In jungen Jahren lässt man sich die Träume noch nicht nehmen. Ein kleines Mädchen in quietschgelber Skijacke mit Verbandsaufnähern steht vor der Kamera. Um sie herum läuten andere mit Kuhglocken, eine Selbstverständlichkeit bei Skiwettbewerben im Alpenraum. Hinter ihr lässt sich eine Skisprungschanze erkennen. Die Zehnjährige soll nun ins Mikrofon sagen, was ihr großer Traum sei. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. „Ich möchte zu Olympia“, sagt sie und setzt kurz aus. „Mit der Nordischen Kombination.“

Olympia 2026: Kombiniererin Armbruster: „Ich darf nicht – weil ich eine Frau bin“

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Nathalie Armbruster ist heute doppelt so alt und hätte sich dieser Tage ihren großen Traum erfüllen sollen. Sie ist Deutschlands beste Nordische Kombiniererin, drei Vize-Weltmeistertitel belegen dies. Ein olympischer Machismus verhindert, dass Nathalie Armbruster bei den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina an den Start gehen darf. In 16 Sportarten werden bis zum 22. Februar 116 Goldmedaillen vergeben. Alle werden paritätisch oder zumindest im Mixed ausgetragen – nur die Nordische Kombination nicht. Und das im Jahr 2026. „Ich fühle mich diskriminiert, weil meine Leistung nicht gesehen wird. Es tut weh, zu wissen: Ich wäre da eigentlich vor Ort und könnte meinen Kindheitstraum leben“, sagt Nathalie Armbruster, „aber ich darf es nicht. Und alles nur, weil ich eine Frau bin.“

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Im Fleimstal, wo die Skisprungschanzen von Predazzo entlang einer Durchfahrtsstraße thronen, legen sich an diesem Montagmorgen Wolken wie ein Deckel über die Bergspitzen. Am Mittwoch tragen die Männer ihren ersten Wettbewerb, bestehend aus Skispringen und Langlauf, aus; jetzt wird von der Normalschanze trainiert. Für Johannes Rydzek sind es die fünften Winterspiele. Eine lange Zeit im Fünf-Ringe-Kosmos, auch ihn beschäftigt die Ungerechtigkeit durch das Internationale Olympische Komitee. „Mir hat es das Herz gebrochen“, sagt der Doppel-Olympiasieger von 2018. „Das ist immer noch unverständlich. Sie hätten es verdient.“

Nordische Kombination: Entscheidung über Olympia-Zukunft im Mai oder Juni

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Die Nordische Kombination beschäftigt eine noch größere Unsicherheit. Denn die Frage ist nicht bloß, ob Nathalie Armbruster 2030 in Nizza und den französischen Alpen starten darf, sondern ob die Männer dann auch Teil des Programms sind. Aus dem Ringen um Gleichberechtigung ist ein olympischer Überlebenskampf geworden. „Das schwebt wie ein Damoklesschwert über uns“, sagt Rydzek. „Ich vertraue darauf, dass diese schöne Sportart olympisch bleibt und dann endlich und längst überfällig 2030 auch die Frauen antreten.“

Nathalie Armbruster
Klasse in der Loipe: Nathalie Armbruster wurde schon dreimal Vize-Weltmeisterin.© DPA | Hochmuth

Diese Hoffnungen ehren ihn, können Rydzek und den Deutschen Skiverband aber nicht ruhig schlafen lassen. Dabei ist die Nordische seit 1924 in Chamonix olympischer Nukleus, sie galt einst als Königsdisziplin und Symbol extremer Ausdauer in der Loipe und traditioneller Männlichkeit von der Schanze. Allein das erklärt die erschwerten Zugänge für Frauen, selbst wenn Sportwissenschaft und Wettkampferfahrung jede biologische Begründung für einen Ausschluss widerlegt haben. Wenn der Schnee geschmolzen ist, im Mai oder Juni, entscheidet das IOC über die Zukunft der Sportart. Die neue Präsidentin Kirsty Coventry will in Tesero beim Langlauf-Teil vorbeischauen und sich ein Bild machen. Ihre Eindrücke werden gewichtig sein bei der Entscheidung, die für DSV-Sportdirektor Horst Hüttel nur lauten kann: „Entweder die Damen kommen rein – oder die Herren kommen raus.“

Was die Kombination auf der Kippe stehen lässt: Die kritische Masse an Athletinnen sei zu gering. Ebenso die Leistungsdichte, weil im Weltcup in der Regel Norwegerinnen, Deutsche oder Österreicherinnen dominieren. Das weltweite Interesse bei TV-Quoten und Vermarktungschancen ist flau. Um neue Sportarten aufnehmen zu können, muss Platz bei den arrivierten Disziplinen geschaffen werden. Dabei ist schon viel geschehen, auch der Weltverband Fis hat die Zeichen der Zeit erkannt: Die Zahl der Athletinnen steigt von Jahr zu Jahr; es gibt Programme zur Unterstützung kleinerer Verbände beim Training. „Die Rennen sind zudem viel spannender geworden“, sagt Julian Schmid, der Team-Weltmeister ist neben Rydzek und Vinzenz Geiger dritter deutscher Starter in Norditalien. Neue Formate sollen für Abwechslung auf dem Podest sorgen. Horst Hüttel sagt, dass zwei Drittel aller Mädchen, die Skispringen, zugleich auch Langlauf betreiben. Im Sommer-Grand-Prix und Winter-Weltcup standen Athletinnen aus sieben Nationen und drei Kontinenten auf dem Stockerl. Nathalie Armbruster: „Wenn das keine Vielfalt ist, weiß ich auch nicht weiter.“

Olympia-Aufnahme gab Skispringerinnen Katapult-Effekt

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Sollten auch die Männer rausfliegen, wäre es laut Olympiasieger Vinzenz Geiger „früher oder später das Ende der Sportart“, weil eine fatale Kettenreaktion ausgelöst werden würde. Ohne olympischen Status würde die Spitzensportförderung massiv einbrechen, es gäbe es weniger Trainerstellen, weniger Behördenstellen für die Athleten, weniger Motivation für den Nachwuchs. Weil der DSV seine Fördergelder auch in Betriebsstätten steckt, zum Beispiel in die Schanzen und Loipen von Oberstdorf, droht ein Schneeballeffekt für das Flugteam. Die Springerinnen sind selbst bestes Beispiel für eine starke Entwicklung: Seit der Olympia-Aufnahme 2014 drückt sich der Katapult-Effekt in besserer Förderung, professionelleren Strukturen, mehr Aufmerksamkeit und höheren Anreizen für den Nachwuchs aus.

Weltcup Nordische Kombination - Oberhof
Genauso mutig wie Männer: Nathalie Armbruster beim Skisprung.© dpa | Schmidt

Katharina Schmid gilt als Vorkämpferin für ihren Sport, trug bei der Eröffnungsfeier die deutsche Fahne. Derzeit deutet vieles darauf hin, dass Nathalie Armbruster diesen Traum nicht allzu präsent werden lassen sollte in ihren Gedanken.