Verlieren macht keinen Spaß. Das geht Robert Harting nicht anders als anderen. Doch diese Niederlage tat dem Diskus-Olympiasieger, Welt- und Europameister offenbar nicht allzu weh. „Martin hat es endlich mal geschafft“, meinte der Berliner mit Blick auf Martin Wierig, der beim Meeting in Ostrau mit einer Weite von 67,46 Metern Platz eins vor dem deutschen Diskusstar (67,10 m) belegt hatte. Wohl kaum jemand hatte mit einem solchen Ergebnis gerechnet. Nicht nur, dass der 26-Jährige aus Magdeburg Harting hinter sich ließ, er schlug auch die gesamte weitere Weltelite, die am Mittwochabend in der tschechischen Stadt versammelt war.
Dritter wurde der Olympia-Zweite von London 2012, der Iraner Ehsan Hadadi mit 66,98 m, Vierter im „Zentimeter-Fight“ mit 66,97 Sydney-Olympiasieger Gerd Kanter (Estland) und Fünfter wie in London Piotr Malachowski (66,95) aus Polen. Bis vor seinem letzten Wurf hatte Harting noch auf Rang fünf gelegen, hatte sich aber dann noch auf Platz zwei vorgeschoben.
Starke Jungs verstehen sich gut
Fünfter? „Eine solche Klatsche hätte mein Blutdruck nicht vertragen“, gab der Berliner ehrlich zu. Wenn schon verlieren, dann eben gegen Wierig. Fröhlich twitterte Harting: „Doppelsieg for Germany!“ Und der 28-Jährige schickte gleich noch ein Foto von sich und Wierig gemeinsam im Auto mit. Das Verhältnis der beiden war nicht immer so harmonisch. 2008, als Harting mal zu einem Rundumschlag gegen die deutschen Konkurrenten ausholte, disqualifizierte er den Magdeburger schlicht als „Model“ ab. Heute sagt Harting über Wierig: „Wir verstehen uns super.“
Harting hatte letztmals am 30. Juli 2006 gegen einen Landsmann verloren. Damals war es der fünfmalige Weltmeister Lars Riedel (Chemnitz). Jetzt Wierig, der vom „bislang stärksten Wettkampf meiner Karriere“ sprach. „Es war immer ein Traum von mir, Robert zu schlagen. Jetzt bin ich schon ein bisschen stolz auf mich.“ Wierig hat sich über die Jahre kontinuierlich gesteigert, im Schatten von Harting. Bei den Spielen in London wurde er bereits Sechster. „Das wurde nicht so gewürdigt, wenn der Olympiasieger aus dem eigenen Land kommt“, hat er feststellen müssen.
Der Jüngere schaut sich viel vom Älteren ab
Andererseits hat er sich vom Meister immer was abgucken können. „Man kann sich an ihm orientieren und sieht immer: „Wie weit ist man weg? Wie nah ist man dran?“
Muss man sich jetzt Gedanken um Harting machen, der ja am 8. Juni nach 35 Siegen in Folge beim Meeting im niederländischen Hengelo erstmals wieder (gegen Malachowski) verloren hatte? Harting weist das weit von sich. Nach Hengelo hat er mit Trainer Werner Goldmann entschieden, etwas die Technik zu verändern. „Solange ich immer gewonnen habe, bestand dazu keine Notwendigkeit“, sagt er.
Bis zur WM im August in Moskau wird alles gut
Harting wählt einen kulinarischen Vergleich: „Jetzt ist das so, als ob man das Fleisch auf einmal mit dem Löffel isst, nachdem man immer Messer und Gabel benutzt hat.“ Momentan sei alles „etwas zerwürfelt, wenn man nicht den optimalen Anschwung hat. Dann passen die Folgebewegungen nicht.“
Nach den Deutschen Meisterschaften in Ulm (6./7. Juli), so ist sich der 2,01 Meter große Harting sicher, werde er die technischen Probleme im Griff haben. „Hauptsache, in Moskau weht am Ende Schwarz-Rot-Gold.“
Harting ist lieber der Jäger als der Gejagte
Bei den Weltmeisterschaften in der russischen Hauptstadt (10. bis 18. August) will Harting zum dritten Mal hintereinander ganz oben auf dem Treppchen stehen. 2009, bei der Heim-Weltmeisterschaft im Berliner Olympiastadion, und 2011 in Daegu hat er jeweils gewonnen.
Doch nun ist eben neben den üblichen Verdächtigen auch noch sein Landsmann als erst zu nehmender Konkurrent hinzu gekommen. „Das ist schon geil“, sagt Harting. „Wir pushen uns gegenseitig.“ Immer der Gejagte zu sein, „immer nur vorneweg, ist anstrengend. Fighten, jagen – das gefällt mir mehr.“
seb





