Der Monat hat Spuren hinterlassen. Aus den sechs Spielen des April hat Hertha BSC ein Pünktchen geholt, ein 2:2 gegen Liga-Schlusslicht Hannover. 4:14 Tore. Das 1:2 gegen Bayer Leverkusen war die dritte Niederlage in Folge, rechnet man den K.o. im Pokal-Halbfinale gegen Dortmund (0:3) dazu, sieht die Bilanz noch unfreundlicher aus.
Trainer Pal Dardai bat Salomon Kalou zum Einzelgespräch. Fast zehn Minuten redete der Coach intensiv auf den Torjäger ein. Dardai erklärte und gestikulierte. Kalou hatte die Hände vor der Brust und schien überwiegend Zuhörer zu sein. Vor den Medienvertretern später nannte Dardai keinen Namen, aber es war klar, wer gemeint war: „Ich will nicht, dass Spieler am Tag danach launisch in die Kabine kommen.“ Er könne verstehen, dass man beim Spiel frustriert sei. „Aber ich will keine negativen Gesichter sehen.“ Hätte Hertha nach dem Stolperfinale der vergangenen Saison die negative Grundstimmung mit ins laufende Spieljahr genommen, „wären wir abgestiegen“, so Dardai.
Hertha ohne Chance gegen die Top-Teams
Kalou ist Herthas wertvollster Spieler mit seinen 14 Toren und drei Vorlagen. Allerdings läuft es in der Rückrunde nicht so für den Ivorer, obwohl er auch hier fünf Treffer zum derzeitigen Rang fünf beisteuerte. In den letzten drei Partien jedoch hing Kalou durch und wurde in Leverkusen folgerichtig nach 57 Minuten ausgewechselt. So langsam, wie Kalou vom Platz schlich, schien er das als Demütigung zu empfinden. Solche Extravaganzen kann sich Hertha eigentlich nicht leisten. Kalou ist bisher nicht als Diva aufgefallen, aber er wirkt unzufrieden. „Das Spiel wurde immer intensiver, ich wollte noch aggressivere Spieler reinwerfen“, begründete Dardai den Wechsel mit dem schnellen Genki Haraguchi anstelle von Kalou.
Hertha hat derzeit vor allem mit sich zu tun, der Kampfmodus ist noch nicht eingeschaltet. „Die Zahlen sprechen für sich“, sagte Niklas Stark. „Ich bin enttäuscht“, sagte auch Herthas Bester in der BayArena, Torwart Rune Jarstein. Mit der Niederlage in Leverkusen sind mehrere Dinge klar: Die direkte Qualifikation für die Champions Legue ist verpasst. Und nach dem Vierer-Pack gegen Gladbach (0:5), Dortmund (0:3), die Bayern (0:2) und Leverkusen – alle Mannschaften liegen in der Tabelle vor Hertha – sagte Trainer Dardai: „Wenn wir ehrlich sind: Wir hatten gegen keinen dieser Gegner eine Chance.“ Anders gesagt: Obwohl der Hauptstadt-Klub von Ende November bis Ende April auf Rang drei lag, gehört Hertha nicht zur nationalen Spitze.
Das chronische Probleme mit dem Saison-Endspurt
Das ist eigentlich keine Überraschung, weil das im Ernst niemand vom Fast-Absteiger der Vorsaison erwartet hat. Dardai räumt aber ein, dass „die Winterpause mit den ganzen Überlegungen, ob das wird mit der Champions League, uns nicht gut getan hat.“ Zudem beunruhigt den Trainer, dass der Jahrgang 2015/16 exakt das gleichen Probleme hat, das seit 2010 jedes Team in blau-weiß befällt: Dass Hertha regelmäßig zum Saisonende wie ein misslungenes Soufflé in sich zusammenfällt und praktisch keine Spiele mehr gewinnt. „Das ist eine Tatsache, das war auch bei anderen Trainer so“, sagte Dardai. Ob die Mannschaft negativen Druck hatte wie im Vorjahr, als der Abstieg drohte, oder positiven Druck wie aktuelle, wenn das Ticket zur Königsklasse winkt, Dardai: „Das ist der Charakter der Spieler. Sie überlegen zu viel. Das ist für Fußballer nicht gut.“
Im letzten Heimspiel des Jahres soll gegen den SV Darmstadt am Sonnabend unbedingt ein Sieg her (15.30 Uhr, Olympiastadion). „Das Ende ist wichtig, ich kenne Berlin“, sagte Dardai. „Platz fünf oder sechs wäre überragend.“ Diese beiden Ränge würden Hertha direkt in die Gruppenphase der Europa League bringen.
Zwischen Rang vier und sieben ist alles möglich
Gar keine Rede war am Tag des Auslaufens auf dem Schenckendorff-Platz von Rang vier. Dabei liegt Hertha punktgleich mit dem Vierten Gladbach. Dieser Platz berechtigt zur Qualifikation für die Champions League. Das Programm aller Konkurrenten im Saison-Endspurt ist kompliziert (siehe Grafik), zwischen vier und sieben ist für Hertha alles möglich. Rang sieben in der Liga ist eigentlich ein achtbares Abschneiden. Wäre aber nach Herthas Saisonverlauf ein wenig enttäuschend - und für die Planung schwierig. Weil der Siebte aus Deutschland in die Europa-League-Qualifikation am 28. Juli einsteigen muss, vier Wochen vor dem Liga-Start 2016/17 am 26. August.





