Para-EM

Popow verabschiedet sich mit Silber

Der Para-Weitspringer Heinrich Popow krönt seine Karriere mit EM-Silber in Berlin und will nun die Para-Leichtathletik voranbringen.

Heinrich Popow wird bei seinem letzten Wettkampf Zweiter

Heinrich Popow wird bei seinem letzten Wettkampf Zweiter

Foto: Jens Büttner / dpa

Berlin.  Vor diesem einen Moment hatte Heinrich Popow Angst. Vor dem Moment, wenn der Para-Weitspringer zum letzten Mal in seiner Karriere in der Sandgrube landet. Denn dann ist sie vorbei, seine erfolgreiche Laufbahn als Leistungssportler. Und so saß der 35-Jährige dort am Dienstag im Jahn-Sportpark in der Berliner Abendsonne. Dem Karriereende so nah wie den Tränen.

Auch wenn er sich mental nicht auf den Wettkampf vorbereiten wollte, um nicht allzu emotional zu werden, war er doch überwältigt. Und das obwohl Popow die Grube nach seinem letzten Sprung nicht als Europameister verließ – der ganz große Sprung ist ihm zum Karriereende nicht mehr gelungen. 6,24 Meter, zwar so weit wie in dieser Saison noch nicht.

Aber am Dänen Daniel Wagner kam keiner vorbei. Mit 6,72 Meter landete der neue Europameister nur fünf Zentimeter unter Weltrekord – Popows Bestmarke von August 2016. „Ich hab ihm gesagt, Junge, spring nicht hier in Berlin Weltrekord. Und er meinte dann, dass er mir den lässt“, sagte Popow.

Dauerrivale Yamamoto ist extra aus Japan angereist

Er wirkt gelöst, fast froh, dass der letzte Wettkampf seiner Karriere endlich vorbei ist. „Ich war nervös, hab immer wieder versucht mich abzulenken“, sagte der Athlet von Bayer Leverkusen. Selbst seine Familie, seine Freunde und sogar Dauerrivale Atsushi Yamamoto, der extra aus Japan angereist war, konnten ihm die Aufregung nicht nehmen. Am Ende war es dann eben Silber. Aber für Popow ist die Medaille mehr als nur der Lohn für diesen einen Wettkampf.

„Das waren keine sechs Versuche für heute, das waren sechs Versuche stellvertretend für die letzten 18 Jahre“, sagte Popow, der mit einer Prothese springt. Als er neun Jahre alt ist, muss ihm das linke Bein bis zum Oberschenkel amputiert werden. Wegen eines Tumors in der Wade. Der sportbegeisterte Junge gibt nicht auf, probiert trotz Prothese viel aus. 2001 findet er mit der Leichtathletik die Sportart, die ihn die nächsten 18 Jahre begleiten soll.

Nun beendet Popow also seine Karriere. 30 internationale Medaillen bleiben – und der Eindruck eines Sportlers, der sich nie scheute, deutliche Worte zu finden, wenn es galt, für Menschen mit Behinderung zu kämpfen. Deshalb will er nun den Sport unterstützen, sich mit Funktionären auseinandersetzen, um die Para-Leichtathletik voranzubringen.

Ziesmers Premiere endet auf dem letzten Platz

Und während am Dienstagabend Popows Laufbahn in der Weitsprunggrube endete, wartete wenige Meter weiter Ronny Ziesmer auf den Startschuss zu seiner Karriere in der Para-Leichtathletik. Seine zweite Karriere als Leistungssportler, die ihn nun endlich zu den paralympischen Spielen bringen soll. Sein großes Ziel Olympia, das er vor 14 Jahren plötzlich aufgeben musste.

2004 bricht sich der damalige Turner in Vorbereitung auf die Sommerspiele in Athen die Halswirbelsäule, ist seitdem querschnittgelähmt. Nun steht der heute 39-Jährige im Rennrollstuhl an der Startlinie. Die ersten 100 Meter auf der großen internationalen Bühne liegen vor ihm. Er kommt als Letzter ins Ziel.

Dass der Cottbuser auf den Sprintstrecken keine Chance hat, war ihm schon vorher bewusst. Zu stark ist die Konkurrenz, die diesen Sport schon viel länger betreibt. „Es ist eine neue Sportart, man fängt bei null an“, sagte Ziesmer. Größere Chancen hat er am Mittwoch im Keulenwurf. „Da will ich persönliche Bestweite werfen. Dann haben wir im Training alles richtig gemacht“, sagte Ziesmer. Und er will weiterarbeiten, um der Konkurrenz bei den Paralympics 2020 in Tokio auf Augenhöhe zu begegnen.

Müller-Rottgardt sprintet zu Gold

Für deutsches Gold am zweiten EM-Tag sorgte Katrin Müller-Rottgardt (36). Die Wattenscheiderin siegte über 100 Meter der Startklasse T12 an der Seite ihres Guides Alexander Kosenkow in 12,78 Sekunden. „Es ist ein Traum, den EM-Titel erfolgreich zu verteidigen. Ein bisschen wird gefeiert“, sagte Müller-Rottgardt, die in Berlin in vier Disziplinen startet. Für Silber sorgten zudem 200-Meter-Sprinter Ali Lacin (Berlin/T61) sowie Routinier Martina Willing (Cottbus/F57) im Diskuswurf.