Spaziergang

Radsportlegende Dieter Stein – Ein Leben in der Kurve

Vom 22. bis 27. Januar 2015 findet in Berlin das Sechstagerennen statt. Dieter Stein ist der Sportliche Leiter. Ein Gespräch über Trikots, Rennnachwuchs und Helene Fischer.

Foto: Amin Akhtar

Beim ersten Zusammentreffen mit Dieter Stein sitzt der auf dem Sofa und telefoniert intensiv. Nur noch wenige Tage bis zum Berliner Sechstagerennen: Die Probleme türmen sich. Vor kurzem hat er erfahren, dass der erfolgreiche Sprinter Robert Förstemann kurzfristig absagen musste. Ausgerechnet Förstemann, der in Berlin trainiert und das Velodrom sein „Wohnzimmer“ nennt. Das Berliner Sechstagerennen, das am Donnerstag beginnt, ist in gewisser Weise die Silvester-Sause dieses Wohnzimmers. Doch dieses Jahr geht es nicht, Bandscheibe. Dieter Stein kennt solche kurzfristigen Absagen gut, seit 2007 hat er den Posten als Sportlicher Leiter des Rennens, vorher war er beim Vorgänger Otto Ziege der Stellvertreter. Nichts, was man nicht durch ein paar Anrufe lösen könnte.

Er winkt uns zu, „komme gleich“ sagt seine Geste. Draußen hängen die Wolken tief über dem Velodrom, ein feiner Sprühregen, dazu heftiger Wind. Das Büro liegt in einem Plattenbau weit im Osten, man schaut runter auf Sportanlagen. Fußballplatz, eine Leichtathletikbahn, Beachvolleyballfeld.

Beachvolleyball. Wieder so eine neue Trendsportart. Wie die Pilze schießen Sportarten aus dem Boden, werben Zuschauer ab, sichern sich Sponsorengelder, kriegen öffentliche Förderungen. Der altehrwürdige Radsport dagegen steckt schon länger in der Krise, das ganze Gedope um die Tour de France ist noch im Gedächtnis. Vier Jahre hat die ARD die Tour de France nicht mehr live übertragen, seitdem kennt man kaum noch Namen berühmter Radrennfahrer. Und das Sechstagerennen? Es ist Berlins ältestes Sportereignis, eine Legende, genau wie Krücke und seine Sportpalastwalzer. Aber irgendwie auch in die Jahre gekommen. Wie die Besucher.

Das Trikot mit der schwarzen Sieben

Dieter Stein ist auch so eine Berliner Legende. Die schwarze Sieben. In dem Trikot holte er auf der Radrennbahn seine umjubelten Siege. Er hat in der DDR einige Sechstagerennen gewonnen, mehrmals das Rennen „1001 Runden“, damals, als die Werner-Seelenbinder-Halle noch stand, dort, wo heute das Velodrom ist. Später wurde er Trainer, hat in der Wendezeit Radsportler wie Jens Voigt und Erik Zabel betreut.

Jetzt hört man Schritte, das Telefonat ist beendet. Dieter Stein kommt herein, fester Händedruck. Dieses Jahr wird er sechzig, aber das sieht man ihm nicht an. Kompakter Typ, dichtes Haar, Hemd und Jeans. Die Schuhe sind auffällig, braune Kroko-Stiefel, nein, wird er später lachend sagen, echt seien die nicht. Dafür musste kein Tier mit Schuppenpanzer sterben. Kurzes Wortgeplänkel mit der Journalistin, ob die schon mal auf dem Berliner Sechstagerennen zugegen war. Leider nicht, aber der Wunsch schwelt schon länger.

„Wollen ’se ’ne Freikarte?“

„Na, Sie gehen ja ran“, antwortet die Journalistin. Schließlich kennen wir uns erst ein paar Minuten.

Dieter Stein zuckt mit den Schultern. „Na, dann stellen ’se sich halt an die Vorverkaufskasse.“

Waschechter Berliner

Spätestens jetzt ist klar, Dieter Stein ist ein waschechter Berliner. So herzlich ruppig können nur die sein. Nimm mein Angebot an oder lass es. Beides bringt ihn nicht um den Schlaf. Der Mann hat schon eine Menge in seinem Leben kommen und gehen sehen, auch Journalisten. Genau wie diese Stadt, die ständig im Umbruch ist. Und sein berühmtes Sechstagerennen. „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern...“, schrieb der Berliner Bruno Balz 1939 für Heinz Rühmann. Und obwohl Berlin nicht am Meer liegt, passt das Lied trotzdem zur Stadt.

