Dieses Wochenende soll für Berlin den Anfang der Aufholjagd markieren: Die Olympia-Bewerbung startet ihre Marketingkampagne, um gegen die starke Konkurrenz bestehen zu können. Senatsbeauftragter Kaweh Niroomand im Interview über die Kritiker des Projektes, die besondere Bedeutung des Jahres 2036 – und die Expo.

Berliner Morgenpost: Kaweh Niroomand, die Olympia-Euphorie in Berlin ist zum Start ins Jahr 2026 noch immer verhalten, die Kritiker sind nach wie vor laut. Werden Sie langsam nervös?

Kaweh Niroomand: Überhaupt nicht. Auch bei Olympia in Paris gab es zuvor zahlreiche Gegenstimmen. Während und insbesondere nach den Sommerspielen 2024 hat sich die Stimmung jedoch vollständig gewandelt. Es ist beeindruckend, was Olympia für diese Stadt bewirkt hat – das ist unsere Blaupause. Kritiker gibt es überall; allein in Deutschland existiert an jedem der vier Bewerbungsstandorte eine NOlympia-Bewegung.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat eben nicht den besten Ruf in Deutschland.

Niroomand: Umso wichtiger ist es, anzuerkennen, wie stark sich das IOC in den vergangenen Jahren verändert hat. Es wurden mehrere Reformprozesse angestoßen, etwa mit der Olympischen Agenda. Ein Diktat des IOC, dem sich Städte vollständig unterwerfen müssen, gibt es heute nicht mehr. Der Ansatz lautet vielmehr: Die Spiele passen sich den Gegebenheiten der Ausrichterstadt an und nicht umgekehrt. So ist es beispielsweise längst nicht mehr zulässig, Sportstätten zu errichten, für die es nach der Veranstaltung keine nachhaltige Nutzungsmöglichkeit gibt.
Stattdessen wird das modernisiert und weiterentwickelt, was bereits vorhanden ist. In Paris sind in diesem Zusammenhang rund 180.000 Arbeitsplätze entstanden – vor allem im Bereich kleiner und mittlerer Unternehmen –, die der Wirtschaft langfristig zugutekommen. Auf diese Weise eröffnen die Olympischen Spiele einer Stadt die Möglichkeit, sich sowohl mental als auch materiell weiterzuentwickeln.

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner hat diese Woche erstmals Unterstützung für eine Expo-Bewerbung signalisiert, auch wenn seine Priorität weiter auf Olympia liege. Was sagen Sie dazu?

Niroomand: Grundsätzlich halte ich beide Vorhaben für sinnvoll. Die Olympischen Spiele haben jedoch eine ganz andere Dimension – sowohl in Bezug auf den internationalen Bekanntheitsgrad als auch auf die langfristigen Effekte für die Stadt. Olympia ist deutlich breiter und umfassender angelegt. Die Expo-Bewerbung ist eine Initiative aus der Berliner Wirtschaft, die gute Gründe hat und zweifellos ebenfalls Vorteile für die Stadt mit sich bringt. Umso mehr bedauere ich, dass daraus ein Entweder-oder-Thema gemacht wurde.

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Würde Berlin denn beide Projekte stemmen können?

Niroomand: Wir müssen uns dabei klarmachen, dass die nächste Vergabesitzung des IOC für die Olympischen Sommerspiele auf das Jahr 2036 ausgerichtet sein wird. Es ist jedoch möglich – so hat es das IOC zuletzt gehandhabt –, dass es zu einer Doppelvergabe für 2036 und 2040 kommt, sofern zwei überzeugende Bewerbungen vorliegen. Sollte es in diesem Szenario zu einer Expo im Jahr 2035 und unmittelbar danach zu Olympischen Spielen 2036 kommen, wäre selbst eine Metropole wie Berlin organisatorisch und strukturell überfordert. Die Konsequenz wäre klar: In diesem Fall müssten wir die Olympia-Bewerbung zurückziehen.

Weil Sie sich nicht zwingend aussuchen können, ob die Bewerbung für 2036 oder für 2040 vom IOC verarbeitet wird?

Niroomand: Genau. Wir müssen uns auf 2036 bewerben, auch wenn wir aufgrund des internationalen Vergaberhythmus nicht davon ausgehen, dass es tatsächlich darauf hinausläuft. Zu den unterschiedlichen Jahreszahlen gibt es selbstverständlich viele gut begründete Positionen: 2036 jährt sich die nationalsozialistische Propaganda-Olympiade zum 100. Mal, 2040 die deutsche Wiedervereinigung zum 50. Mal.
Geschichte ist von großer Bedeutung. Dennoch sollten wir die Entscheidung nicht an zwei oder drei symbolischen Daten festmachen, sondern den größeren Zusammenhang betrachten. Sport als übergreifendes Thema kann in einer Stadt eine enorme Energie freisetzen – und das steht für mich über allem.

