Comeback in Berlin

Für Robert Harting geht eine lange Leidenszeit zu Ende

Diskuswerfer Robert Harting feiert am Sonnabend sein Comeback in Berlin. Zurzeit quält er sich für Olympia.

Diskuswerfer Robert Harting bei seinem bislang letzten Wettkampf am 31. August 2014 im Berliner Olympiastadion

Diskuswerfer Robert Harting bei seinem bislang letzten Wettkampf am 31. August 2014 im Berliner Olympiastadion

Foto: Rainer Jensen / dpa

Im Olympiastadion bestritt er Ende August 2014 seinen letzten Wettkampf vor den heimischen Fans - in Berlin gibt Robert Harting am Samstag auch sein Comeback. Eine lange Leidenszeit geht zu Ende. Im Interview spricht der Diskus-Olympiasieger über die Zwangspause und seine Zukunft, über Olympia in Rio und die Krise der Leichtathletik.

Frage: Sagt Ihnen die Zahl 531 was?

Robert Harting: Die Tage von meinem letzten Wettkampf in Berlin bis zum Comeback? Ja. Das ist lange her. Die Zahl sagt an sich wenig aus, aber da stecken genau so viele Denkwelten drin, wie sie beziffert.

Kam Ihnen diese Zeit nicht wie eine Unendlichkeit vor?

Schon. Das war so ein bisschen gesichtslos, so luftleer, das ist schon komisch. Man genießt die Zeit natürlich erst mal, dass man nicht jeden Tag früh aufstehen und an die Leistung denken muss und sich jedes Mal durch den Schmerz durchquält. Jetzt wird es langsam Zeit, dass ich auch einen Wettkampf mache - und dass ich mich mal durchschüttel. Man darf nicht vergessen, wer man ist.

Wollten Sie mal aufgeben? Sie haben viele andere Hobbies...

... das ist aber auch das Problem. Ich wollte nie aufgeben, ich wollte immer wieder zurück!

Wofür schinden Sie sich noch, was motiviert einen mit 31?

Das Wort heißt Leidenschaft. Die Deutschen haben ja eine Leidenschaft für Erfolg, aber weniger die Leidenschaft, sich auch mal durchzuquälen. Es ist immer noch das Gefühl, dass das einfach noch nicht genug ist. Ich fühle mich aber gerade nicht wie ein Olympiasieger, sondern eher wie ein Anfänger. Ich fühle mich jetzt gerade wieder herausgefordert.

Das ist doch nicht neu?

Aber es ist auch nicht leicht. Egal ob im Berufsleben oder im Sport, es zählt immer: Einordnen, Unterordnen, Durchsetzen. Und ich hatte mich jahrelang nur noch mit dem Durchsetzen beschäftigen müssen. Und jetzt muss ich mich erst wieder einordnen, unterordnen.

Sie haben mal gesagt: In Rio muss ich kein Gold mehr holen...

2012 in London, da hatte ich mich über Gold definiert. Danach fiel viel von mir ab, ich war total erleichtert. Wenn ich das jetzt noch mal schaffe, wäre das geil. Das würde mich freuen. Ich könnte das viel mehr genießen. Damals war es ein Zwang, jetzt ist es ein „kann“. Das ist eigentlich viel positiver, weil man sich selber irgendwie nicht geißelt dabei.

Also Olympia ohne Druck, aber doch nicht im Schongang?

Ich muss mich jetzt zwar auch wieder zwingen und kämpfen. Aber ich hab' das ja schon mal geschafft. Es wird dieses Jahr einen Olympiasieger geben. Und wenn ich der bin, freue ich mich tierisch. Und wenn nicht, dann macht's ein anderer.

Wird das „Comeback“ der Welt-Leichtathletik auch gelingen? Nach den Dopingskandalen einfach alles auf Null - geht das?

Das wäre toll und einfach mal konsequent. Aber ich tue mich halt schwer zu sagen, die FIFA versaut den Fußball, und die Leichtathletik toppt das noch. Einmal beschreibe ich eine Organisation, das andere Mal eine Sportart. Konsequent wäre es, wenn man die Rekorde auf null stellt. Man sollte transparent sein, denn die Konsumenten des Sports in aller Welt werden immer klüger. Da muss der Leichtathletik-Weltverband deutlich nachlegen.

Gelingt die Imagewende mit Sebastian Coe an der Spitze?

Antwort: Die Chancen stehen so gut wie nie zuvor. Coe kann der Leichtathletik jetzt als Präsident einen Denkzettel verpassen. Er hat eine Riesenchance, und ich hoffe, er nimmt sie wahr.

Sollen die Russen in Rio starten? Das wäre doch sonst eine Kollektivstrafe - dann droht eine Klagenflut der sauberen Athleten.

Das ist eine Patt-Situation. Die Sanktion für den russischen Verband war das richtige Signal, denn das war ja Betrug auf höchster Ebene. Ich verstehe nur nicht, warum das Kollektiv der unschuldigen russischen Athleten sich noch nicht gemeldet hat und nicht auf die Barrikaden geht. Dann sollen sie doch unter der IOC-Flagge starten.

Trainer, Manager, Funktionär - wäre das später mal was?

Ich bin kein Freund von Konsens. Ich finde, das bremst und lähmt. Für ein sportpolitisches Amt bin ich sicher nicht geeignet. Ich bin für Veränderungen, da hab' ich Bock drauf. Aber was meine berufliche Zukunft betrifft, da bin ich selber noch ratlos.

Wann ist endgültig Schluss mit dem Sport? Wird das eine Harting'sche Vernunft- oder Bauchentscheidung?

Sowohl als auch. Der Kopf weiß, dass das Leben auch noch weitergeht und man seinen Körper noch mal braucht. Und vom Bauch her, weil man sich alle Ecken des Bildes schon mal angeschaut hat. 2018 ist definitiv Schluss! Bei meiner Heim-EM in Berlin - ich freu' mich drauf.

Robert Harting ist Deutschlands prominentester und einer der erfolgreichsten Leichtathleten. Der 31-Jährige war jahrelang der Herr im Ring: In London erkämpfte der gebürtige Cottbuser 2012 Olympia-Gold. Der Schützling der Trainer Werner Goldmann und Torsten Schmidt (seit 2013) wurde dreimal Weltmeister (2009, 2011 und 2013) und zweimal Europameister (2012, 2014). Am 9. September 2014 riss sich der dreimalige „Sportler des Jahres“ das Kreuzband im linken Knie und bestritt seitdem keinen Wettkampf mehr.