Leichtathletik

Berliner Harting führt deutsches Team auf Platz zwei

Der Diskusstar gewinnt bei der Team-EM das direkte Aufeinandertreffen gegen seinen Dauerrivalen Piotr Malachowski. Die Mannschaft aus Russland setzt sich in der Gesamtwertung vor den Deutschen durch.

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Mit einem Lächeln verließ Robert Harting den Ring. Der Berliner Diskus-Olympiasieger hatte seine Pflicht getan, hatte bei der Team-Europameisterschaft mit seinem Sieg zwölf Punkte für die Mannschaft des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) geholt. Dass die Siegweite von 64,25 Metern weit hinter seinen Ansprüchen lag, war einerseits Nebensache. „Heute hat nur gezählt, zwölf Punkte fürs Team zu holen“, sagte Harting.

Andererseits war am Sonntag nicht mehr drin, denn die Wetterverhältnisse im englischen Gateshead waren katastrophal. „Es wird chaotisch“, hatte Harting bereits Stunden vor dem Wettkampf per Twitter gemutmaßt. Er sollte Recht behalten: Regen, Wind, Gewitter.

Sieben deutsche Erfolge

Die deutsche Mannschaft in ihrer Gesamtheit ließ sich allerdings nicht aus dem Konzept bringen. Am Ende kamen Harting und Co. mit 347,5 Punkten auf den zweiten Platz. Lange hatten die Deutschen geführt, aber am Ende setzte sich dann doch die favorisierte Mannschaft aus Russland (354,5) durch. Auf den dritten Platz kam Gastgeber Großbritannien (338).

Nach dem ersten Tag hatte das Team um Kapitän Harting mit einem Punkt vor den Russen (195:194) gelegen. Nachdem am Sonnabend David Storl (Kugel), Silvio Schirrmacher (400 Meter Hürden), Silke Spiegelburg (Stabhochsprung) und Christina Obergföll (Speer) gewonnen hatten, gab es am Sonntag drei deutsche Siege: Neben Harting gewannen Christine Schwanitz (Kugel) und Betty Heidler (Hammer). „Ich bin nicht so wetterempfindlich und habe das Optimale rausgeholt. Die Bedingungen kamen mir entgegen“, sagte Heidler.

Malachowski hat diesmal keine Chance

Im ersten Versuch war Harting erst einmal auf Sicherheit gegangen, hatte den zwei Kilogramm schweren Diskus allerdings immerhin auf 64,25 Meter geworfen. Zu diesem Zeitpunkt war ihm natürlich nicht klar, dass diese Weite bereits zum Sieg reichen würde. Wie schwer es für die starken Männer im Ring war, war an Hartings Dauerrivalen Piotr Malachowski zu beobachten. Der Pole kam mit dem nassen Ring, den man immer wieder versuchte abzutrocknen, überhaupt nicht zurecht. Die deutschen Fans auf der Tribüne schauten verwundert drein, als Malachowski im ersten Versuch lediglich auf 57,71 Meter kam.

Unter den Zuschauern war natürlich auch Julia Fischer, die Freundin von Harting, beide trainieren gemeinsam in einer Gruppe unter Trainer Werner Goldmann. Fischer war bereits am Vortag an der Reihe gewesen und hatte durch ihren zweiten Platz – bei Trockenheit, aber böigem Wind – für elf Punkte für die DLV-Mannschaft gesorgt.

Regenunterbrechung nach dem zweiten Durchgang

Im zweiten Durchgang kam der Berliner auf 64,06 Meter, Malachowski blieb bei 58,78 Meter hängen. Danach war erst einmal Schluss. Während bei strömendem Regen und Gewitter die Läufe genadenlos durchgezogen wurden, hatten die Diskuswerfer mehr als eine halbe Stunde Pause, ihr Wettbewerb wurde unterbrochen. Das Wetter war so schlecht, dass der Hochsprung-Wettbewerb der Frauen kurzfristig in die neben dem Stadion stehende Halle verlegt wurde. Dort hatten am frühen Nachmittag bereits die Stabhochspringer (Dritter Björn Otto) ihren Wettbewerb ausgetragen.

Nach der Regenunterbrechung passierte nichts mehr. Erst hatte Harting einen ungültigen Versuch, im vierten und letzen Durchgang kam er auf 63,17 Meter. Bei der Team-EM hat jeder Teilnehmer erst einmal nur drei Versuche, die besten Vier dürfen dann noch einmal zusätzlich in den Ring. Malachowski blieb Vierter (59,68 m), kein Wurf des Polen landete jenseits der 60-Meter-Linie. Für ihn ein indiskutables Ergebnis. Harting hätte mit jedem seiner drei gültigen Versuchen den Wettbewerb gewonnen.

Viel Lob für den Sportler des Jahres

Und es wird Harting nebenbei auch gut getan haben, wieder vor Malachowski zu liegen. Denn beim letzten Aufeinandertreffen der beiden, am 8. Juni in Hengelo, hatte Malachowski gewonnen und Hartings Siegesserie (35 Erfolge hintereinander) beendet. Für den Berliner war es die erste Niederlage nach knapp drei Jahren.

Das Image des aufmüpfigen Rebellen, unangepassten Enfant terribles und Oberkritikers im deutschen Sport hat der Sportler des Jahres 2012 seit langem weg, nicht selten war auch der DLV Zielscheibe seiner wortgewaltigen Attacken. Dennoch: In Gateshead hatte ihn der DLV zum Team-Kapitän befördert. „Er hat eine tolle Entwicklung genommen. Man muss nicht mehr so viel Angst vor kritischen Themen haben, die er anschneidet“, sagte DLV-Vizepräsident Leistungssport Günther Lohre.

Als Kapitän von allen anerkannt

Der Olympiasieger, Welt- und Europameister aus Berlin folgte den beiden Kugelstoßern Ralf Bartels und Nadine Kleinert im Ehrenamt des Athletenvertreters bei der Team-EM – und seine DLV-Kameraden fanden das gut. „Robert ist ein erfahrener Athlet, der viele Facetten hat. Er ist der richtige Mann dafür und sagt nicht zu allem Ja und Amen“, meinte Corinna Harrer, Hallen-Vizeeuropameisterin über 3000 Meter. „Herausragende Athleten sind nicht die einfachsten Athleten“, erklärte DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska mit Blick auf den Diskusriesen.

„Ich bin stolz darauf, Kapitän der Mannschaft zu sein“, erzählte Harting. Früher habe er Ralf Bartels manchmal belächelt, weil er sich nicht alle Namen der Teamkollegen hatte merken können. Jetzt hat Harting selbst erkannt: „Das ist gar nicht so einfach.“