Diskus

Julia Fischer – Berlins nächster großer Wurf nach Harting

Die Berliner Diskuswerferin Julia Fischer hat sich kontinuierlich verbessert. Dass sie noch im Schatten ihres Freundes, des Olympiasiegers Robert Harting, steht, stört die große Blonde nicht.

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Die damals 13-Jährige war natürlich ziemlich aufgeregt, als der RBB im Jahr 2003 einen Film über sie drehte. Es ging um den Alltag einer Nachwuchssportlerin, wie sie die Aufgaben an der Kinder- und Jugendsportschule des Coubertin-Gymnasiums bewältigte und gleichzeitig an der hoffnungsvollen Karriere einer Diskuswerferin bastelte. Aufnahmen in ihrem Internatszimmer wurden ebenso gemacht wie ihr Training gefilmt wurde.

Ein Leben zwischen Schule und Sport, ein Leben mit Schule und Sport.

Julia Fischer lacht darüber, wenn ihre Gedanken zurückgehen. Damals war sie beseelt von dem Gedanken, mal eine erfolgreiche Sportlerin zu werden. Heute steht fest: Sie hat es geschafft.

Teilnahme an der Team-EM

Und am kommenden Wochenende steht ein neuer Höhepunkt in ihrer Karriere an. „Es ist ein cooles Gefühl, zum ersten Mal die Nummer eins zu sein“, sagt sie. 66,04 Meter weit hat sie in diesem Jahr bereits den ein Kilo schweren Diskus geworfen, sie vertritt die deutsche Mannschaft damit bei der Team-Europameisterschaft im englischen Gateshead. „Ich bin stolz, dass ich dahin darf.“

Das Ganze hat noch den schönen Nebeneffekt, dass ihr Lebensgefährte, der Diskus-Olympiasieger, Welt- und Europameister Robert Harting, ebenfalls im Team steht. Ende Oktober vergangenen Jahres haben die beiden ihre Beziehung öffentlich gemacht. „Es ist natürlich schön, wenn er da ist“, sagt die 23-Jährige mit Blick auf die EM. Etwas Besonderes sei dies allerdings nicht. „Es ist völlig normal, dass wir zusammen bei Wettkämpfen sind.“

Goldmedaillen bei den Juniorinnen

Dass, wenn über sie berichtet wird, immer gleich der Zusatz kommt, dass sie ja die Freundin von Harting sei, „nervt mich nicht, ich beachte es gar nicht“. Sie sieht es ganz pragmatisch: „Er ist eben der Superstar der Leichtathletik, da steht jeder dahinter im Schatten.“ Sie habe schließlich „genügend Selbstbewusstsein als Frau“.

Und sportliche Meriten hat schließlich auch sie vorzuweisen: 2007 Weltmeisterin U18, 2008 WM-Zweite U20, 2009 EM-Zweite U20, 2011 Europameisterin U23. Im vergangenen Jahr wurde sie in Helsinki EM-Fünfte und war bei den Olympischen Spielen in London dabei, wo sie allerdings in der Qualifikation hängen blieb.

Das frühe Olympia-Aus „war der Tiefpunkt“. Nie mehr soll so etwas passieren. Daher heißt das Ziel für die Weltmeisterschaften in Moskau (10. bis 18. August) erst einmal Erreichen des Finales der besten Acht. Die WM-Qualifikationsnorm des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) von 62,00 Metern hat sie vor einigen Wochen locker geschafft: Mit 66,04 Metern schleuderte sie den Diskus so weit wie noch nie in ihrer Karriere.

