Olympische Winterspiele waren einfacher in Zeiten, als Skier noch aus Holz waren und Drohnen nicht Athletinnen und Athleten verfolgten. 1956 hätte es in Cortina d’Ampezzo sicher keine Influencerin mit sechs Millionen Followern gegeben, eine große Eisschnelllauf-Persönlichkeit, die den gerade aufgestellten Olympischen Rekord einer Landsfrau direkt verbessert, endlich Gold gewinnt. Während auf der Tribüne ihr Verlobter, der sich für einen Boxer hält und von Anthony Joshua vermöbeln lässt, wie ein rührseliger Filmstar aus alten Zeiten weint. Für die fast 29 Millionen Menschen, die ihm in dem sozialen Netzwerk folgen. So etwas wäre vor 70 Jahren nicht passiert, vermutlich wären damals die Dolomiten deswegen zerbröselt.
Jutta Leerdam: Folgt über 500 Meter das zweites Eisschnelllauf-Gold für die Niederländerin?
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Doch im Hier und Jetzt, im Mailand von 2026, ist die Influencer-Kultur allgegenwärtig: Athletinnen und Athleten drehen Videos im Olympischen Dorf, stillen damit ein Bedürfnis derjenigen, die Teil des Erfolgs und Ruhms sein möchten. Alle sind dabei, alle ganz nah bei der vermeintlichen Realität.

Die größten Stars des Wintersports sind mittlerweile die mit der größten Social-Media-Relevanz. Lindsey Vonn, Eileen Gu – und Jutta Leerdam. Die 27 Jahre alte Eisschnellläuferin aus den Niederlanden wurde in ihrer Heimat anerkennend Skatefluencerin getauft, weil sie Oranjes Volkssport noch mehr Aufmerksamkeit verleiht. Für Jutta Leerdam erfüllte sich diese Woche im Milano Speed Skating Stadium ein Traum: Die mehrmalige Weltmeisterin holte über 1000 Meter ihr erstes Olympia-Gold. Femke Kok hatte technisch brillant die Bestzeit im Oval gesetzt. Das 1,81 Meter große Kraftpaket Leerdam sorgte auf den Tribünen, die mehr an Heerenveen als an die lombardische Modemetropole erinnerten, für Ekstase: Mit ihren skalpellscharfen Kufen riss sie das Eis unter sich auf und war dank des Endspurts noch mal 28 Hundertstelsekunden schneller als Kok. „Unmenschlich, phänomenal und majestätisch“, japste Hollands sechsmalige Olympiasiegerin Ireen Wüst nach Luft. Am Sonntag (17 Uhr/ZDF) peilt die Gehuldigte auf halber Distanz erneut den Gold-Coup an.
Jutta Leerdam: Als die Mascara die Wange herunterläuft, tritt ein Werbevertrag in Kraft
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Leerdam verkörpert die Perfektion auf dem Eis und in der Internetwelt. Denn was sich ereignete, als sie die orangene Rennhaube abgenommen, den Anzug geöffnet und ihren Unterwäscheausstatter offenbart hatte, war Teil ihres olympischen Rennens: die permanente Inszenierung ihrer Eitelkeit. Leerdam starrte auf die Anzeige mit ihrer Siegerzeit von 1:12,31 Minuten. Mit den Händen schickte sie Herz-Emojis an ihren Verehrer. Ihr Mascara gab den Tränen nach und zeichnete auf der rechten Wange die Strecke des Eiskanals nach: „Das ist etwas Gutes, glaube ich.“ Momente zuvor war sie zum Testimonial für einen wasserfesten Eyeliner geworden. Gold bringt Geld.
Leerdam und ihr Partner bespielen eine eigene Welt. Die noch größere Internet-Prominenz neben ihr ist Jake Paul, der bei YouTube zu unbeschreiblicher Aufmerksamkeit gekommen ist. Der 29 Jahre alte US-Amerikaner verkehrt im Hause Donald Trumps, ist Star von dessen MAGA-Bewegung. Bad Bunny, der bei der Halbzeitshow während des Super Bowls auftrat, diskreditierte er als „falschen Amerikaner“, weil dieser kritisch auf die Immigrationspolizei ICE blickt. Der kritisierte Künstler stammt aus Puerto Rico – jenem Land, in dem die Glamour-Gemeinschaft Paul/Leerdam residiert und Steuern sparen kann. Aber das macht nichts: Trittbrettfahrern wird allerlei verziehen, wenn sie gegen diejenigen austeilen, die Trumps Leute auf dem Kieker haben. Nun brach dieser hart, härter, am härtesten wirkende Vieltätowierte andächtig in Tränen aus. Sein erster Post verkündete den Weltrekord (was er leider nicht war). Beim Einzug in der Olympic Family Lounge, eine Art Backstage-Lounge für IOC-Mitglieder und VIPs, küsste Jake seine Jutta. Ein Dutzend Kameramänner produzierte neuen Content.
Jutta Leerdam geht Eskapaden nicht aus dem Weg, bricht aber auch Tabus
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Die Egozentrik schmälert nicht Jutta Leerdams tatsächliche Leistung. Die Tochter eines Tomatenbauern stammt aus ’s-Gravenzande in der Westland-Region der Provinz Zuid-Holland. Mit Feldhockey hörte sie als Elfjährige auf, weil ihr die Individualität und Klarheit der Ergebnisse im Eisschnelllauf mehr zusagten. Leerdam gibt zu, Hysterie zu mögen. Mit ihrer Extravaganz macht sie sich sogar gerne zur Zielscheibe. Ihre Anreise im Privatjet nach Mailand löste eine Neiddebatte in den Niederlanden aus. Ein Eklat war, dass sie sich vor ihrem ersten Start in Mailand den klassischen Medien verweigerte. Das Muster ihrer Karriere: Leerdam entscheidet konsequent zu ihren Bedingungen. Abseits des Eises ist sie auf ihren eigenen Kanälen offen und bricht Tabus. Sie spricht über Menstruationsgesundheit und Druck rund um Gewichtsmanagement in ihrer Jugend. Sie definiert neu, wie ein Eisschnelllaufstar im modernen Sport existieren kann. Zu guter Letzt ist sie eine Weltklasseathletin, die Titel sammelt. Jutta Leerdam weiß: Ohne die Ergebnisse wäre sie bloß eine Influencerin, die eisläuft. Eine Kim Kardashian auf Kufen.

Der olympische Geist dreht sich nicht immer darum, dass Unbekannte endlich lebenslange Träume verwirklichen, Außenseiter gegen unmögliche Chancen kämpfen. Manchmal geht es um sehr reiche, berühmte Menschen. „Das war wirklich süß“, sagte Leerdam zur Zuneigung ihres Jakes. „Er hat alles mit mir gefühlt, denn jeder hat gesehen, wie schwierig, wie surreal meine Ausgangssituation hier war.“ Surreal trifft es. Olympische Spiele sind nicht mehr das, was sie einst waren. Manchmal wünscht man sich, sie wären es aber noch.





