Weltcup

Traum von Olympia platzt in Berlin mit lautem Knall

Der Eisschnelllauf-Verband fährt ohne Männer- und Frauenteam nach Sotschi. Beim Angriff auf die letzte Chance enttäuschen die Damen mit Platz neun erneut. Cheftrainer Eicher räumt Versäumnisse ein.

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Das Unterfangen schien von vornherein aussichtslos. Auf der Gala für die Berliner Sportler des Jahres am Vorabend hatte Claudia Pechstein bereits in den großen Saal hinein die Erkenntnis verbreitet, dass sie das Team der Frauen nicht bei Olympia sieht. Dann musste die Berlinerin mit Monique Angermüller (Berlin) und Jennifer Bay (Dresden) auch noch im ersten Paar und ohne Konkurrenten antreten. Es fehlte also jegliche Orientierung für die Eisschnellläuferinnen, um das utopische Ziel von Platz eins oder zwei erreichen zu können.

Schon nach dem dritten Paar war der Plan geplatzt, so wie das deutsche Team zuvor im Rennen. An Pechstein lag es nicht, die beiden anderen konnten ihrem Tempo nicht folgen, Platz neun. „Mehr war nicht drin, wir sind nicht besser“, sagte Chef-Bundestrainer Markus Eicher. Er war gefasst, jeder hatte sich darauf vorbereiten können, denn es wäre schon ein Wunder gewesen, wäre dem Team beim Weltcup in Berlin die Qualifikation doch noch gelungen, nachdem zuvor nur zwei elfte Plätze erreicht worden waren.

Präsident übt Kritik

Nachdem tags zuvor auch das Männerteam trotz Platz fünf und dem besten Saisonresultat die Qualifikation verpasst hatte und damit wie 2010 bei den Spielen fehlt, scheint bei der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft die Zeit des Hinterfragens angebrochen zu sein. „Ich denke, dass man vielleicht zu spät aufs Ziel gerichtet gearbeitet hat“, sagte Präsident Gerd Heinze und stellt dem Trainerstab damit kein gutes Zeugnis aus. Auch die Sportlerinnen hatten zuletzt mehrfach betont, dass einem speziellen Teamtraining zu wenig Bedeutung beigemessen werde.

Eicher widersprach gar nicht. „Wir haben mehr gemacht als früher, aber es hat nicht gefruchtet. Und wenn wir bei den Männern und Frauen nicht dabei sind, haben wir nicht gut genug gearbeitet. Da muss ich mich auch selber angreifen“, so der Coach, der vor allem bei den Frauen die fehlende Ausgeglichenheit nach der starken Pechstein als Grund für das Scheitern nannte. Die 41-Jährige führte vier von sechs Runden und kritisierte anschließend die Strukturen und Trainer. Denn die Probleme sind hausgemacht, da selbst Nationen mit weniger guten Einzelathleten längst vor Deutschland liegen. „Der Ehrgeiz der Nationen für diese Disziplin ist spürbar gestiegen“, sagte Heinze. Dort wurde offenbar ein Trend verpasst.

Zielvereinbarung wird obsolet

Ebenso die Chance, Medaillen in einem sehr übersichtlichen Starterfeld von nur acht Mannschaften zu holen. Wodurch die Zielvereinbarung mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) von fünf Medaillen in Sotschi obsolet wird. Für Medaillen wird Bente Kraus nicht sorgen, dafür war sie aus Berliner Sicht ein Lichtblick des Wochenendes. Mit Rang 15 über 3000 Meter erfüllte die 24-Jährige auf ihrer Heimbahn die Olympianorm und darf in gut zwei Monaten erstmals an den Spielen teilnehmen. „Nun fällt der Druck von mir ab. Ich habe diesen ominösen Platz“, sagte Kraus.

Ein bisschen später als geplant glückte ihr Qualifikation, doch vieles ist neu für sie, zum ersten Mal macht sie eine olympische Saison durch. „Das ist wirklich eine neue, krasse Erfahrung. Dass eine olympische Saison hart ist, habe ich mir gedacht, aber dass es so ein Nervenzirkus wird“, so die Berlinerin, der die 5000 Meter eigentlich etwas mehr liegen. Doch vergangene Woche in Astana misslang ihr das einzige Weltcuprennen über diese Distanz.

Kraus entwickelt sich

Aus dem Konzept hat sie das nicht gebracht. „Weil ich weiß, dass der einfache Weg nie meiner war“, erzählte sie. Bei Kraus wechselten sich Fortschritte und Rückschläge ab, letztlich aber gab es immer eine Entwicklung. Im März bei der WM gelang ihr dann der Durchbruch mit Platz sieben über 5000 und Rang acht über 3000 Meter. Doch zuletzt musste sie auch Enttäuschungen verarbeiten. Bei den ersten beiden Teamrennen, die zu der finalen Situation in Berlin beigetragen haben, stand auch Kraus auf der Bahn. Jetzt schaute sie zu: „Natürlich ist jeder enttäuscht, wenn er aus dem Team rausgenommen wird.“ Noch schmerzlicher ist, dass mit der vergebenen Startchance die aussichtsreichste Möglichkeit auf eine Medaille wegfällt. Katrin Mattscherodt etwa profitierte 2010 davon, die Berlinerin, die ihre Karriere inzwischen beendet hat, fuhr ohne Ambitionen auf den Einzelstrecken nach Vancouver und kam durch den Einsatz im Team mit Gold nach Hause.

Mit Medaillenambitionen können nach derzeitigem Stand wohl nur zwei DESG-Athleten nach Sotschi fahren. Sprinterin Jenny Wolf und Langstrecklerin Pechstein. Sie sind zwei aus dem fünfköpfigen Berliner Olympiaaufgebot, zu dem auch Angermüller und Samuel Schwarz gehören. Fast die Hälfte der deutschen Sotschi-Starter kommt damit aus der Hauptstadt, was daran liegt, dass die deutsche Fraktion so klein wie nie seit der Wende auszufallen droht mit derzeit nur zwölf Athleten. Dass es noch mehr werden, glaubt Präsident Heinze nicht. „Jetzt ist das Olympiateam festgezurrt“, sagte er und sieht bei der Mehrkampf-EM in Hamar und der Sprint-WM in Nagano trotz theoretischer Chancen keinen Raum für Überraschungen mehr.