Leichtathletik

Robert Harting wird vom Dominator zum Debütanten

Nach 521 Tagen Verletzungspause gibt Robert Harting beim Hallen-Istaf sein Comeback. Er ist selbst gespannt, was herauskommt.

Endlich wieder da: Robert Harting kehrt an diesem Sonnabend beim Istaf Indoor auf die große sportliche Bühne zurück

Endlich wieder da: Robert Harting kehrt an diesem Sonnabend beim Istaf Indoor auf die große sportliche Bühne zurück

Foto: imago sportfotodienst / imago/Michael Schulz

Berlin.  Robert Harting kann beides. Kann klare Worte finden, wenn es um Doping, die Sportförderung oder das unwürdige Treiben gewisser Funktionäre geht. Aber auch: nicht zu viel preisgeben, in Bildern antworten, wenn er nach Dingen gefragt wird, die ihn persönlich betreffen. Etwa, wie es um seine Form bestellt ist nach 521 Tagen Pause wegen seines im September 2014 erlittenen Kreuzbandrisses im linken Knie.

Wie ein Auto, das gerade aus der Werkstatt kommt

Da hält sich der 31-jährige Olympiasieger und dreimalige Weltmeister vor seinem Comeback an diesem Sonnabend beim Hallen-Istaf in der Berliner Mercedes-Benz Arena (Beginn 16 Uhr) bedeckt. Sein Körper, weicht er aus, sei zu vergleichen mit einem Auto, das gerade noch in der Werkstatt war. Man müsse abwarten, ob alles rund läuft: „Da sind so viele neue Teile drin, die müssen erst mal getestet werden.“

Vollgas geben hört sich anders an. Aber die vorsichtige Reaktion ist verständlich. Aus dem Diskus-Dominator, der einmal 35 Wettkämpfe in Serie gewonnen hat und besonders bei den großen Events über Jahre hinweg unschlagbar erschien, ist wieder ein Debütant geworden in beinahe eineinhalb Jahren Zwangspause. So beschreibt es der Berliner jedenfalls selbst: „Ich fühle mich gerade nicht wie ein Olympiasieger. Eher wie ein Anfänger.“

Sein Bruder Christoph hat sich zum Herausforderer entwickelt

Eine gewisse Unsicherheit schwingt mit. Hält das operierte Knie den Belastungen stand? Kann er schon bald wieder in ähnliche Leistungsbereiche vorstoßen wie bei seinem besten Resultat von 70,66 Metern, 2012 in Turnov/Tschechien erzielt? Und wie reagiert die Konkurrenz auf die Rückkehr ihres Besten nach der langen Unterbrechung?

Zu den Herausforderern gehört mit Christoph Harting sogar sein eigener, sechs Jahre jüngerer Bruder. Dem gelang 2015 weltweit mit 67,93 Metern die drittgrößte Weite, bei der Weltmeisterschaft in Peking belegte er Rang acht. „An ihm“, sagt Harting, der Ältere, „werde ich mich erst mal orientieren. Das wird interessant.“

Eine Art Test unter Show-Bedingungen

Wobei der Wettkampf in Berlin nur ein Einstieg ist, eine Art Test unter Show-Bedingungen. Diskuswerfer in der Halle sind ein ungewohntes Bild. Die Veranstaltung wurde quasi für den Star der deutschen Leichtathletik kreiert. Mit Erfolg, zum dritten Mal findet sie statt, zum dritten Mal ist die Halle mit 12.000 Fans ausverkauft.

Bei der Premiere 2014 war Robert Harting dabei, kam jedoch in der Arena nicht sonderlich gut zurecht. Er wurde Vierter, gewonnen hat der Magdeburger Martin Wierig, der auch diesmal am Start ist. Außerdem zählen der WM-Zweite Philip Milanov aus Belgien, der WM-Fünfte Daniel Stahl aus Schweden sowie Christoph Harting zum Feld.

Er freut sich „tierisch“ auf den ersten Auftritt

Das Hallensportfest hat natürlich nicht den Stellenwert wie die Freiluftwettbewerbe dieser Saison mit den Olympischen Spielen in Rio an der Spitze. Trotzdem will sich Robert Harting vor seinem Publikum, in seinem „Wohnzimmer“, gut präsentieren. „Wir sind in der Testphase“, sagt Torsten Schmidt, der beide Hartings und Roberts Freundin Julia Fischer in einer Gruppe trainiert, „wir haben ein bisschen Leistung aufgebaut, und die will Robert jetzt auch zeigen. Er freut sich tierisch darauf.“

Besondere Probleme mit dem Knie, berichtet der Coach, gebe es nicht, auch keine große Unsicherheit, was seine Belastbarkeit angehe. „Es ist alles ausgeheilt“, beruhigt Schmidt, „aber nach eineinhalb Jahren ohne Wettkampfrhythmus ist es natürlich eine Herausforderung, sich wieder darauf einzulassen.“

Bloß nichts riskieren im Hinblick auf Rio

Nach seinem folgenschweren Trainingsunfall beim Joggen im September 2014 hat Harting bei seiner Rückkehr nichts überstürzt. Zunächst hatte er noch gehofft, schon bei der WM in Peking im vergangenen September wieder dabei sein zu können. Musste aber schmerzlich erkennen: „Das Knie kennt keine Uhr.“ Also verzichtete er auf den Versuch, den vierten WM-Titel in Folge zu gewinnen. Auch die Idee, beim Istaf im Berliner Olympiastadion einen vorsichtigen Anlauf zu unternehmen, wurde nicht ernsthaft verfolgt. Devise: Bloß nichts riskieren im Hinblick auf das verlockende Ziel, in Rio zum zweiten Mal nach London 2012 Olympia-Gold zu holen.

Und es hatte ja auch gewisse Vorteile, mal nicht in der täglichen Knochenmühle Leistungssport zu stecken. So konnte sich Harting zum ersten Mal seit Jahren gönnen, Urlaub zu machen. Weil er aber auch als Rekonvaleszent ein gefragter Mann war, verschwand er nie ganz aus der Öffentlichkeit. Nur bei seinem sportlichen Aufbau für Rio geriet er ins Hintertreffen. „Jetzt muss ich die anderthalb Jahre in sechs Monaten nachholen“, sagt er.

Ans Aufgeben hat er nie gedacht

Nun ist Harting, der oft so rüberkommt, als könne ihn nichts und niemand erschüttern, zugleich jemand, der sehr sensibel sein kann, gerade in den dunklen Wintermonaten. Doch darüber, ob er seine Karriere vielleicht nach der niederschmetternden Knieverletzung beenden wollte, habe er nie gegrübelt, sagte er jetzt in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. „Ich wollte nie aufgeben.“ Klare Worte. Klarer geht’s nicht.