Para-EM

Irmgard Bensusan peilt EM-Gold über 200 Meter an

Lange musste die Läuferin Irmgard Bensusan um die Klassifizierung ihrer Behinderung kämpfen.

Para Leichtathletik-EM; Berlin, 20.08.2018 100m-Finale T44: Silber fuer Irmgard Bensusan (GER / TSV Bayer 04 Leverkusen); Para Leichtathletik-EM am 20.08.18 im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin (Deutschland). *** Para European Athletics Championships 20 08 2018 100m Final T44 Silver for Irmgard Bensusan GER TSV Bayer 04 Leverkusen Para European Athletics Championships on the 20.08.18 in the Friedrich Ludwig Jahn Sports Park in Berlin Germany xakx

Para Leichtathletik-EM; Berlin, 20.08.2018 100m-Finale T44: Silber fuer Irmgard Bensusan (GER / TSV Bayer 04 Leverkusen); Para Leichtathletik-EM am 20.08.18 im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin (Deutschland). *** Para European Athletics Championships 20 08 2018 100m Final T44 Silver for Irmgard Bensusan GER TSV Bayer 04 Leverkusen Para European Athletics Championships on the 20.08.18 in the Friedrich Ludwig Jahn Sports Park in Berlin Germany xakx

Foto: BEAUTIFUL SPORTS/Axel Kohring / imago/Beautiful Sports

Berlin.  Dienstag ist Irmgard Bensusans Lieblingstag. Denn nur an diesem einen Tag in der Woche darf die Para-Leichtathletin Eis essen – ihre große Leidenschaft, am liebsten salziges Karamell. „Ich liebe Eis und könnte es jeden Tag essen“, sagt Bensusan. Als Leistungssportlerin geht das natürlich nicht. Doch ganz auf Eis verzichten? Das kam für Bensusan auch nicht infrage. Deshalb handelte die 27-Jährige den Deal mit ihrem ehemaligen Trainer aus. Nur an diesem Dienstag muss sie wohl ausnahmsweise auf ihr wöchentliches Ritual verzichten.

Weil die Sprinterin vom TSV Bayer Leverkusen am Mittwoch bei der Para Leichtathletik-EM in Berlin zum zweiten Mal an den Start geht, steckt sie mitten in der Wettkampfvorbereitung. Das Rennen über 200 Meter – ihre Paradestrecke, auf der sie den Weltrekord hält (26,53 Sekunden) – soll schließlich noch erfolgreicher werden als ihr erstes am Montagabend. Über 100 Meter wurde die gebürtige Südafrikanerin im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in ihrer Startklasse Zweite (13,09), hinter der Niederländerin Marlene van Gansewinkel, die mit Weltrekord (12,85) Europameisterin wurde.

Am Mittwoch startet sie als Favoritin über 200 Meter

Die Leichtathletik, vor allem das Sprinten, ist neben Karamell-Eis Bensusans vielleicht noch viel größere Leidenschaft. „Laufen ist mein Traum, das Ziel habe ich, seit ich vier Jahre alt bin. Ich bin die Glücklichste, wenn ich laufen kann“, sagt die Wirtschaftsprüferin. Doch dieser Traum, das Ziel irgendwann einmal an Olympischen Spielen teilzunehmen, es geriet erst durch einen Unfall und später durch Probleme bei der Klassifizierung ihrer Behinderung in weite Ferne.

2009 stürzte Bensusan an einer Hürde, verletzte sich am Knie. Eine Nervenschädigung am rechten Unterschenkel war die Folge. Die Muskeln konnten den Fuß nicht mehr halten. „Wir haben alle nicht gewusst, wie es weitergeht. Die Ärzte haben gesagt, dass es sechs Wochen dauern würde. Dann könnte ich wieder laufen“, sagt Bensusan. Doch selbst nach eineinhalb Jahren und zwei Operationen hatte sich nichts verändert. Die passionierte Sprinterin musste akzeptieren, dass sie nie wieder so laufen kann wie vorher. „Ich kann nicht auf Zehenspitzen stehen und meinen Fuß nicht anwinkeln oder drehen. Er hängt einfach runter“, erklärt Bensusan.

Fassungslosigkeit, Wut und Depressionen kamen und gingen erst, als sich der Kampfgeist in Bensusan zurückmeldete. „Ich habe meine alte Trainerin angerufen, habe gesagt, dass ich wieder laufen will, dass es mir ganz egal ist, ob ich Letzte werde oder 20 Sekunden langsamer bin. Hauptsache ich laufe“, sagt sie. Sie nahm einen zweiten Anlauf in der Leichtathletik. Dank einer Orthese, die den Fuß, den sie liebevoll Schluffi nennt, im rechten Winkel hält und ohne die sie auf dem Fußrücken laufen würde. Es ist eine komplizierte Behinderung, eine, die man ihr nicht sofort ansieht und die deshalb schwierig zu klassifizieren ist. Genau das war das Problem, als sich Bensusan – ermuntert von ihrer Familie – dazu entschied, ihren Traum in der Para-Leichtathletik weiterzuleben. Doch in Südafrika wollte man ihre Behinderung nicht anerkennen, also bekam sie keine offizielle Klassifizierung und damit keine Startberechtigung. „Das war eine schwere Zeit, ein sehr grauer Teil meines Lebens“, sagt Bensusan.

Das Grau verzog sich erst, als Bensusans Mutter Kontakt nach Deutschland aufnahm, ihr Heimatland. Sie sollten sich an Bayer Leverkusen wenden, riet ihnen Para-Bundestrainer Willi Gernemann. Dort beschäftigte man sich intensiv mit Bensusans Fall und erreichte eine erneute Prüfung der Klassifizierung. „Die gleiche Person, die mich in Südafrika nicht klassifiziert hat, hat mich dann in Deutschland wohl klassifiziert“, sagt Bensusan. Weil die richtigen Tests gemacht wurden, die nachweisen konnten, welche Einschränkungen die Athletin durch die Nervenschädigung hat.

Also wurde 2014 aus der Südafrikanerin eine Deutsche, die bei den Paralympics 2016 in Rio gleich dreimal Silber gewann – über 100, 200 und 400 Meter. Ein Jahr später bei der WM in London reichte es dann sogar endlich für Gold über die Stadionrunde. Und nun warten die Paralympics 2020 in Tokio und der Traum vom ersten paralympischen Gold. Das große Ziel ihres zweiten Anlaufs. „Jeder Lauf ist ein Geschenk. Man kann nicht nur für ein Ziel leben, man muss auch den Weg dahin nutzen“, sagt sie. Und deshalb soll bei der EM am Mittwoch nach der Silbermedaille über 100 Meter auf der doppelten Distanz Gold folgen. Danach will Bensusan Berlins Eisdielen unsicher machen. Auch wenn Mittwoch ist.