Tour de France

Neues Team strampelt gegen den Generalverdacht

In Berlin präsentiert sich das erste deutsche Profiradteam seit 2010. Die ARD kehrt in diesem Jahr wieder zur Live-Berichterstattung von der Tour de France zurück.

Foto: Lukas Schulze / dpa/Lukas Schulze

Für Bundesjustizminister Heiko Maas als Ehrengast und war es eine nette Abwechslung im Regierungsalltag. Für Tour-de-France-Direktor Christian Prudhomme war es „der wohl wichtigste Tag im deutschen Profiradsport der letzten zehn Jahre und damit auch ein besonderer für den Weltradsport.“ Die Vorstellung der Teams Giant-Alpecin (Männer, 27 Fahrer) und Liv Plantur (Frauen, neun Fahrerinnen) in der Französischen Botschaft in Berlin war am Ende ein weit größeres Ereignis, als die bloße Bekanntgabe von einer Reihe von Sportlernamen. 2010 war mit dem Milram-Team die bislang letzte deutsche Profimannschaft ausgestiegen.

Das Wort Renaissance machte die Runde, ein wenig hoch gegriffen vielleicht, aber im Prinzip zutreffend. „Nach schwierigen Jahren erleben wir heute so etwas wie die Morgendämmerung des deutschen Radsports“, sagte Brian Cookson, Präsident des Weltverbands UCI. Und der 63 Jahre alte Engländer konnte seine Genugtuung darüber nicht verbergen, dass es wieder ein Team mit einem deutschen Sponsor gibt. Wohl wissend, dass hierzulande der Radsport wegen der immer wieder ans Tageslicht kommenden Doping-Ungereimtheiten ziemlich am Boden gelegen hat.

Auszeichnung für Marcel Kittel

„Das war heute ein krasser Start in die neue Saison. Die Präsentation und die endgültige Zusage der ARD, wieder in die Tour-Berichterstattung live einzusteigen ist schon geil. Ich glaube schon, dass wir Fahrer daran auch einen Anteil haben. Daraus resultiert für uns aber auch eine Verpflichtung“, sagte der achtmalige Tour-Etappengewinner Marcel Kittel, der noch auf der Bühne zum deutschen Radsportlers des Jahres 2014 gekürt wurde. Die ARD geht vom 4. bis zum 26. Juli auf Sendung, und der Vertrag ist zunächst auf eine Dauer von zwei Jahren angelegt.

Kittels Kollege John Degenkolb, seit dem 2. Januar stolzer Papa des kleinen Leo-Robert und am Präsentationstag 26 Jahre alt geworden, ist vorsichtig. „Der Tag heute ist für uns alle toll. Aber wir haben die Vorbehalte, die dem Radsport gegenüberstehen, noch nicht alle abgebaut.“

Teamchef erwartet Siege

Denn das Problem existiert nach wie vor. Zuletzt gab es innerhalb von nur drei Monaten fünf Dopingfälle beim kasachischen Rennstall Astana. Trotzdem hatte das Team, bei dem der Tour-Sieger von 2014, Vincenzo Nibali (Italien), unter Vertrag steht, wieder eine Rennlizenz erhalten. „Ich bin mit der Entscheidung nicht einverstanden. Es muss auch viel mehr darauf geachtet werden, wie solche Entscheidungen in der Öffentlichkeit ankommen. Immerhin bröckelt aber die Fassade“, so Degenkolb. Kittel, 26, und Degenkolb stehen für eine Fahrergeneration die es leid ist, ständig mit Dopingverfehlungen ihrer Vorgänger in Verbindung gebracht zu werden. Sie gehen mit dem Thema offensiv um, schließen neue Vorfälle nicht generell aus, sehen sich aber nicht unter Generalverdacht.

Bis Ende Januar rechnet UCI-Chef Cookson mit den Untersuchungsergebnissen der Universität Lausanne zu den Unklarheiten bei Astana. „Danach ist alles möglich“, sagte er und schloss mögliche Sanktionen gegen die Mannschaft nicht aus.

Saisonstart in Australien

Giant-Alpecin-Teamchef Iwan Spekenbrink lobte seine Branche sogar für das „größte und effektivste Anti-Doping-Programm“ und stellte saubere Leistungen für seine Mannen in Aussicht. Daran wird er nicht zuletzt vom Hauptsponsor gemessen. Für vier Jahre hat sich der Shampoohersteller mit dem markanten Werbespruch („Doping für die Haare“) verpflichtet. In dieser Zeit steht ein finanzielles Engagement im Bereich von 16 Millionen Euro zur Disposition. Daraus resultiert die Erwartung nach angemessener Präsentation, sprich nach Erfolgen. „Ich sehe uns absolut in der Lage, auch 2015 mit Siegen das Vertrauen der Sponsoren zu rechtfertigen. Wir verfügen über gute Sprinter wie Kittel, gute Klassiker-Fahrer wie Degenkolb und auch über gute Leute, die bei Rundfahrten ein Wort in der Gesamtwertung mitsprechen.“

Den Anfang machen die Spekenbrink-Schützlinge bereits in einigen Tagen bei der Tour Down Under. Mit dabei ist Simon Geschke. „Wir fliegen am Mittwoch von Amsterdam aus nach Australien. Zum Glück in der Business Class.“ Über die sportlichen Chancen wollte sich der 28 Jahre alte Berliner noch nicht äußern. „Das ist noch zu früh in der Saison. Außerdem bietet die Tour auch diverse Möglichkeiten für taktische Varianten, also für das eine oder andere Experiment. Und es ist sicher schon mal gut zu sehen, wo die anderen stehen.“

Gäste vom Sechstagerennen

Interessierte Beobachter der Team-Präsentation waren Sechstage-Chef Reiner Schnorfeil und der Sportliche Leiter Dieter Stein. Die 104. Ausgabe geht vom 22. bis zum 27. Januar über die Bühne. Mit einigen gravierenden Veränderungen. Live-Musik gibt es künftig ausschließlich in der Showhalle, der Nachwuchs rückt ins Hauptprogramm. Nicht ganz freiwillig. Die Liveauftritte hatten die Gema (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) dazu veranlasst, das Rennen als Unterhaltungs- und nicht als Sportveranstaltung anzusehen. Damit wären 2015 satte 80.000 Euro Gema-Gebühren (plus Gagen) fällig geworden. Nun sind es 6000 plus 2500 pro Tag für die Showhalle. Frank Zander dreht sich nur noch auf dem Plattenteller.