Jetzt, wo wir draußen stehen, muss man allerdings sagen: Das Wetter heute ist so norddeutsch wie an der See. Der feine Sprühregen setzt sich sofort überall fest – in den Haaren, auf dem Gesicht. Wir gehen die Treppe hoch, die zum kleinen Park führt, der das Velodrom und die danebenliegende Schwimmhalle umschließt. Obwohl, Park klingt zu lieblich. Eine monotone Rasenfläche, ab und zu lustlos von einem Baum unterbrochen. Der Blick geht weit über die Landsberger Allee. Unten am Fuß des Walls liegen Einkaufsbaracken von Discountern. Dann, in einem Krater in der Mitte, unwirklich wie ein gelandetes Ufo, hockt eingegraben das Velodrom. Die Wände mit Metallgitter verkleidet, sieht das Ding nicht unbedingt ansehnlich aus. Wie ein übergroßer überdachter Lüftungsschacht. Kein Wunder, dass es unter der Grasnarbe versteckt wird. Wie findet Dieter Stein den Neubau von 1997?

„Manche Besucher fragen immer noch: Wo ist das Velodrom?“

Bis zu 12.000 Zuschauer passen in die Halle

Aber innen, da kommt er ins Schwärmen. Die Bahn – Olympiamaße! 250 Meter schönstes Tropenholz, 45 Grad steil. Sollte Berlin tatsächlich 2024 Olympia ausrichten, dann wird hier um Goldmedaillen gesprintet. Bis zu 12.000 Zuschauer passen in die Halle. Genutzt wird sie allerdings inzwischen weniger für Fahrradrennen als für andere Veranstaltungen. Gerade hat Florian Silbereisen „Das große Fest der Besten“ dort aufgenommen, es flimmerte letztes Wochenende über die Bildschirme der ARD, samt Kuss zwischen Silbereisen und seiner Dauerfreundin Helene Fischer. Wäre Helene Fischer nicht etwas für das Showprogramm? Oder jemand wie die hyperaktive Gesangsnudel Lucy, die dort auch auftrat?

„Zu teuer“, sagt Dieter Stein.

Die Kosten sind ein großes Problem für das Sechstagerennen. Diese Woche hat sein Chef, der 6-Days-Boss Reiner Schnorfeil, ganz offen darüber gesprochen. Zwei Millionen kostet die ganze Veranstaltung, die muss man erst mal reinholen. Besonders, wenn der Charakter der Rennrad-Party ernsthaft bedroht ist. Denn plötzlich will die Gema beim Live-Musik-Programm richtig abkassieren, von sonst 20.000 Euro sollen die Gebühren auf 80.000 Euro steigen. Warum? Die 6-Days wurden neu eingestuft, statt „Sportveranstaltung“ sprach die Gema nun von einer „Showveranstaltung“. Also fliegt die Live-Musik jetzt aus der Halle und wird in einen Nebenraum verbannt. Im Rennraum kommt die Musik nun ausschließlich vom DJ aus der Konserve. Eine Boulevard-Zeitung spricht schon hämisch von „Nixdays“. Darüber ärgert sich Dieter Stein. „Ich bin überzeugt, dass es gut wird.“ Wir schauen runter auf die Metallwände des modernen Velodroms. Ob er wohl oft an die abgerissene Seelenbinder-Halle denkt? An die Zeit der Schwarzen Sieben?

Alles geht in Sekundenbruchteilen

„Die war irgendwann ein Synonym für Sieg“, sagt Dieter Stein. Warum eigentlich dieses legendäre Trikot? „Ich wollte eine klare Farbe, nichts Buntes. Und die Sieben gefiel mir immer gut.“ Dann erklärt er, warum beim Zweier-Mannschaftsrennen das Trikot so wichtig ist. Der eine Fahrer fährt mit über 50 Stundenkilometern im Pulk mit, während der andere weiter oben auf der Bahn deutlich langsamer seine Runden dreht und sich ausruht. Wenn dann nach ein, zwei Runden wieder gewechselt wird, beschleunigt der Obere und es kommt zur Ablösung, ganz physisch, beispielsweise mit dem Schleudergriff, der den langsamen Fahrer wieder schnell auf Touren bringt. Alles geht in Sekundenbruchteilen, drumherum das Gewusel der vielen anderen Fahrer, da ist es wichtig, den Partner sofort erkennen zu können: durch ein eindeutiges Trikot.

Wenn man beim Sechstagerennen so über die Bahn schießt, Runde für Runde, sieht man da irgendetwas vom Publikum? „Ich ja“, erzählt Dieter Stein. Er wusste genau, wer wo sitzt. Und konnte auf den Gesichtern seiner Fans ablesen, wie er gerade fuhr. Wenn die mitgingen, mitjubelten, war er glücklich. „Ich hatte nie Angst“, sagt er. Stürze gehörten einfach dazu, aber er hätte sich immer sicher gefühlt. Andere Fahrer seien viel angespannter gewesen. Aber, meint er, die würden keine richtigen Rennfahrer.

