Handball

Prokop und der Burgfrieden beim DHB

Trotz EM-Debakels darf Prokop als Bundestrainer weitermachen – auch dank des Schachzugs von Vize Hanning. Nächstes Ziel: die WM 2019.

Handball-Bundestrainer Christian Prokop darf weitermachen

Handball-Bundestrainer Christian Prokop darf weitermachen

Foto: Monika Skolimowska / dpa

Hannover.  Den dramaturgischen Satzbau hat Andreas Michelmann drauf. Als der Präsident des Deutschen Handballbundes (DHB) am Montagnachmittag vor die Presse trat, zögerte er die Mitteilung bezüglich der Zukunft von Bundestrainer Christian Prokop bis zum letzten Wort hinaus.

„Wir haben uns entschieden, die Zusammenarbeit mit Christian Prokop“ – Kunstpause – „fortzusetzen“, sagte Michelmann. Zwei Stunden hatte die außerordentliche Sitzung des DHB-Präsidiums im Flughafenhotel in Hannover gedauert. Anschließend sprach das Präsidium dem Bundestrainer das Vertrauen aus – zwar nicht einstimmig, aber deutlich, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning.

„Wir haben den Staff hinterfragt, die Mannschaft und den Trainer“, sagte Hanning über die vier Wochen andauernde Analyse nach dem enttäuschenden neunten Platz der deutschen Auswahl bei der Europameisterschaft in Kroatien. „Wir wollen weiterhin mit der besten Mannschaft arbeiten, und die hatten wir in Kroatien, sie muss nur besser spielen.“

Eine „mutige Entscheidung“

Vorstand Sport, Axel Kromer, der die Gespräche mit Spielern und Präsidiumsmitgliedern federführend geleitet hatte, nannte die Entscheidung „mutig. Der Weg dorthin war anstrengend, aber es war der, der das ehrlichste Ergebnis gebracht hat.“

Der Bundestrainer, der vor allem wegen der Nichtnominierung Finn Lemkes und seiner festgefahrenen taktischen Vorstellungen in die Kritik geraten war, nahm an der Pressekonferenz nicht teil. Alle Beteiligten betonten aber, dass die ehrliche Selbstreflexion Prokops einen großen Effekt auf die Entscheidung gehabt hatte.

„Wir hatten letzte Woche ein sehr langes und auch anstrengendes aber gutes Gespräch mit ihm“, sagte Nationaltorhüter Silvio Heinevetter. „Das war eine Runde, in der keiner ein Blatt vor den Mund genommen hat. Er hat nicht nur selbstreflektiert gewirkt, sondern auch wirklich Fehler eingestanden.“

Verband hat die Personalie Prokop unterschätzt

Heinevetter, der Prokop zwischenzeitlich attestiert hatte: „Viel hilft nicht immer viel“, berichtet von einer Kommunikation, die bis zu dem klärenden Gespräch „nicht so gut war. Ich glaube aber, er hat gemerkt, dass es ein Unterschied ist, ob du eine Ligamannschaft trainierst, in der du das Team jeden Tag um dich hast oder eine Nationalmannschaft.“

Vor seinem Engagement beim DHB hatte Prokop vier Jahre lang den SC DHfK Leipzig trainiert und war 2016 zum Trainer des Jahres ernannt worden. „Auch wir haben unterschätzt, dass es doch etwas anderes ist, einen Klub zu trainieren als die Nationalmannschaft“, räumte DHB-Präsident Michelmann ein.

Auf 500.000 Euro Ablöse hatte sich der Verband Anfang vergangenen Jahres mit Prokops Ex-Klub geeinigt. Dieses Geld wäre ebenso wie eine wohl sechsstellige Abfindung bei einer Auflösung des Vertrages fällig geworden. Der finanzielle Aspekt sei diskutiert worden, aber nicht entscheidend gewesen, so Michelmann. Wichtiger war es, anders als bei der WM in Frankreich, als die deutsche Mannschaft überraschend im Achtelfinale an Katar gescheitert war, nicht zur Tagesordnung überzugehen, sondern das Geschehen aufzuarbeiten.

Trainerdebatte jetzt ad acta legen

Heinevetter beschreibt den Prozess, über die Position seines Chefs mitzuentscheiden, als „unangenehm. Wir wollen ja auch niemanden an die Wand stellen, aber es war wichtig, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Wir haben im nächsten Jahr eine Heim-WM. Jetzt ist es auch Zeit, die Uhren wieder auf Null zu setzen und die Trainerdebatte ad acta zu legen.“ Mit Rücktrittsgesuchen von Spielern ist demnach erst einmal nicht zu rechnen. „Natürlich gibt es Spieler, die nach so einer verkorksten EM an Rücktritt denken, aber es wird nicht alles so heiß gegessen wie es gekocht wird“, sagte Heinevetter.

Auch der Rücktritt Hannings als Vizepräsident, über den zuletzt in den Medien spekuliert worden war, den der Verbandsfunktionär aber auch geschickt selbst in Umlauf gebracht hatte, war am Montagnachmittag kein Thema mehr. So blieb auch der letzte Platz auf dem Podium leer, das vorbereitete Namensschild von Hanning weilte während der Bekanntgabe unter einem Stuhl in der vorderen Reihe. Letztendlich hat Hanning mit dem Schachzug, seine Position an die von Prokop zu knüpfen, den Bundestrainer auch ein Stück weit im Amt gehalten. Michelmann sagte: „Mit dem Gedanken hat er das Präsidium überzeugt.“

Veränderungen im Team werde es aber geben, sagte Kromer, auch wenn er die personell noch nicht benennen wollte. Er betonte aber, dass die Entscheidung für Prokop keine kurzfristige sei: „Wir haben eine Heim-WM im nächsten Jahr und werden sicherlich nicht, nur weil wir kurzfristig Ruhe haben wollen, eine Entscheidung treffen, die uns später auf die Füße fällt.“