Paris-Roubaix

Tony Martins Attacke in der Rad-Hölle

Der Zeitfahr-Spezialist debütiert am Sonntag auf dem Kopfsteinpflaster von Paris nach Roubaix und will dabei Landsmann John Degenkolb nacheifern.

Tony Martin erobert bei der Tour de France 2015 auf einer Etappe mit Paris-Roubaix-Passagen das Gelbe Trikot. Nun tritt er erstmals bei dem Klassiker an

Tony Martin erobert bei der Tour de France 2015 auf einer Etappe mit Paris-Roubaix-Passagen das Gelbe Trikot. Nun tritt er erstmals bei dem Klassiker an

Foto: Kim Ludbrook / dpa

Was für ein Gerüttel! Vom Ritt über die groben „Katzenköpfe“ werden irgendwann die Beine, Arme und der Hintern taub. Dennoch sind die Kopfsteinpflaster-Klassiker die neue Leidenschaft von Radprofi Tony Martin.

Am Sonntag debütiert der Thüringer bei Paris-Roubaix. 257 Kilometer, ein Fünftel davon auf engen Holperstraßen, die zu Napoleons Zeiten angelegt wurden. Vor Kurzem hat er in der „Hölle des Nordens“ sogar schon auf den „Pavés“ trainiert. „Es fühlte sich gut an. Vielleicht ist der Übergang zum Klassikerspezialisten da für mich sogar leichter als in Flandern. Hier geht es noch mehr ums Vollgas-Geben als um Taktik-Raffinessen“, glaubt der 30-Jährige. „Und wenn man mit Power drüberfährt, spürt man die Erschütterungen nicht so extrem.“

Dreimal schon raste der Wahlschweizer, der einst in Erfurt zum Weltklasse-Fahrer reifte, zu WM-Gold im Zeitfahren. Steht ihm damit eine Kapitänsrolle im belgischen Top-Team Etixx-Quickstep zu? „Nein, das wäre zu viel – es ist mein erster Roubaix-Start, ich habe nullkommanull Erfahrung“, sagt Martin bescheiden. Weiß aber, dass dies nicht so ganz stimmt.

Auf der Roubaix-Strecke fuhr er ins Gelbe Trikot bei der Tour

Denn bei der Tour de France 2015 hat er bewiesen: Er kann Kopfsteinpflaster. Er flog auf der Etappe nach Cambrai, die über Roubaix-Passagen führte, seinem Thüringer Kumpel John Degenkolb – der drei Monate zuvor den Eintagesklassiker gewonnen hatte – davon und erstmals in seiner Karriere ins Gelbe Trikot. Die Erinnungen sind aber nich nur positivi, denn einen Tag später war er es nach Sturz und Schlüsselbeinbruch wieder los.

Ironie des Schicksals: Diesmal fehlt Degenkolb verletzt, nachdem eine britische Autofahrerin Ende Januar in Südspanien in seine Trainingsgruppe gerast war und den Klassikerjäger schwer verletzte. Martin hofft, den Rivalen „möglichst bald“ wieder im Rennen zu sehen. Ein Wiedersehen könnte es am 1. Mai beim Rennen in Frankfurt am Main geben, wo Degenkolb mittlerweile wohnt und auch Martins Familie zu Hause ist.

Während Degenkolb am Sonnabend im warmen ZDF-„Sportstudio“ über Favoriten sinnierte, blickt Martin am Sonntag zuerst aufs Wetter. Regen ist angesagt – die zu erwartende Schlammschlacht und Sturzgefahr könnten wieder die Sicherheitsdebatte befeuern.

Martins Teamkamerad Marcel Kittel hatte nach dem tödlichen Unfall des Belgiers Antoine Demoitié, den vor kurzem ein Begleitmotorrad überfahren hatte, einen Mentalitätswechsel („Im Zweifel nicht zu Gunsten des Spektakels“) angeregt. Auch Martin macht Vorschläge: „Ich würde nur Ex-Radprofis ans Steuer von Begleitfahrzeugen lassen. Sie können gefährliche Rennsituationen am besten einschätzen.“ Zumindest sollte, so findet er, „ein spezieller Führerschein für Radrennen verpflichtend sein“.

Er selbst kam bis auf Abschürfungen am Gesäß bei einem Sturz Ende Februar bislang gut durch das Frühjahr. Es fehlt ihm noch ein Saisonsieg – auch im Zeitfahren schrammte er bislang an Erfolgen vorbei. Das lag aber daran, dass er wie kaum ein anderer Fahrer stets Helferdienste verrichtete, vorn im Wind schuftete, um das Tempo hochzuhalten und Sprints anzufahren.

Nach vielen Helferdiensten darf er nun selbst wieder angreifen

„Ich habe die Vorgabe meines Teams umgesetzt“, sagte er vorige Woche nach der Flandern-Rundfahrt, die er nach getaner Arbeit als 112. beendete. Seine Kapitäne – der Belgier Tom Boonen (15.), der Holländer Niki Terpstra (10.) und der Tscheche Zdenek Stybar (8.) – konnten aus dieser Top-Leistung allerdings nur wenig Kapital schlagen. Sie mussten dem slowakischen Weltmeister Peter Sagan den Sieg überlassen.

Gut möglich, dass die Teamspitze diesmal eine andere Taktik wählt – Martin könnte mehr Freiheiten bekommen, als Joker in wichtigen Gruppen mitgehen oder ein Solo starten. Als Mitfavorit sieht er sich bei Wettquoten von 50:1 Euro nicht. Zum Vergleich: Sagans Quote liegt bei 4:1. Aber in der „Hölle“ weiß man nie.

Die Form jedenfalls stimmt. „Ich fühle, wie ich immer besser zurecht komme. Ich muss aber noch eine Menge lernen – bei diesen Rennen braucht man viel Erfahrung“, sagt Martin.

Er war überrascht, wie hart diese Klassiker sind. „Es reicht nicht nur aus, ins Finale zu gehen. Man muss wirklich von Anfang bis Ende kämpfen – fast wie beim Zeitfahren. Manchmal bist du schon nach der Hälfte der Strecke platt. Und man muss viel über die Straßen und Anstiege wissen“, schildert Martin nach den Wochen, die neben den Rennerlebnissen „viel Trauriges“ bereithielten. Die Terroranschläge am Flughafen Brüssel, den er 40 Mal im Jahr nutzt, erlebte er im Land. Das Team trainierte gerade in einem Vorort der Hauptstadt. Einen Tag später bestritt er schon wieder ein Radrennen in Belgien – und fand das richtig. „Mein Mitgefühl gilt den Opfern. Aber wenn wir unsere Gewohnheiten aufgeben, erreichen die Terroristen genau das, was sie wollen.“ Es sei dennoch nicht einfach gewesen umzuschalten in den „vollen Sportmodus“.

Zeitfahren bleibt die Domäne des dreifachen Weltmeisters

Nach der Ankunft am Sonntag im legendären Radstadion von Roubaix (Eurosport überträgt von 10 bis 17 Uhr live) wird Martin gemeinsam mit dem Team und seinem Manager Jörg Werner entscheiden, ob die Klassiker auch künftig etwas für ihn sind. Denn bei aller neuen Liebe: die Hauptsaisonziele bleiben die Zeitfahren bei der Tour de France, bei Olympia und der WM. Da hat der Olympia-Zweite von London 2012 vor allem nach dem enttäuschenden WM-Platz sieben im Vorjahr noch Rechnungen offen. Lächelnd sagte er: „Dem ordne ich alles unter. Manchmal hat man ja seinen goldenen Tag.“ Vielleicht ja sogar schon in Roubaix.