Am Ende kann sie immer noch ihre Nonchalance ausspielen. Eileen Gu stemmt ihre Hände in die Hüften. So hatte sich die 22-Jährige das Finale der Freestyle-Skifahrerinnen nicht vorgestellt. Den Gold-Hattrick wollte sie bei diesen Olympischen Winterspielen. In den Disziplinen Big Air und Halfpipe, in denen vor vier Jahren in Peking ihr Stern weltweit aufging, ist sie in den nächsten Tagen wieder die Favoritin. Im Slopestyle musste sie im dritten und letzten Finallauf wie schon 2022 eine Winzigkeit von Rückstand (0,38 Punkte) auf Mathilde Gremaud aufholen. Rückwärts fuhr sie auf ihren Trickskiern an, sie sprang aufs erste Rail, kam davon ab und rutschte auf dem Hosenboden durch den Schnee. Das war’s mit dem Gold, die Schweizerin gewann wie schon in Peking. Im Zielraum des Snow Parks von Livigno hob sie fragend die Hände: Was soll ich machen?

Eileen Gu: Mit der Mutter und der Oma in einer Frauen-WG in San Francisco

Auch interessant

Eileen Gu ist eine Künstlerin auf Skiern und eine Wandlerin zwischen zwei Welten. Sie wurde in der San Francisco Bay Area geboren, wuchs dort auf und lebt noch heute mit ihrer Mutter Yan Gu, die aus China stammt und nach dem Studium in die USA kam, und ihrer Großmutter in einer reinen weiblichen Familien-WG. Ihr Vater ist Amerikaner, aber schon länger nicht mehr präsent in ihrem Leben. Dadurch besitzt sie beide Staatsangehörigkeiten. Ihr Nationalbewusstsein hält Eileen Gu bewusst flexibel. Als sie 2019 unter großem Getöse sich entschied, als Gu Ailing für das Heimatland ihrer Mutter zu starten, schuf sie sich mit einem markanten Satz ein Schutzschild: „In den USA bin ich Amerikanerin, in China bin ich Chinesin.“ Doch keinem der beiden Länder auf den Schlips zu treten, bewahrte sie nicht davor, aus beiden Lagern mal geliebt und mal angefeindet zu werden.

Freestyle Skiing - Milano Cortina 2026 Winter Olympics: Day 3
Die Freiheit, zu fliegen: Eileen Gu, geboren in den USA mit Startrecht für China, spielt mit ihrem Nationalbewusstsein.© Getty | Spencer

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Yan Gu im Stil einer knallharten Eislauf-Mutti die Karriere ihrer Tochter vorantrieb. Sie arbeitete als Skilehrerin, stellte Eileen mit drei Jahren erstmals auf Ski, an Wochenenden fuhren sie acht Stunden hin und zurück zum Training am Lake Tahoe. Eileen Gu erfuhr die Förderung des US-Verbandes und brachte mit dem Brückenschlag zwischen China und den USA eine ganze Sportnation gegen sich auf. Staatspräsident Xi Jinping hatte in ihr die Idealbesetzung erkannt, um die Winterspiele 2022 in Peking als Bühne für nationale Selbstdarstellung zu nutzen. Die zwei Goldmedaillen seiner „Schneeprinzessin“ bezeichnete der autokratische Führer später als essenziellen Schritt für die Erneuerung der chinesischen Nation.

Eileen Gu: Morddrohungen und Beleidigungen in den USA

Auch interessant

Die Reaktionen in ihrem Geburtsland darauf: Gu erhielt Morddrohungen, der Fox-News-Kommentator Tucker Carlson nannte ihre Entscheidung „dumm“, sie wurde als undankbare Verräterin tituliert. In ihrer zweiten Heimat rollte eine Welle des Entsetzens los, als sie sich die Haare blond gefärbt hatte – sie würde damit ihre asiatische Identität verleugnen. Für manche galt sie als falsche Prophetin: Einerseits chinesischen Mädchen die Freude am Freestyle-Sport näherbringen zu wollen, aber andererseits eine sportliche wie akademische (Studium der Quantenphysik in Stanford) Ausbildung zu erhalten, zu der nur die Elite Chinas Zugang hat. Als Eileen Gu während der Sommerspiele 2024 in Paris in einem Nachtklub gefilmt wurde, tanzend mit dem französischen Schwimmer Léon Marchand, erntete sie Spott: Nur tagsüber sei sie Chinesin, nachts Amerikanerin.

Freestyle Skiing - Milano Cortina 2026 Winter Olympics: Day 3
Wo Eileen Gu ist, werden die Handys und Kameras gezückt.© Getty | Spencer

Gu wird oft vorgeworfen, nur eine Opportunistin zu sein. Sie spricht mit ihrem Aussehen und den Vermarktungsmöglichkeiten die beiden größten Volkswirtschaften der Welt an, hat aber in China bedeutend mehr Follower in den sozialen Medien als in den USA. Die 22-Jährige ist Model bei IMG, lief bereits für Marken wie Victoria’s Secret und Louis Vuitton über den Laufsteg. Bereits mit 16 zierte sie nach einem Sommer in China dort sechs verschiedene Modemagazine. Ob es nun ihre waghalsigen Rückwärtssalti auf Skipisten sind oder Werbeaufnahmen für die Badeanzug-Ausgabe von Sports Illustrated: Für das Time-Magazin zählt sie zu den 100 einflussreichsten Menschen weltweit. Sie hat lukrative Werbeverträge mit Mode- und Luxusmarken, verdient aber nur 100.000 Dollar ihres Jahreseinkommens von 23,1 Millionen Dollar mit ihrem Sport.

Nach den Olympischen Spielen 2022 in Peking: Eileen Gu litt an Depression und Panikattacken

Auch interessant

Doch all diese politischen Ränkespiele um ihre Person interessieren Eileen Gu nicht. Geopolitische Fragen beantwortet sie in Interviews ebenso wenig wie das Nachbohren, ob sie für das chinesische Startrecht ihren US-Pass habe zurückgeben müssen, weil China offiziell keine doppelten Staatsbürgerschaften akzeptiert. Eine postolympische Depression und Panikattacken überwand sie, indem sie sich mit Geschick ein Profil aufbaute, mit dem sie für ein junges Publikum greifbar wurde. Neben perfekt inszenierten Shootings für Vogue und Elle postet sie Spiegel-Selfies und handgeschriebene Tagebucheinträge. Man sieht sie beim Erledigen ihrer Hausaufgaben im Schminkstuhl, beim Joggen, beim Essen im Auto und beim Lesen in einer Sauerstofftherapiekammer.

Freestyle Skiing - Milano Cortina 2026 Winter Olympics: Day 3
Das war‘s irgendwie nicht: Eileen Gu freute sich am Ende aber doch über Silber.© Getty | Reaves

Als Athletin ist Eileen Gu besonders vielseitig, als Werbefigur eine kommerzielle Größe. Und auch als Mensch erfüllt sie ihre Rolle als California Girl, das fließend Mandarin spricht. „Manchmal fühlt es sich so an, als würde ich das Gewicht zweier Nationen auf meinen Schultern tragen“, sagte Eileen Gu nun mit der Silbermedaille um den Hals, als sie mit der Alpensonne unweit der Schweizer Grenze um die Wette strahlte. „Aber mich interessiert nur, die tiefe Liebe zu zeigen, die ich für diesen Sport empfinde.“