Radsport

„Sie haben Glück gehabt, dass sie leben“

Nach dem schweren Rad-Unfall mit sechs Verletzten steht das Giant-Alpecin-Team unter Schock. Degenkolb verlor fast eine Fingerkuppe.

Ein Bild aus guten Tagen: Wann John Degenkolb wieder ins Training zurückkehrt, ist derzeit völlig ungewiss

Ein Bild aus guten Tagen: Wann John Degenkolb wieder ins Training zurückkehrt, ist derzeit völlig ungewiss

Foto: Bas Czerwinski / picture alliance / dpa

Calp/München.  Der Straßenrand glich nach dem Horrorunfall einem Trümmerfeld. Zerbrochene Rahmen, herausgerissene Reifen, herumliegende Trinkflaschen und Helme – ein einziges Bild der Verwüstung, das die Radsportwelt schockierte.

Dass der deutsche Star John Degenkolb und seine fünf Kollegen vom Team Giant-Alpecin nach dem Frontalzusammenstoß mit einem Auto im Trainingslager in Calp/Spanien mit Knochenbrüchen und tiefen Risswunden davonkamen, war bei diesem Anblick nicht selbstverständlich. „Sie haben Glück gehabt, dass sie leben“, sagte Degenkolbs Manager Jörg Werner am Sonntag.

„Mannschaft wird dadurch um Monate zurückgeworfen“

Werner hatte zuvor mit seinem Schützling telefoniert und sich berichten lassen, wie das Unglück passieren konnte. Keine Chance habe es gegeben, dem Unfall auszuweichen, habe ihm der „emotional angegriffene“ Degenkolb erzählt.

Das Auto, das laut lokalen Berichten von einer britischen Touristin gesteuert wurde, sei ungebremst auf der falschen Fahrbahnseite direkt in die Gruppe gefahren. Neben Degenkolb waren Max Walscheid aus Neuwied sowie der Franzose Warren Barguil, Chad Haga (USA), Fredrik Ludvigsson (Schweden) und Ramon Sinkeldam (Niederlande) betroffen.

Alpecin-Teamchef Iwan Spekenbrink reagierte wie viele, unter anderem auch Ex-Mannschaftskollege Marcel Kittel oder Tour-de-France-Sieger Chris Froome, schockiert auf die Nachricht und sprach von „einem sehr harten Tag. Die Mannschaft wird dadurch einige Monate zurückgeworfen. Ich habe das Bild mit den Rädern am Boden gesehen, da fehlen mir die Worte. Es hätte noch dramatischer ausgehen können“, sagte der Niederländer.

Bleibende Schäden sind nicht ausgeschlossen

18 Profis der Mannschaft und drei Gastfahrer hielten sich in Spanien auf, nach dem Training fuhren sie getrennt voneinander zurück Richtung Hotel. „Wie durch ein Wunder am Leben“, titelte die spanische Zeitung „Marca“ am Sonntag.

Das Wichtigste, ergänzte Spekenbrink, seien jetzt die Fahrer und ihre Familien. Alle im Team würden nun Zeit brauchen, das Geschehen zu verarbeiten. Dann aber, versicherte er, „werden wir noch stärker daraus hervorgehen. Wir sind wie Brüder und Schwestern.“

Wie schnell aber beispielsweise Degenkolb ins Training zurückkehren kann, ist völlig offen. Der gebürtige Geraer hat sich bei dem Crash eine Fingerkuppe beinahe komplett abgerissen, in einer Klinik in Valencia wurde am Sonntag versucht, den Zeigefinger wieder herzustellen, bleibende Funktionsschäden sind aber nicht ausgeschlossen.

Degenkolbs erster Gedanke: „Was ist mit der Saison?“

Neben verschiedenen Risswunden hat der 27-Jährige zudem einen Unterarmbruch erlitten, der in einer Operation mit einer Platte fixiert werden sollte. Danach war eine rasche Rückkehr nach Deutschland vorgesehen.

In einem Unfallkrankenhaus in Hamburg, in dem im zurückliegenden Sommer auch Tony Martin nach seinem Ausscheiden bei der Tour de France behandelt worden war, sollen weitere Untersuchungen folgen.

Erst dann seien laut Werner Prognosen möglich. „Das ist jetzt auch nicht wichtig, das ist das kleinste Problem. Es kann alles richtig, aber auch alles falsch sein, was man jetzt sagt“, sagte Werner. Degenkolbs erster Gedanke sei gleichwohl gewesen: „Was ist mit der Saison?“

Amerikaner Chad Haga erlitt die schwersten Verletzungen

Degenkolb ist nach dem Abgang von Kittel der Kapitän und das Gesicht des deutschen Rennstalls. Im Vorjahr hatte er mit den Triumphen bei Mailand-San Remo und Paris-Roubaix für positive Schlagzeilen gesorgt, im März und April wollte er auch diesmal bei den Klassikern für Aufsehen sorgen.

„Es geht mir den Umständen entsprechend gut“, hatte Degenkolb auf Facebook in einer ersten Reaktion mitgeteilt und geschrieben, dass sein Zeigefinger „nur noch am letzten Zipfel an meiner Hand“ gehangen habe.

Die schwerwiegendsten Verletzungen erlitt Haga, bei dem unter anderem beschädigte Venen und Arterien behandelt werden mussten. Der Amerikaner, der sich zudem einen Augenhöhlenbruch zuzog, wurde zunächst auf der Intensivstation überwacht, soll nach Angaben seiner Familie aber in stabilem Zustand sein.

Walscheid (22), der vor der Saison seinen ersten Profivertrag unterschrieben hatte, erlitt Brüche an Hand und Schienbein, Barguil einen Kahnbeinbruch.