz: ein Rettungssportler, der ins Kino geht, um sich ausgerechnet „Baywatch“ anzuschauen. Tatsächlich musste Jan Malkowski im vergangenen Jahr bei der Filmadaption der gleichnamigen Fernsehserie mehr als einmal laut lachen, was allerdings eher daran lag, dass einige Szenen auf der Leinwand so herrlich unrealistisch waren. „Mit unserem Alltag hatte das rein gar nichts zu tun“, meint der Berliner. Als Fortbildung konnte er die Kosten für die Kinokarte später jedenfalls nicht absetzen.
„Baywatch“ ist stets die erste Assoziation der Leute, wenn Malkowski erzählt, dass er Rettungssportler ist. Dabei gehen die Unterschiede schon damit los, dass er noch nie am Strand die Badeaufsicht übernommen hat, geschweige denn einen Menschen aus dem Wasser retten musste. „Rettungssportler arbeiten selten als Rettungsschwimmer“, erklärt er, dafür bleibe angesichts von 35 Stunden Training in der Woche keine Zeit. Anfangs habe er sich nicht leicht getan mit dem Gedanken, dass das, was für ihn Sport ist, für einen Ertrinkenden den Kampf ums Überleben bedeutet. „Der Rettungsgedanke ist im Rettungssport immer vorhanden“, sagt er. Ohne entsprechende Kenntnisse wäre er bei internationalen Wettkämpfen auch nicht zugelassen.
Der Berliner wird auch Doppel-Weltmeister mit der Staffel
Malkowski kommt aus Karlshorst, lebt derzeit aber in Warendorf in der Nähe von Münster, wo er die Sportfördergruppe der Bundeswehr besucht. Ende November wurde der 25-Jährige erstmals Einzelweltmeister in der Disziplin 100 Meter Retten mit Flossen. Zwei weitere Titel gab es mit der 4x50-Meter-Gurtretter-Staffel sowie mit der gemischten 4x50-Meter-Lifesaver-Staffel. Silber holte er über 100 Meter Retten mit Flossen und Gurt.
Die Titelkämpfe fanden in Adelaide in Australien statt. „Dort starten selbst bei kleineren Wettkämpfen oft mehrere hundert Teilnehmer, die jüngsten sind gerade einmal sieben oder acht Jahre alt“, berichtet Malkowski. Vor allem entlang der australischen Gold Coast finden sich Life Saving Clubs alle 500 Meter. Entsprechend groß war seine Vorfreude auf die WM, zumal Malkowski nach seinem Weltrekord im Vorfeld auch noch als Favorit ins Rennen ging.
Schneller als der Freistilweltrekordler
Doch dann lief bereits nach wenigen Metern seine Schwimmbrille voll Wasser – der Berliner sah nur noch schemenhaft und musste quasi blind schwimmen. „Zum Glück war ich so gut vorbereitet, dass am Ende alles gut gegangen ist“, sagt er. 44,72 Sekunden benötigte er für die Strecke, bei seinem Weltrekord (44,21) war er sogar noch eine halbe Sekunde schneller.
Zum Vergleich: Der Freistilweltrekord über 100 Meter liegt bei 46,91 Sekunden. Obwohl Malkowski die Hälfte der Strecke eine rund 50 Kilo schwere Puppe schleppen musste, war er also klar schneller. Das liegt daran, dass er mit Flossen unterwegs ist, die deutlich höhere Geschwindigkeiten erlauben. Bis 2015 war er ausschließlich Flossenschwimmer, sogar mehrfach Weltmeister in dieser Disziplin. Wenn es die Zeit erlaubt, startet er auch heute noch bei Wettkämpfen.
DLRG ist nationaler Dachverband
„Nachdem ich alles gewonnen hatte, ist mir der Hunger zum Erfolg ein wenig abhandengekommen“, sagt Malkowski. Der Rettungssport war eine neue Herausforderung. Dieser diente ursprünglich dazu, die Fitness der Rettungsschwimmer zu trainieren, ehe ab den 1970er-Jahren der Wettkampfgedanke immer stärker in den Vordergrund rückte.
Nationaler Dachverband ist die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Grundsätzlich werden die Wettkämpfe in zwei Arten eingeteilt: die Disziplinen im Schwimmbad sowie jene im Freigewässer. In Deutschland werden vor allem die Becken-Disziplinen ausgetragen, als Königsdisziplin gelten die 200 Meter Super Lifesaver. Dabei müssen die Teilnehmer zunächst 75 Meter Freistil schwimmen, anschließend tauchen sie hinab zu einer mit Wasser gefüllten Puppe und holen sie an die Wasseroberfläche. Die Puppe muss 25 Meter bis an Land geschleppt werden. Danach legen die Sportler Gurtretter und Flossen an und schwimmen 50 Meter zu einer weiteren Puppe, die mit dem Gurtretter 50 Meter zum Ziel geschleppt wird.
Olympiateilnehmerin im Schwimmen ist chancenlos
„Die Wasserlage ist eine ganz andere, wenn man mit Puppe schwimmt“, sagt Malkowski. Bei der WM startete mit der Ungarin Zsuzsanna Jakabos eine Olympiateilnehmerin im Schwimmen, die gegen die Spezialisten keine Chance hatte. „Als Rettungssportler muss man damit klarkommen, dass der Rhythmus nicht so perfekt ist. Da muss man variabel sein“, so Malkowski. Bislang konzentriert sich der Berliner ganz auf die Schwimmbaddisziplinen, doch das kann er sich womöglich bald nicht mehr leisten.
Weil die DLRG pro Geschlecht nur sechs Athleten nominieren darf, sind mit Blick auf die Mannschaftswertung vor allem Generalisten gefragt, die in allen Disziplinen eine gute Rolle spielen. „Es bringt dem Verband mehr, einen Sportler mitzunehmen, der in sämtlichen Disziplinen das Finale erreicht, als jemanden, der nur in drei, vier Disziplinen antritt“, sagt Malkowski. Selbst, wenn er dort den Titel holt.