Inzwischen sind wir der Frau, die ihren Hund im Regen spazieren führt, schon zum zweiten Mal begegnet. Das Wetter wird überhaupt nicht besser. Also laufen wir zu den Fahrstühlen, die in die Tiefen der Velodrom-Anlage führen.

Der Vater hat ihn zum Radfahren gebracht. Der besaß nämlich, als Dieter Stein ein Kind war, ein Rennrad. „Der ist hobbymäßig gefahren.“ Das wollte der Sohn auch. Angefangen zu trainieren hat er damals bei Dynamo, aber die wollten ihn bald nicht mehr. „Dieter, du bist zu klein. Du kannst nüscht.“ Der kleine Dieter gab nicht auf, trainierte auf der Betonbahn in Weißensee, die inzwischen abgerissen ist. Und wurde sozusagen auf Umwegen zum DDR-Radprofi, über die Berlinauswahl und durch den Gewinn der Spartakiade, einem großen DDR-Sportfest. Aber halt, so richtige Sportprofis gab es ja im Sozialismus nicht, die hatten alle einen Beruf. Was hat er gelernt? Elektrozeichner oder, wie man damals sagte: „Bleistiftmonteur“. Aber das wichtigste blieben für ihn die beiden Räder. „Ich habe den Radsport so geliebt.“ Und die Welt bekam er als DDR-Sportler auch zu sehen – Italien, Frankreich, Algerien, Mexiko.

Abhauen aus der DDR?

Und, mal überlegt, von einer Reise nicht zurückzukehren? Dieter Stein grinst. Klar, er sei ja jung gewesen. In Italien hätten sie mal an einem Regentag mit den Radsport-Kollegen aus West-Deutschland zusammengesessen. Die schwärmten von ihren Autos, Porsche, Mercedes. „Wir waren die Superstars der DDR“, doch alles, was man beim deutsch-deutschen Auto-Quartett aufbieten konnte, waren ein Trabbi oder Lada. Das wurmte natürlich. Aber die Freunde waren im Osten. Und irgendwann die Familie, die Frau, die Tochter. Letztere ist heute 31 Jahre alt. Und fährt sie auch leidenschaftlich gern Rad?

„Nur Tandem. Mit mir.“

Seine Tochter Bea hat das Downsyndrom, „unsere Kleene“ nennt er sie liebevoll. Beim Sechstagerennen ist auch sie immer dabei, läutet die Glocke. Als er seine größten Erfolge feierte, saß seine Frau oft mit der Tochter im Krankenhaus. „Das war nicht immer einfach.“

Wir sind unten angekommen, beim Sportlereingang des Velodroms. Wer wissen will, welchen Status Dieter Stein hat, der muss nur die Security-Leute erleben, die hier arbeiten. Ob die Berliner Morgenpost zum Fototermin rein darf? „Machen wir. Für den Dieter.“ Unser Dieter! Der grinst und flachst.

Die Bahn ist erschreckend steil

Innen dreht der Nachwuchs seine Runden. Zwölf- und 13-Jährige. Die Bahn ist erschreckend steil – wer selbst Kinder hat, mag gar nicht hinschauen. Die Jungs fahren dicht an dicht, machen Witze, veräppeln sich. Dieter Stein kennte sie alle, er ist U23-Trainer für den Berliner Radsportverband, das ist sein Hauptberuf. Die sportliche Leitung der 6-Days ist nur eine Nebentätigkeit.

Eine neue Runde. Der Pulk rauscht wieder vorbei, die Bahn vibriert.

„Sie müssen auf die Bahn. Die brauchen dringend Praxis“, sagt Dieter Stein. Diese Bahn-Räder haben keine Bremse und die Geschwindigkeiten sind hoch. Es ist auch wichtig, dass die Jugendlichen vor großer Kulisse fahren, damit sich zeigt, wer die Nerven hat. Doch trainiert werden kann hier viel zu selten, gerade im Winter, weil im Velodrom so viele andere Veranstaltungen stattfinden. Dieter Stein mag nicht jammern. Dieses Jahr sind einige seiner Jungs beim Sechstagerennen dabei. „Zukunftsrennen“ heißt dieser Teil des Hauptprogramms. Es müssen dringend neue Namen, neue Idole her.

Ein letztes Foto auf der Bahn. Bevor er sich setzt, ruft Stein seinen Schützlingen zu: „Hey, Jungs. Fahrt mal ’nen Meter höher. Nicht, dass ihr mich umfahrt.“ Die ziehen hoch, sausen an ihm vorbei, gleiten majestätisch durch die Kurven. „Die Radrennfahrer waren für mich die ungekrönten Könige“, schrieb Krücke, Berlins wohl berühmtester Radsportfan, 1950 in seinem schmalen Erinnerungsbändchen. Recht hatte er!

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