Kaweh Niroomand
Kaweh Niroomand will als Olympia-Beauftragter des Berliner Senats die Spiele in die Hauptstadt holen.© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Noch einmal zurück in die Gegenwart: Am 26. September legt sich der DOSB auf den deutschen Kandidaten fest, am 20. September gibt es in Berlin die Wahl zum Abgeordnetenhaus. Welche Auswirkungen erwarten Sie durch den Wahlkampf auf die Olympia-Bewerbung?

Niroomand: Das ist eine zentrale Frage, die in unseren Gesprächen mit den Fachverbänden, die letztlich die Entscheidung im DOSB treffen, immer wieder aufkommt. Es geht um die Verlässlichkeit der Berliner Landespolitik. Deshalb war es für uns so wichtig, dass der Regierende Bürgermeister und die Innensenatorin deutlich gemacht haben, dass Olympia für sie derzeit Priorität hat. Ich würde mir wünschen, dass sich auch alle weiteren Politikerinnen und Politiker der Koalition ebenso klar und engagiert hinter das Projekt stellen.

Und aus der jetzigen Opposition? Ein Regierungswechsel, zum Beispiel mit einer Bürgermeisterin der olympiakritischen Linkspartei, ist ja durchaus möglich.

Niroomand: Ich denke, selbst unter den Oppositionsparteien gibt es keine einheitliche Haltung pro oder kontra Olympia. Man sollte sich etwa daran erinnern, dass schon in der rot-rot-grünen Regierung unter Frau Giffey eine Olympia-Bewerbung im Koalitionsvertrag stand. Ich führe viele Gespräche mit derzeit kritischen Parteien und habe dabei den Eindruck, dass ihre Position nie kategorisch ablehnend ist. Die Grünen beispielsweise stehen in Hamburg, NRW, Bayern und auf Bundesebene hinter Olympia. Darum fragen die Fachverbände verständlicherweise: Warum positionieren sich die Grünen in Berlin anders?

Die DOSB-Entscheider haken schon jetzt explizit nach bezüglich der politischen Unterstützung in Berlin?

Niroomand: Ja, und es gehört auch zu meiner Aufgabe, diese nachvollziehbaren Zweifel auszuräumen. Dabei geht es darum, das Thema nicht ideologisch, sondern faktenbasiert zu betrachten. Wir müssen eine Atmosphäre schaffen, in der nach der Wahl die Beschlüsse der jetzigen Regierung respektiert werden und weiterhin Bestand haben. Wenn wir den Fachverbänden diese Sicherheit geben können, beseitigen wir ein zentrales Fragezeichen hinter der Berliner Bewerbung.

Im innerdeutschen Wettstreit zwischen den vier Olympia-Bewerbungen hat München zurzeit durch das herausragende Ergebnis im Bürgerentscheid mit einer Zustimmung von 66,4 Prozent einen Vorsprung. Wie will Berlin aufholen?

Niroomand: Das Ergebnis in München war beeindruckend, und das ist zweifellos ein starkes Argument. Ich glaube jedoch, für das IOC spielt das Referendum nur eine untergeordnete Rolle. Letztlich wird es ja darum gehen, dass sich der deutsche Bewerber im internationalen Wettbewerb behaupten kann. Wir müssen uns also fragen: Mit welcher „Mannschaft“ gehen wir aufs Spielfeld, um international die besten Chancen zu haben? München ist ohne Frage attraktiv und charmant – aber in puncto internationale Strahlkraft ist es mit Berlin als Hauptstadt nicht zu vergleichen.

Wie sieht der Fahrplan der Berliner Kampagne bis hin zur DOSB-Entscheidung im September 2026 aus?

Niroomand: Bisher war das Thema in der Stadt kaum sichtbar, und viele sagen, wir seien jetzt schon zu spät damit. Ich denke das nicht. Wir haben nicht das Referendum wie die anderen Standorte, auf das wir hinarbeiten müssten. Unser Ziel ist die DOSB-Entscheidung im September dieses Jahres – wir liegen also gut im Zeitplan. Die Kampagne läuft nun an und basiert auf drei Säulen: Chancen für unsere Kinder, Inklusion durch die paralympische Bewegung und die Zukunft Berlins als Weltmetropole.
Gleichzeitig starten wir berlinweit Beteiligungsformate, die sich über fast neun Wochen erstrecken und bei denen wir in jedem Stadtbezirk partizipativ präsent sein werden. Unser Ziel ist klar: Wir wollen in den nächsten Monaten eine Leidenschaft und Begeisterung für Olympia entfachen, damit Berlin diese große und einzigartige Chance nutzen kann.