Nach Sturz

Radprofi John Degenkolbs harter Kampf ums Comeback

Für den Deutschen ist der Weg zum nächsten Rennen noch weit, auch mental muss er den Frontalcrash mit einem Auto noch verarbeiten.

Im Vorjahr gewann John Degenkolb bei Mailand-San Remo und bei Paris-Roubaix. Diesmal kann er nach einem Unfall nur zuschauen

Im Vorjahr gewann John Degenkolb bei Mailand-San Remo und bei Paris-Roubaix. Diesmal kann er nach einem Unfall nur zuschauen

Foto: Luca Zennaro / dpa

Oberursel.  – Vielleicht ist das die gute, die erleichternde, die wichtigste Nachricht des Tages. John Degenkolb ist zurück. Noch nicht wieder auf dem Rad, aber in der Öffentlichkeit.

Das ist wenig für jemanden, der mit so großen Ambitionen in dieses olympische Jahr gestartet war. Und viel für einen, der bei einem schrecklichen Frontalcrash mit einem Auto im Januar fast den Zeigefinger der linken Hand verloren hätte.

„Das ist heute meine Stunde Null“, sagt der Radprofi des Teams Giant Alpecin, „heute beginnt meine Saisonvorbereitung.“

Eigentlich wäre er schon längst auf dem Weg in die Lombardei gewesen. Dorthin, wo am kommenden Sonnabend der Start zum ersten großen Frühjahrsklassiker erfolgt: Mailand– San Remo. Jenes Monument des Straßenradsports, das der gebürtige Thüringer vor Jahresfrist zum ersten Mal gewonnen hatte.

„Ich bin bereit für einen Neuanfang“

Stattdessen sitzt Degenkolb im verregneten Oberursel im Taunus auf einem engen Podium und erzählt. Rein äußerlich ist es nur der Verband am Finger, der auf die Leiden der vergangenen acht Wochen hinweist. „Ich bin bereit für einen Neuanfang“, sagt der Mann, der 2015 neben San Remo auch noch bei Paris-Roubaix triumphiert hatte.

Doch was ist die „Hölle des Nordens“ schon gegen die Hölle in dir? Der gebürtige Thüringer weiß, wie vage die sportlichen Ziele des Jahres plötzlich geworden sind. Das erste, die Klassiker des Frühjahrs, hat er schweren Herzens bereits abhaken müssen.

Das zweite Ziel nimmt er dafür umso fester in den Blick: die Tour de France. Bei der Frankreich-Rundfahrt will er ab 2. Juli für sein deutsches Team Giant Alpecin wieder im Sattel sitzen. Und schränkt doch gleich wieder ein: „Eine endgültige Prognose kann ich zur Zeit nicht geben.“

Ein Stück von der Hüfte in die Fingerkuppe operiert

So ganz hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, schon am 1. Mai vor seiner Haustür beim traditionellen Kriterium in Frankfurt/Main dabeizusein. Doch dazu müsste der Trainingsprozess ab sofort optimal voranschreiten. „Frankfurt ist schon bedeutend“, sagt Degenkolb, „doch nicht bedeutender als meine Gesundheit.“

Vieles, wenn nicht alles, hängt von der Heilung des ramponierten Zeigefingers ab. „Ich muss abwarten, wie der Finger reagiert, wenn er belastet wird“, sagt Degenkolb. Und: Es ist eben nicht nur der Finger.

„Der hat wahnsinnige Auswirkungen auf die Beweglichkeit der Hand, auf den Ellenbogen“, schildert der Profi das komplexe und gerade beim Radsport geforderte Zusammenspiel der Gelenke.

Knochen aus der Hüfte in der Fingerkuppe

Nach dem Unfall war ihm ein Stück Knochen von der Hüfte entnommen und in die Fingerkuppe operiert worden. Die Schmerzen an der Hüfte waren heftig, erzählt Manager Jörg Werner, der praktisch täglich von Erfurt aus Kontakt zu seinem Schützling hielt und ihn regelmäßig in der Klinik in Hamburg besuchte.

Noch konnte Degenkolb nicht wieder aufs Rad steigen. Erst für die kommende Woche geben die Ärzte grünes Licht. Dann wird der Wahl-Frankfurter endlich wieder draußen im Taunus in die Pedale treten.

„Man darf die mentale Seite nicht unterschätzen“, sagt er. Nicht die mentale, die befreiende Wirkung des Gefühls, wieder auf dem Rad zu sitzen. Und nicht die bedrückende Erinnerung an den Unfall.

Heute ist der 27-Jährige längst so weit, dass er darüber reden kann. Über die unwirkliche Situation an jenem 23. Januar im Süden Spaniens, als seiner Trainingsgruppe ein Auto entgegenkam und auf der engen Straße kein Platz zum Ausweichen blieb.

„Ich habe das inzwischen verarbeitet, eben weil ich darüber gesprochen habe“, sagt er. Kraft haben ihm seine Familie und Söhnchen Leo Robert gegeben: „Er machte manches einfacher für mich.“

Natürlich hat er versucht, so gut es geht, sich fit zu halten. Indoortraining auf einem Watt-Bike, das ihm Werner besorgt hatte. „Mir blieb ja nichts anderes übrig“, sagt Degenkolb, „als motiviert wiederzukommen.“

Es kann so schnell gehen, und alle Pläne sind zerstört

Die Olympischen Spiele seien eher kein Ziel, weil der sehr profilierte Kurs des Straßenrennens ihm nicht liegt. Dennoch hat ihn Manager Werner für Rio akkreditiert. Vorsorglich.

Obwohl vielleicht die WM im Oktober im Katar die lohnendere Reise sei. Aber auch Werner sagt: „Abwarten.“ Das vorige Jahr habe ja gezeigt, wie lange Marcel Kittel kämpfen musste, um wieder Anschluss zu finden.

Degenkolb schüttelt noch einmal den Kopf. Das sei schon ein verrückter Moment gewesen, damals im Januar. Er hat seine Sicht auf das Leben jäh verändert. „Es geht so schnell“, sagt er. So schnell, und alle Pläne sind zerstört.

Unter der Trainingsjacke lugt der blassgrün bandagierte Finger hervor. Die Farbe der Hoffnung.