Bundesliga

Sag' mir, wo die Zuschauer sind

Die DFL meldet Rekord-Besucherzahlen. Doch ob bei Hertha, in Mainz oder anderen Städten: Einigen Bundesligisten laufen ihren Fans weg.

Faszination Fußball: Hertha live im Flutlichtspiel im Olympiastadion – oder doch lieber am Fernseher daheim auf der Couch

Faszination Fußball: Hertha live im Flutlichtspiel im Olympiastadion – oder doch lieber am Fernseher daheim auf der Couch

Foto: REUTERS / FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Berlin.  Die eigenen Zahlen positiv zu verkaufen, gehört zum Geschäft. So teilte die Deutsche Fußball-Liga die frohe Kunde mit: "Die Bundesliga ist auch in der Hinrunde 2017/18 die zuschauerstärkste Fußball-Liga in Europa. Im Schnitt besuchten 43.429 Zuschauer im Schnitt die 153 Partien der deutschen Eliteklasse." Zum Vergleich: Die Bundesliga liegt damit klar vor der englischen Premier League (38.091) sowie La Liga in Spanien (27.235).

Alles gut in deutschen Fußball-Lande? Bei genauerem Hinschauen zeigt sich: Ja, die ­Zahlen vieler Klubs befinden sich auf hohem Niveau. Aber es gibt klare Alarmsignale, dass den Vereinen Zuschauer verloren gehen.

So ist es am Freitag zu betrachten, wenn Hertha BSC den FSV Mainz empfängt (20.30 Uhr). Das Olympiastadion mit seinen 74.500 Plätzen wird nicht mal zur Hälfte gefüllt sein. Hatte der Hauptstadt-Klub in der vergangenen Saison noch einen Zuschauerschnitt von 50.200 vermeldet, ist der in der laufenden Saison deutlich gesunken. Nur 43.944 Besucher registrierte Hertha in der Hinrunde dieser Saison (s. Grafik). Besserung ist nicht in Sicht. In den verbleibenden Heimspielen gastieren noch Freiburg, Wolfsburg, Köln, Augsburg und Leipzig im Olympiastadion.

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Die Pay-TV-Sender locken den Fan auf der Couch

Das Phänomen ist kein spezielles in Berlin. In Hannover passierten 37.000 Besucher die Stadiontore (gegen Freiburg), in Hoffenheim waren es 24.100 gegen Mainz. In Leverkusen am vergangenen Wochenende wollten nur 25.600 Fans das 0:2 gegen Hertha sehen. Auch wenn die Zahlen bei den Bayern, beim BVB und auf Schalke exzellent sind – erstmals seit Jahren gibt es auch in München, Dortmund und Gelsenkirchen derzeit vor dem Anpfiff reichlich ­Tickets an den Stadien zu erwerben.

Sag' mir, wo die Zuschauer sind – die Morgenpost hat sich auf Ursachenforschung begeben. "Wir sind gut beraten, genau hinzuschauen", sagt Hertha-Manager Michael Preetz stellvertretend für viele Verantwortliche der Liga. Die Vermutung, der Fußball habe seinen Höhepunkt überschritten, die Fans seien das Schauspiel leid, mit irrsinnigen Ablösesummen, Millionen-Gehältern, Steuerhinterziehung und Skandalen bei Fifa oder Uefa – greift so nicht.

Wenn der TV-Kunde mehr weiß als der Fan im Stadion

Im Gegenteil: Profifußball ist so begehrt wie nie. Der Bezahl-Sender Sky hat netto in den letzten beiden Jahren ­jeweils 350.000 neue Abonnenten ­gewonnen, mutmaßlich vor allem wegen der Bundesliga-Übertragungsrechte. Die Partie von Hertha gegen den FC Bayern (2:2) am 1. Oktober 2017 verfolgten 1,17 Millionen Sky-Zuschauer - der höchste Wert, der jemals für ein Sonntagspiel beim Bezahlsender gemessen wurde. Mit den Streaming-Anbietern Dazn und Eurosport sind weitere attraktive Anbieter am Start. Für viele Fußball-Interessierte ist es zum Statussymbol geworden, ein oder mehrere dieser Abos zu haben. "Die Präsentation im Fern­sehen ist exzellent geworden", urteilt Hertha-Manager Preetz.

