Das Berliner Sechstagerennen ist wie die Tagesschau – es fängt abends um acht Uhr an und war schon immer da. Dementsprechend greift Berlins neuer Regierender Bürgermeister Michael Müller am Donnerstag – um acht – zur Pistole und schießt die 104. Ausgabe des Radklassikers im Velodrom an – die vielleicht wichtigste Aufgabe seiner bisherigen Amtszeit. 32 Profis im Mannschaftsrennen, 13 Top-Fahrerinnen in einem Vielseitigkeits-Wettbewerb, sechs Weltklasse-Sprinter und die europäische Elite (acht Fahrer) im Steher-Wettbewerb, ein traditionell volles Haus, ausgelassene Stimmung und lauter fröhliche Gesichter. Ein Berliner Original, lange ein Selbstläufer.
Doch letzteres ist das Sechstagerennen aktuell nicht mehr. Dass es eine Zäsur im sportlichen Bereich gibt, in Form eines Generationswechsels bei den Fahrern, ist das kleinste aller Probleme. „Natürlich müssen wir uns an neue Namen gewöhnen, aber das ist im Sport immer so. Bei uns fährt, mit wirklich wenigen Ausnahmen, die aktuelle Weltelite“, sieht Dieter Stein, Sportlicher Leiter des Rennens, die Entwicklung pragmatisch. Der 59-Jährige geht noch einen Schritt weiter: „Wir bekommen so viele Anfragen, dass wir Fahrer und ihre Teams durch Absagen enttäuschen müssen.“ Besonders enttäuschend ist das 2015, denn der Weltverband UCI hat das Rennen „geadelt“. In Berlin gibt es Weltranglistenpunkte. Für einige Starter bedeutet das, im Velodrom ihrem Traum von Olympia 2016 in Rio ein Stück näherkommen zu können.
Was die Verantwortlichen um Sechstage-Geschäftsführer Reiner Schnorfeil unruhig macht, ist die immer schwerer zu kalkulierende Zukunft der Veranstaltung. Es geht um die Finanzen und um Planungssicherheit. Dabei macht der 57-Jährige keinen Hehl daraus, dass am Ende sowohl sein Bankkonto, als auch das der GmbH ein Plus aufweisen sollen. Ungeachtet dessen: Es geht nicht um mehr Einnahmen, sondern eher um eine Senkung der festen Kosten. Schnorfeil: „Wir haben einen Vertrag, der 1997 geschlossen wurde. Er läuft bis 2017 mit einer Option bis 2022. Und bislang lief es, mal mit einem Ausreißer nach oben, mal nach unten, relativ glatt für die GmbH. Doch die Rahmenbedingungen haben sich in den 19 Jahren verändert. Unsere Konkurrenz ist größer geworden.“ Die Kosten aber nicht kleiner. „Es gab damals keine Füchse-Handballer in der Bundesliga, die Berlin Volleys (das Team ist Gast am Eröffnungs-Donnerstag, d.R.) hatten einen anderen Stellenwert als heute, was auch für die Eisbären gilt. Alles Konkurrenten um die Gunst der Zuschauer. Und es gab keine O2 World als Veranstaltungsort. Wir treten gegen ein wesentlich stärkeres Umfeld an“, listet Schnorfeil auf.
Hilfe aus der Politik
Am Ende steht eine klare Ansage des Sechstagechefs. „Ich will liebend gern vertragstreu sein, und ich gehe bei der Suche nach Kompromissen ziemlich weit. Was aber nicht bedeutet, dass ich mir nicht Gespräche über eine Modifikation des Vertrages mit dem Velodrom-Betreiber wünsche, und ich hätte gern Hilfe aus der Politik. Ändert sich nichts, fahren wir gegen die Wand. Dafür werde ich definitiv keine Verantwortung übernehmen.“ Ein Renn-Aus wäre aus Sicht der Radsportfans eine schlechte Lösung, aber auch mit Blick auf die Berliner Bewerbung um die Olympischen Spiele 2024 oder 2028.
„Nicht zuletzt unser Rennen erfüllt das Velodrom mit Leben. Wir sind definitiv ein Eckpfeiler für die Betreiber. Die Veranstaltung bietet Spitzensportlern mit Olympiaambitionen einen qualitativ hochwertigen Wettbewerb. Und das Velodrom bietet dem Nachwuchs ein perfektes Umfeld – natürlich auch außerhalb unserer Veranstaltung“, so Schnorfeil. Ein finanziell bedingter Verzicht auf das deutlich über zwei Millionen Euro teure Sechstagerennen würde da vieles infrage stellen. Beispielsweise die Nutzung für den Berliner Radsport. „Es würde für deutlich komplizierter werden, ohne Velodrom unser Niveau zu halten. Sicher würde es eine Lösung geben, aber es wäre bestimmt nicht die beste“, sieht Stein, in Personalunion auch Landestrainer in Berlin, mit Sorge in die nahe Zukunft.
20. Geburtstag steht an
Dabei gibt es durchaus Perspektiven für das Hallenspektakel. „Ich habe mit Kollegen aus England und Holland geredet, so ein bisschen Wünsch-Dir-Was“, sagt Schnorfeil. „Dabei war dann auch eine kleine Serie, beispielsweise London, Amsterdam, Rotterdam und Berlin im Gespräch. Wenn so etwas zu realisieren wäre, vielleicht auch mit Beteiligung des Fernsehens, wäre das eine tolle Sache. Es würde die Bahn auch für Straßenprofis wieder etwas attraktiver machen.“ Dazu passt, dass sich mit Bradley Wiggins, dem ersten Briten, der die Tour de France gewann (2012), ein absoluter Star im April aus dem Straßenrennsport zurückzieht. Der 34-Jährige hat ein Bahnteam gegründet und will 2016 in Rio starten. Sein Beispiel könnte den einen oder anderen Nachahmer finden. Das Berliner Velodrom ist Wiggins übrigens nicht fremd. 2000 landete er mit Landsmann Robert Hayles abgeschlagen, aber um wertvolle Erfahrungen reicher, auf Rang 14. Sieben WM-Titel, vier Goldmedaillen und der Tour-Sieg folgten.
2016 steht der 20. Geburtstag des Sechstagerennens im Velodrom an der Landsberger Allee an. Reiner Schorfeil: „Die Arbeiten für dieses Rennen haben begonnen, allen Sorgen zum Trotz.“ Es wird wieder um acht anfangen – wie die Tagesschau. Sicher sein, dass es immer so bleibt, sollte sich aber keiner.




