„Scheißegal! Weiter, weiter, weiter!“ Die Kommandos von Steffen Baumgart sind nicht zu überhören, selbst dann nicht, wenn mal wieder ein startender Flieger aus Tegel über den Rasenplatz an der Osloer Straße hinwegdonnert. Der Trainer des Berliner AK, schwarzer Trainingsanzug, schwarzes Basecap, springt von einer Kleingruppe zur nächsten und schaut seinen Spielern ganz genau auf die Füße.

Breitbeiniger Stand, die Hände auf die gebeugten Knie gestützt, konzentrierter Blick – eine Pose, die an einen Kampfrichter am Absprungbalken beim Weitsprung erinnert. Nur, dass Baumgart bei einem Fehler kein kleines Fähnchen hebt, sondern seinen Spielern gern mal in den Hintern tritt. Wirklich!

Immer 100 Prozent, immer Vollgas

Seit diesem Sommer ist Baumgart, 43, Trainer des Regionalligisten BAK. Den Spieler Steffen Baumgart, sagt er, habe er noch immer nicht ganz abgelegt, auch wenn er als Coach schon „ein bisschen ruhiger“ geworden sei.

Als Spieler war der heute 43-Jährige unter anderem für den 1. FC Magdeburg (2008) tätig
Als Spieler war der heute 43-Jährige unter anderem für den 1. FC Magdeburg (2008) tätig© picture-alliance/ dpa | Jens Wolf

Dennoch: An der Seitenlinie verkörpert der gebürtige Rostocker das, was ihn als Spieler stets zum Liebling der Fans machte – egal ob in Rostock, Cottbus oder beim 1. FC Union: Einsatz und Leidenschaft. Wo Baumgart ist, ist immer 100 Prozent, immer Vollgas.

Deswegen haben sie ihn geholt beim BAK. „Er hat eine direkte Art und eine klare Vorstellung“, sagt Sportdirektor Rocco Teichmann. Gemeinsam wollen sie die Moabiter als dritte Berliner Kraft hinter Hertha BSC und dem 1. FC Union positionieren – mit Begeisterung, aber ohne überzogene Euphorie. Die Zusammenarbeit ist zunächst auf ein Jahr angelegt. „Man muss sich ja erst mal kennenlernen“, sagt Baumgart. Norddeutscher Realismus.

Nach sieben Spielen auf Rang Zwei

Der Start in die Saison verlief allerdings vielversprechend. In der Regionalliga Nordost steht der Berliner AK nach sieben Spieltagen auf Rang zwei, als einziges Team sind die Berliner ohne Niederlage. Kein Zufall: Bei Baumgart, dem früheren Angreifer, hat die Abwehrarbeit Priorität.

Den Kader hat er gemeinsam mit Teichmann gezielt verstärkt und seine Spieler anschließend so gedrillt, dass sie nun eine überdurchschnittliche Physis aufweisen. „Wir stehen defensiv stabil, weil das ganze Team mitarbeitet“, sagt Baumgart.

In der Bundesliga war Baumgart (r.) 1998/99
In der Bundesliga war Baumgart (r.) 1998/99© picture alliance / Fritz Rust | Fritz Rust

Dass der BAK erst ein Gegentor kassiert hat, werde „gerne auf die Abwehrkette geschoben, aber so ist das nicht. Unsere Außen und Stürmer haben sehr intensive Laufwege nach hinten“.

So wie er selbst früher. Für einen 30-Meter-Sprint in die eigene Hälfte war er sich nie zu schade, und sei es in der dritten Minute der Nachspielzeit. „Ich habe bei Mannschaften gespielt, in denen wir uns 90 Minuten den Arsch aufgerissen haben“, sagt Baumgart.

Mit dem Gerede über „schönen Fußball“ kann er deshalb nicht viel anfangen. Seine Philosophie: Schön ist es zu gewinnen – und zwar lieber 1:0 als 3:2.

„Ich habe genug Großfressen kennengelernt“

Damit kein falscher Eindruck entsteht: An Ambitionen mangelt es Baumgart keineswegs. Im Frühjahr beendete er seine Fußballlehrer-Ausbildung, und natürlich möchte er irgendwann zurück in den großen Fußball.

Verbiegen will er sich deshalb aber nicht. „Ich habe genug Großfressen kennengelernt, die besser eine Powerpoint-Präsentation machen können als Fußball zu erklären“, sagt Baumgart. Stichwort Laptop-Trainer. „Das bin ich nicht. Bei mir geht es darum, Fußball zu arbeiten.“

Unvergessen ist er den Berlinern aber aus seiner Zeit bei Union Berlin (2002 bis 2004)
Unvergessen ist er den Berlinern aber aus seiner Zeit bei Union Berlin (2002 bis 2004) © picture-alliance / dpa | Bernd Settnik

Trainer werden, das wollte Baumgart schon immer. Wohl auch, weil sein Weg ins Profi-Dasein alles andere als gradlinig verlief. Beinahe wäre er in Ostfriesland gelandet. Dort absolvierte er eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. Erst der hartnäckige Frank Pagelsdorf lotste ihn zurück nach Rostock, Baumgart war da schon 23. Der Rest ist Geschichte.

„Fußball muss nicht gut, sondern erfolgreich sein“

Als Trainer kann Baumgart allerdings kaum Erfolge vorweisen. Beim 1. FC Magdeburg, damals Regionalligist, wurde er 2010 nach einem Jahr beurlaubt; bei Hansa Rostock musste er als Co-Trainer von Marc Fascher gehen (2013). Was er daraus gelernt hat? Dass Fußball „nicht gut, sondern erfolgreich“ sein muss.

Am Sonntag (13 Uhr) tritt der BAK beim FC Oberlausitz Neugersdorf an, dem Tabellendritten. Spitzenspiel, drittbester Angriff gegen beste Verteidigung. Egal, wie es ausgeht, an seiner Idee vom Fußball wird Baumgart auch bei einer Niederlage nichts ändern. Das Credo bleibt. Weiter, weiter, weiter!