Ein anderer Grund, nicht ins Stadion zu gehen, hat mit dem Videobeweis zu tun. Es hat sich ein Informations­ungleichgewicht entwickelt: Der Fan auf der Couch weiß eher und genauer, worüber der Schiedsrichter auf dem Feld gerade diskutiert, als der Fan in der Kurve. Diese Schieflage, das fordern die Vereine von der DFL, soll beseitigt werden. Sollte der Videobeweis, der derzeit in der Testphase läuft, endgültig ­eingeführt werden, muss der Kunde im Stadion genauso im Bilde sein wie ­der Kunde daheim vor dem Fernseher.

Die Mär, Erfolg bringt mehr Zuschauer

Die Entwicklung in Berlin widerlegt zudem ein Standardargument, das Hertha entgegen gehalten wird: Die sollen erst mal erfolgreichen Fußball spielen, dann kommen die Zuschauer von allein. Hertha hat in den vergangenen zwei Spielzeiten als Liga-Siebter und -Sechster so erfolgreich abgeschnitten wie seit zehn Jahren nicht.

Basis war die Heimstärke. In der vergangenen Saison hat die Mannschaft von Trainer Pal Dardai zwölf von 17 Heimspielen gewonnen. Folge: Keine – der Besucherschnitt blieb, wie er war. In dieser Saison geht die Kurve sogar nach unten. "Dieses ­Erfolgsargument ist eine Mär", sagt ­Manager Preetz. Die Wahrheit ist: Hertha hat eine Basis von rund 35.000 ­Getreuen. Wieviel mehr es im Olympiastadion werden, hängt von Faktoren ab wie Gegner, Wetter, Ferienzeit usw.

Digitalisierung als Herausforderung

Mit den mäßigen Zuschauerzahlen hat sich eine andere Hoffnung nicht erfüllt, die die Verantwortlichen bei Hertha gehegt haben: Dass durch die Initiative im digitalen Bereich der Verein neue Kundengruppen gewinnen kann, die ins Olympiastadion zu locken wären. Dieser Effekt ist nicht ­eingetreten.

Dennoch wird der Hauptstadt-Klub den digitalen Weg weitergehen. Hertha hat viele Fans im mittleren und höheren Alter, das Traditionsbewusstsein ist ausgeprägt. Das will Hertha weiter stärken, einerseits. Andrerseits weiß die Geschäftsführung: Die Basis für die Zukunft wird in der Gegenwart gelegt. Deshalb will Hertha mit eSports-Aktivitäten oder Aktionen wie einem Tattoo als Eintrittsticket auf Lebenszeit (der Träger soll gegen Mainz damit erstmals ins Olympiastadion kommen) vor allem Kinder und junge Leute gewinnen.

Was kann Hertha im Olympiastadion ändern?

Das Ausbleiben von Fans nimmt Hertha ernst. Ein Dauerkritikpunkt ist der nicht zeitgemäße Komfort im 1936 eingeweihten Olympiastadion. Mit elektronischen Einlassmöglichkeiten, die seit Jahresbeginn installiert sind, soll die Wartezeit an den Zugängen verkürzt werden. Das Ordnungspersonal soll vor allen in Bereichen, wo Kinder sind, genauer hinschauen.

Was hilft gegen die zu wenigen Toiletten? Was hilft beim ewigen Parkplatz-Problem? Es gibt Überlegungen, dass Autos mit drei oder mehr Insassen vielleicht bald günstiger (oder umsonst) ­parken ­dürfen.

Die eigene Fußball-Arena als Sehnsuchtsort

Die Hertha-Verantwortlichen sehen die aktuellen Probleme auch als Bestätigung in ihrem Wunsch nach einer eigenen, kleineren Fußball-Arena ab 2025. Um den Besuchern ein Stadionerlebnis zu bieten, das (auch unter digitalen ­Gesichtspunkten) zeitgemäß sein soll, Stichwort: "Steil, nah, laut". Manager Preetz sagt: "Die momentanen Herausforderungen bestärken uns darin, dass wir bei dem Thema eines eigenen ­Stadion unbedingt dranbleiben." ­Allerdings wird es auch 2025 kein Selbst­läufer sein, eine ­Arena mit 55.000 ­Hertha-Fans zu füllen.

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