Ilia Malinin stürzen zu sehen, ist, als ob Turn-Ikone Simone Biles irgendwann vom Schwebebalken gefallen, Michael Phelps zum Freistilrennen rückwärts ins Becken gesprungen wäre. Es kommt einfach nicht vor. Dabei gehören Missgeschicke für Perfektionisten dazu, die nach Vollkommenheit streben. Auch für Ilia Malinin. Das Eis unter ihm ist unerbittlich, es bestraft die kleinsten Fehler und zähmt die Wagemutigen. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so heftig sein würde“, sagte der 21 Jahre alte US-Amerikaner mit wallender blonder Mähne dieser Tage nach dem olympischen Team-Wettbewerb, in dem der Quad God (Vierfach-Gott) genannte hellste Stern im Eiskunstlauf sich ungewohnt menschlich gezeigt hatte.

Olympia 2026: Malinin ist der erste Eiskunstläufer, der sieben Vierfachsprünge steht

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Athleten, für die eine olympische Goldmedaille die höchste Errungenschaft in ihrem Sport ist, versuchen oft, Druck und Angst zu verdrängen. Indem sie sagen, sie wollten die Spiele wie jeden anderen Wettkampf behandeln. Ilia Malinin ist durchaus beeindruckt von dem ganzen Fünf-Ringe-Zirkus, den er in einer recht schmucklosen Messehalle, die derzeit als Milano Ice Skating Arena firmiert, gerade zum ersten Mal erlebt. Doch seit Montag hat die schillerndste Figur ihres Sports auch das Kurzprogramm im Einzelwettbewerb absolviert. Und prompt funktioniert der Business-as-usual-Ansatz wieder. „Ich will nicht zu weit vorausgreifen und sagen, dass ich garantiert dieses Gold bekomme“, sagt der Führende vor der Kür am Freitagabend (19 Uhr/ARD). „Favorit zu sein, ist das eine. Aber es zu schaffen, wirklich den Lauf deines Lebens abzuliefern, ist etwas anderes.“

Wenn Ilia Malinin übers Eis gleitet und fliegt, steht die Halle Kopf – und er selbst am Ende seiner Kür auch.
Wenn Ilia Malinin übers Eis gleitet und fliegt, steht die Halle Kopf – und er selbst am Ende seiner Kür auch.© AFP | Bouys

Seinen Spitznamen verdient sich der Meister der Vierfachausführung aller klassischen Sprungformen – Axel, Flip, Lutz, Rittberger, Salchow, Toeloop –, weil er Schwierigkeit über Sicherheit stellt, Risiko über Vernunft. Malinin ist der einzige Läufer, dem es je gelungen ist, in einem Wettkampf einen Vierfach-Axel zu landen. Sein Markensprung erfordert viereinhalb Rotationen und eine Sturheit, die fast königlich wirkt. Der Quad God landete als Erster sieben Vierfachsprünge in einem einzigen Programm, er dominierte die Weltmeisterschaften 2024 und 2025, hält die drei höchsten Kürwertungen der Geschichte samt Weltrekord (238,24 Punkte). Mit seinem übersprudelnden Showtalent könnte er nun sogar zu guter Letzt den zuvor beinahe 50 Jahre lang verbotenen Rückwärtssalto einbauen. On top, weil es keine nennenswerten Punkte bringt, nach dem Überschlag auf einer Kufe zu landen, die so dünn ist wie der Rand eines Notebooks.

Ilia Malinin: Hart gegen sich selbst und bereit, für den Ruhm auch das Risiko des Scheitern einzugehen

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Das Einzige, was im Lebenslauf des jungen Mannes aus Virginia fehlt, ist olympisches Einzelgold. Malinin hat diesen Gipfel nun vor sich, weil er an die Legenden seiner Sportart erinnert. Er ist ein kompromissloser Kämpfer, baut Selbstvertrauen mit Härte gegen sich selbst auf, akzeptiert auf dem Weg zum Ruhm auch das Risiko des Scheiterns. Mit seinem Talent sprengt Malinin alle Grenzen der Physik: Auf dem Eis entfesselt er einen Sturm aus Explosivität und Persönlichkeit. Es wird Dramatisches brauchen, um ihm das Gold aus den Händen zu reißen.

