Eisschnelllauf

Pechstein fehlt es an guten Mitläuferinnen

In der Teamverfolgung sind die deutschen Frauen nach zwei desolaten Weltcup-Auftritten fast ohne Chance, sich für die Olympischen Spiele in Sotschi zu qualifizieren. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Foto: MATTHEW STOCKMAN / AFP

Claudia Pechstein schaute sich um, immer wieder auf der letzten Runde tat sie das. Würde ihre getönte Brille, die sie vor dem Fahrtwind schützen soll, nicht ihre Augen verdecken, hätte der Beobachter sicher Verzweiflung in ihren Blicken erkannt. Hilflos musste sie mit ansehen, dass ihre beiden Teamkolleginnen nicht mehr folgen konnten, also nahm sie das Tempo raus – und verabschiedete sich wohl noch vor der Ziellinie von einer Chance, bei den Olympischen Spielen in Sotschi im Februar 2014 eine Medaille zu gewinnen. Bei den Verantwortlichen der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) machte sich derweil Entsetzen breit.

Nach desolaten Auftritten bei den ersten beiden Weltcups der Saison in Calgary/Kanada und Salt Lake City/USA mit jeweils elften Plätzen ist die Olympiateilnahme in der Team-Verfolgung der Frauen so gut wie unmöglich geworden. „Mein Schlaf war in dieser Nacht nicht sehr gut. Ich kann meine riesige Enttäuschung nicht verhehlen“, sagte DESG-Präsident Gerd Heinze nach dem letzten Platz von Pechstein, Bente Kraus (beide Berlin) und Jennifer Bay (Dresden) am Sonntag in den USA. So realistisch war man schon gewesen, dass Gold in Sotschi wohl außer Reichweite sein würde. Doch mit einer Medaille hatte der Verband durchaus kalkuliert. Nun stellte sich das Team als hoffnungslos überfordert heraus. Bei noch einem verbleibenden Rennen am 8. Dezember in Berlin und großem Rückstand in der Weltcup-Wertung scheinen alle Träume geplatzt.

Die Gründe für das Scheitern sind vielfältig. 2006 und 2010 holte die DESG in dieser Disziplin jeweils Olympiagold. In Turin standen damals mit Pechstein, Anni Friesinger und Daniela Anschütz drei Spitzenathletinnen zur Verfügung, in Vancouver bedurfte es dagegen schon etwas Glück und Patzer der Favoriten, um den Erfolg zu wiederholen. Mittlerweile mangelt es auf der einen Seite deutlich an Qualität. Neben der unverwüstlichen und unumstrittenen Pechstein standen in Bay und Kraus zwei Läuferinnen am Start, die über 3000 Meter nur in der B-Gruppe des Weltcups laufen und über 1500 Meter gar nicht eingesetzt werden. „Die Tempohärte der beiden anderen Mädchen hat gefehlt“, sagt Cheftrainer Markus Eicher.

Präsident verlangt Erklärungen

Auf der anderen Seite hat sich das Teamrennen professionalisiert. Nur acht Mannschaften starten bei Olympia, eine Medaille ist relativ leicht zu erringen. Mit mehr Fokus auf das gemeinsame Training lässt sich viel bewirken bei Abstimmung und Technik. Doch ist aus dem deutschen Lager oft zu hören, dass andere Nationen da einen deutlich größeren Aufwand betreiben, während die DESG-Trainer eher in alten Mustern verhaftet sind. Das Team von 2006 musste aufgrund individueller Klasse nicht viel gemeinsam üben. Dem neuen Umstand des Qualitätsdefizits wurde die Intensität des gemeinsamen Trainings offenbar nicht angepasst. „Ich werde öffentlich keine Kritik äußern, aber intern werden mir das die Trainer erklären müssen“, sagt Heinze. Selbst die Hoffnung, dass Pechsteins private Initiative etwas bringen würde, erwies sich als Trugschluss.

Die Berlinerin hatte im Sommer ein Privatteam für den Formaufbau gen Sotschi ins Leben gerufen, in dem auch Kraus und Monique Angermüller, die beim ersten Teamrennen gelaufen war, vertreten sind. Ein Berliner Trio dank optimierten Trainings an den Olympiastart zu schicken, war ein Hintergedanke dabei gewesen. Zumal die Streitigkeiten zwischen der Erfurterin Stephanie Beckert und Pechstein einige Fragezeichen für einen gemeinsamen Teamstart aufwarfen. Doch das Privatteam konnte die offenbar zu geringe Basis der DESG-Teammaßnahmen nicht kompensieren.

Da Beckert, Olympiasiegerin im Team 2010, als starke Langstrecklerin derzeit ohnehin in einer tiefen Krise steckt und zuletzt sogar von Bay und Kraus über 3000 Meter übertroffen wurde, zieht Präsident Heinze schon ein trauriges Fazit: „Die Chance ist vertan. Ein Aushängeschild ist uns verloren gegangen.“