Fischer hat ihr emotionales Gleichgewicht zurück

Im vergangenen Jahr hatte sie ihre Bestleistung bereits von unter 60 Metern gleich auf 64,22 Meter geschraubt. Wobei die Saison im Vorjahr insgesamt schwierig war. Julia Fischer erinnert sich: „Ich war nicht so hundertprozentig da.“ Private Sorgen drückten sie, die sonst so emotionale junge Frau war aus dem seelischen Gleichgewicht geraten. „Ich konnte mich weder richtig freuen noch richtig ärgern. Alles war irgendwie lauwarm.“

Jetzt sind die Emotionen wieder da. Mit weiten Ausschlägen in beiden Richtungen. „So bin ich eben.“ Mit dem Verlieren sei das bei ihr so eine Sache, nicht nur im Sport: „Da kann es schon mal vorkommen, dass ich die Spielkarten auf den Boden werfe und rufe, dass mich alle mal können…“

Ihre Selbstbeschreibung lautet: „Ich bin nicht zickig, sicher etwas launisch – und temperamentvoll.“ Die Abiturientin ist Polizeimeister-Anwärterin bei der Bundespolizei, im Februar 2014 wird sie ihre Ausbildung beenden.

Meistertrainer Goldmann entdeckte sie als 12-Jährige

Meistertrainer Werner Goldmann, der auch Harting zu seinen großen Erfolgen geführt hat, entdeckte Fischer als Zwölfjährige, als sie mit dem LAC Fun Märkisch Oderland Mehrkampf trainierte. „Ich bin ihm gleich aufgefallen“, erinnert sie sich lachend. Sicherlich wurde Goldmann auch deshalb auf sie aufmerksam, „weil ich schon damals zwei Köpfe größer war als die anderen.“

1,90 Meter misst die große Blonde. Ein Problem war die Größe für sie nie. Auch dank ihrer Eltern, die beide groß gewachsen sind. „Sie haben mir von Anfang an vermittelt, dass das etwas Schönes ist, auf das man stolz sein kann.“ Daher sei sie „schon in jungen Jahren relativ selbstbewusst damit umgegangen“. In ihrer lockeren Art bringt sie es auf den Punkt: „Das ist eben ein körperliches Merkmal: Andere haben eine krumme Nase, ich bin groß.“

Einzige Frau in der Männergruppe

Seit Fischer bei Goldmann trainiert, behauptet sie sich als einzige Frau in einer Männer-Trainingsgruppe. Da muss frau schon etwas abkönnen. „Das Benehmen lässt nach, wenn die Jungs längere Zeit ohne Frauen unterwegs sind“, erzählt sie grinsend. Sie hat eine nette Wortschöpfung: Die Herren der Schöpfung verhielten sich dann „ursprünglicher“.

Bis einschließlich 2012 bestand die Trainingsgruppe aus mehr als einem halben Dutzend Sportlern, jetzt übt nur noch ein Trio unter Goldmann: Neben Julia Fischer noch Robert Harting (28) und dessen fünf Jahre jüngerer Bruder Christoph. „Viel intensiver“ sei jetzt die Arbeit in der kleineren Gruppe, hat Fischer festgestellt. Es bleibe viel mehr Zeit fürs Technik-Training. Auch diese Tatsache ist sicherlich ein Schlüssel zu ihrer Leistungssteigerung.

Wenn Harting wirft, ist sie „mega aufgeregt“

Dass nach dem Training in der gemeinsamen Wohnung beim Paar Fischer/Harting noch viel über den Sport gesprochen wird, „kommt schon mal vor, ist aber eher selten“, sagt sie. „Es ist wichtig, dass man den Sport vom Privaten trennen kann, das kriegen wir ganz gut hin.“

Weniger leicht fällt es ihr, dem Partner bei einem Wettkampf zuzuschauen. „Mega aufgeregt“ sei sie dann. Daher schaut sie bei Robert auch nicht zu, wenn sie später oder auch am Tag danach selbst einen Wettkampf hat. Die „Adrenalin-Ausschüttung“ sei zu groß. In Gateshead ist das diesmal kein Problem. Sie steht bereits am Sonnabend im Wurfring, kann dann am Sonntag „ganz entspannt“ bei Harting zuschauen. „Dafür wird Robert wohl bei mir nicht zugucken.“

Sportleralltag: Jeder muss sich auf sich konzentrieren.