Niemand springt höher und rotiert schneller als Ilia Malinin.
Niemand springt höher und rotiert schneller als Ilia Malinin.© AFP | De Rosa

Ilia Malinin dürfte seinen Eltern am späten Freitagabend danken können, dass sie ihn nicht in eine andere Sportrichtung gezwungen haben. Tatiana Malinina und Roman Skorniakov waren beide Eiskunstläufer in Usbekistan, die Mutter wurde bei den Winterspielen 1998 in Nagano Achte. Im gleichen Jahr zogen die Eheleute an die Ostküste der USA. 2004 bekamen sie ihren Ilia. Doch einen Weltmeister und Olympiasieger wollte das Paar nicht großziehen. Als Ilia sechs Jahre alt war, „fragte er uns ständig: Darf ich aufs Eis?“, erzählte Tatiana Malinina einmal.

Ilia Malinins Eltern trainieren den Sohn – wollten aber nie einen Olympiasieger formen

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Seine Eltern wurden daraufhin Ilias Trainer – und sind es bis heute. Von seinem Vater übernahm Malinin Ruhe und Weitsicht. Die perfekte Balance für einen Sport zwischen Eleganz und Qual: Dass er heute mit Ruhm und Erwartungsdruck umgehen kann, verdankt er diesem inneren Gleichgewicht. Von seiner Mutter erbte er ihre Härte und ihren unermüdlichen Ehrgeiz. Sie lehrte ihn Mut und dass Mut Teil des Charakters wird, wenn man ihn oft genug zeigt. Die Schönheit des Eiskunstlaufs entsteht auch aus besagter Schonungslosigkeit. Talent allein reicht nicht, um diesen Sport zu dominieren, er verlangt Durchhaltevermögen. Und genau das gefällt Malinin ebenfalls.

Ilia Malinin zwischen seinem Vater Roman Skorniakov (links) und Rafael Harutjunjan: Beide trainieren den 21-Jährigen.
Ilia Malinin zwischen seinem Vater Roman Skorniakov (links) und Rafael Harutjunjan: Beide trainieren den 21-Jährigen.© AFP | Wang

Seit fünf Jahren arbeitet er auch mit Rafael Harutjunjan zusammen. Der 76 Jahre alte Armenier trainiert seit fünf Jahrzehnten in Irvine/Kalifornien die Besten, darunter die fünfmalige Weltmeisterin Michelle Kwan und den Peking-Champion Nathan Chen. Malinins Mutter nennt er aber weiterhin „Chefin“. Der Star-Coach half ihm zu verstehen, wie wichtig es ist, so lange zu arbeiten, bis Können und Stärke mit Athletik und Ehrgeiz Schritt halten. „Er ist anders“, sagt Harutjunjan, der auch die künstlerische Seite an Malinin stärkte. „Ich meine nicht seine Technik – niemand kann das, was er kann. Das sieht jeder. Aber seine Persönlichkeit ist anders. Er ist lustig. Ich mag ihn. Ein bisschen verrückt ist er auch – und das ist gut.“

Olympia 2026: Ilia Malinin wird in Mailand Gänsehaut erzeugen

Seine Athletik und Grazie auf Schlittschuhen, die Höhe und Rotation seiner Sprünge – Ilia Malinin fasziniert selbst ungeübte Augen. Er ist bereit, Gänsehaut zu erzeugen und den Druck abzuschütteln. „Ich will ihn aushalten“, sagt er. „Ich bin jemand, der beweisen muss, dass andere Menschen falsch liegen, wenn sie sagen, ich kann etwas nicht.“ Nur das Eis selbst würde es wagen, dem Quad God so etwas ins Ohr zu flüstern.