Europameisterschaft

Für Markus Rehm ist der Sieg nicht genug

Markus Rehm will nicht nur Para-Europameister in Berlin werden. Er will auch weiter springen als olympische Athleten.

Markus Rehm ist der Konkurrenz der Para-Weitspringer mehr als einen Meter voraus. Doch weil nicht nachgewiesen werden kann, ob er mit seiner Prothese einen Vorteil gegenüber nicht-behinderten Weitspringern hat, darf er noch nicht gemeinsam mit ihnen starten

Markus Rehm ist der Konkurrenz der Para-Weitspringer mehr als einen Meter voraus. Doch weil nicht nachgewiesen werden kann, ob er mit seiner Prothese einen Vorteil gegenüber nicht-behinderten Weitspringern hat, darf er noch nicht gemeinsam mit ihnen starten

Foto: BEAUTIFUL SPORTS/Axel Kohring / picture alliance / Beautiful Sports

Berlin.  An diesen einen Moment im Krankenhaus erinnert sich Markus Rehm noch heute ganz genau. Als er an sich herunterschaut und bemerkt, dass etwas nicht mehr so ist, wie es war. Dass dort, wo eigentlich sein rechtes Bein sein müsste, die Bettdecke nur noch flach aufliegt. Es ist der Moment, in dem der damals 14-Jährige erkennen muss, dass der Unfall mit dem Wakeboard sein Leben verändert hat. Unwiderruflich.

Denn der rechte Unterschenkel, den die Ärzte in einer Not-Operation und wegen einer Blutvergiftung amputieren müssen, ist weg. Weil Rehm beim Wakeboarden gestürzt ist und ein herannahendes Motorboot den Jungen übersehen hatte. Sein rechtes Bein gerät in die Schiffsschraube des Bootes, wird so schwer verletzt, dass es nicht vollständig erhalten werden kann.

Wenn Rehm heute an die Tage nach dem Unfall zurückdenkt, spricht er nicht von Tränen, Wut und Frust. Oder von deprimierten Phasen. „So ein Tag ist nie der beste Tag des Lebens. In erster Linie hat man einen schweren Unfall und verliert ein Körperteil. Aber was aus diesem Tag entsteht, das kann was ganz Besonderes sein“, sagt der 29-Jährige.

Für Markus Rehm ist aus dem tragischen Unfall eine besondere Karriere in der Leichtathletik entstanden. Drei Paralympics-Siege, sechs Weltmeistertitel, drei EM-Titel, mehrere Weltrekorde im Weitsprung, Sprint und mit der 4x100-Meter-Staffel – seit knapp zehn Jahren gehört er zur Weltelite der Para-Leichtathletik, ist der bekannteste deutsche Para-Weitspringer. „Ich werde oft gefragt, ob ich meine Medaillen für mein Bein eintauschen würde. Ganz klar: nein“, sagt der Athlet des TSV Bayer Leverkusen, der nun eben mit einer Prothese als Ersatz für seinen rechten Unterschenkel springt und läuft.

Verbände schieben sich die Verantwortung gegenseitig zu

Für ihn ist es eine Besonderheit, keine Behinderung. Die Prothese gehört zu ihm, zeichnet ihn aus. Und behindert ihn nicht. Das Wort „behindert“ mag er sowieso nicht. Es werde oft als Beleidigung benutzt. Deshalb spricht Rehm auch von paralympischen und olympischen Athleten. Nicht von behinderten und nicht-behinderten Sportlern.

Diese Trennung stört ihn ohnehin. Seit Jahren setzt sich Rehm für ein gemeinsames Startrecht ein. Denn der Orthopädietechnik-Meister findet in der paralympischen Konkurrenz keine Herausforderer mehr. So wird er auch bei der am Montag beginnenden Para Leichtathletik-EM (bis zum 26. August) im Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ohne viel Gegenwehr den EM-Titel gewinnen, wenn er fit ist.

Für ihn geht es nicht mehr darum, die europäische Para-Elite zu besiegen

Das hat er längst. Die Weltrangliste führt er mit einem Meter Vorsprung an. Doch in der Weltrangliste der olympischen Weitspringer warten neue Herausforderungen. „Ich konzentriere mich immer auf die besten Athleten, die gerade so springen“, sagt Rehm. Das ist ein Kubaner, der mit 8,68 Meter noch zwanzig Zentimeter weiter springt, als Rehm bei seinem erneuten Weltrekord Anfang Juli (8,47). Oder ein Südafrikaner, der immerhin schon zehn Zentimeter vor dem Deutschen gelandet ist (8,58). Das sind Weiten, mit denen sich Rehm gern messen würde. In einem gemeinsamen Wettkampf, aber natürlich auch mit getrennter Wertung.

Denn Kritiker sehen Rehms Prothese als klaren Vorteil

Sie würde federn und ihm beim Absprung mehr Schwung geben. Das konnte eine Studie bestätigen, aber gleichzeitig auch zeigen, dass Rehm durch die Prothese deutlich langsamer als die olympischen Konkurrenten anlaufen kann. „Das gegeneinander aufzuwiegen, ist einfach unglaublich schwierig. Weil mir das selbst auch bewusst geworden ist, finde ich es einfach nur fair, wenn man die Wertung trennt, aber trotzdem einen gemeinsamen Wettkampf hat“, sagt Rehm.

Doch sein Bestreben überfordertden Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) ebenso wie den Weltverband (IAAF). „Ich weiß selbst nicht, was das Hauptproblem ist. Der DLV schiebt es auf den Weltverband, der Weltverband auf den DLV. Das ist einfach ein Armutszeugnis“, sagt Markus Rehm. Er wünsche sich mehr Mut, einen runden Tisch, an dem man offen über Bedenken, Probleme und Vorteile sprechen kann. Denn ein gemeinsamer Start von paralympischen und olympischen Athleten könnte auch Barrieren abbauen, für einen offeneren Umgang mit Behinderungen in der Gesellschaft werben.

Olympischen Athleten fällt es schwer, sich zu öffnen

Neben den Verbänden fällt es nämlich auch den olympischen Athleten schwer, sich für einen gemeinsamen Start zu öffnen. „Sie stellen mich als Behindertensportler dar und sagen das auch mit einer gewissen Abwertung. Gegen so einen abgewerteten Status will natürlich keiner verlieren“, sagt Rehm. Doch er wolle niemandem etwas wegnehmen. „Mir geht es nur um den Wettkampf“, sagt Rehm. Für die Para-EM muss er sich eine neue Motivation suchen, weil sein Wettkampf am Freitagabend eben kein richtiger Kampf mehr ist. Also will er weiter springen als die olympischen Weitspringer vor zwei Wochen bei ihrer EM im Olympiastadion. 8,25 Meter des Griechen Miltiadis Tentoglou sind das Ziel. Ein Teilziel. Denn Rehms Sehnsucht nach neuen Herausforderungen ist wohl noch größer als die Sprünge, die er macht.