Vor ziemlich genau einem Jahr erlebte Christian Prokop (39) einen Höhepunkt seiner Trainerkarriere. Beim Allstar Game besiegte er die deutsche Handball-Nationalmannschaft und übernahm in der Arena Leipzig offiziell das Amt des Bundestrainers von Dagur Sigurdsson. Voller Bewunderung blickte die Handballwelt auf den neuen Hoffnungsträger, der beim Bundesligisten SC DHfK Leipzig so viel bewegt hatte, dass er sich zum begehrtesten Trainer Deutschlands entwickelt hatte.

An diesem Freitag steht Prokop wieder beim Allstar Game in Leipzig an der Seitenlinie (19.30 Uhr, Sky Sport News HD). Wieder sind alle Augen auf ihn gerichtet. Dieses Mal sind die Blicke aber kritisch. Nach dem enttäuschenden Abschneiden der deutschen Auswahl bei der EM (Platz neun) werde man sich vier bis sechs Wochen Zeit nehmen, um alles gründlich aufzuarbeiten, sagte Bob Hanning, der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB). Das Ergebnis sei offen.

Rückendeckung hält sich in Grenzen

Absolute Rückendeckung für den Mann, der noch vor zwölf Monaten eine halbe Million Euro Ablöse an Leipzig wert war, sieht anders aus. Ganz Handballdeutschland diskutiert nun, ob Prokop, der eine herausragende EM-Qualifikation mit der deutschen Mannschaft gespielt hat, sie aber im Turnier nicht mehr erreichen konnte, noch zu halten sei.

„Es ist die falsche Lösung, jetzt über einen neuen Trainer nachzudenken“, sagt Fabian Wiede. Der Rückraumspieler der Füchse Berlin gehört zu den Spielern, die Prokop kurz vor der EM aussortiert hatte – genau wie Finn Lemke und Rune Dahmke. Für das Allstar Game wurde der Berliner Wiede nachnominiert. Gemeinsam mit Silvio Heinevetter und Steffen Fäth vertritt er die Füchse, der Däne und Füchse-Rechtsaußen Hans Lindberg tritt im Allstar Team an.

Auch Sigurdsson war nicht auf Anhieb erfolgreich

Wiede sieht des Gesamtgefüge aus der Fernanalyse weniger dramatisch: „Christian ist noch nicht so lange dabei, dass die Mannschaft alles ganz genau versteht, was er will“, sagt er. Nicht zu unterschätzen sei zudem, dass mit Philipp Weber ein neuer Mann auf der zentralen Position des Spielmachers im Einsatz war. „Christian ist ein guter Trainer, ich glaube, dass er uns noch sehr helfen kann, aber man muss ihm Zeit geben“, findet Wiede.

In der hysterischen Diskussion mag manch einer auch vergessen haben, wie Dagur Sigurdsson in sein Amt gestartet ist: Mit Platz sieben bei der WM 2015. Der Isländer hatte allerdings die komfortable Situation, dass nach der verpassten Qualifikation für Olympia 2012 und die EM 2014 jedes Turnier, bei dem Deutschland einfach nur antreten durfte, schon als Erfolg gewertet wurde. Ohne Erwartungen gibt es auch keine Enttäuschung.