Bundesliga

Hertha wird vom Vorbild verfolgt

Michael Preetz will mit Hertha erreichen, was Max Eberl mit Gladbach gelungen ist: der Anschluss an die Topklubs der Bundesliga.

Hertha will seine Position im Kampf um die Europacup-Plätze auch in Gladbach behaupten, hier jubeln Genki Haraguchi (vl.l), John Brooks, Vedad Ibisevic und Salomon Kalou

Hertha will seine Position im Kampf um die Europacup-Plätze auch in Gladbach behaupten, hier jubeln Genki Haraguchi (vl.l), John Brooks, Vedad Ibisevic und Salomon Kalou

Foto: Matthias Kern / Bongarts/Getty Images

Berlin.  Was sagt es aus über die Qualität des hiesigen Fußball, wenn auf der Zielgeraden der Saison Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach um die Qualifikation für die Champions League kämpfen? Es sieht so aus, als ob die Verhältnisse in der Bundesliga doch nicht ganz so zementiert sind, wie es manchmal scheint.

Es gibt ein Leben neben den Dauer-Champions-League-Startern Bayern München und BVB sowie (mit Abstrichen) Schalke, Leverkusen und Wolfsburg.

Gefragt nach einem Vorbild für Hertha hat sich Manager Michael Preetz vor der Auswärtspartie an diesem Sonntag (15.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) in Gladbach festgelegt. „Es gibt mit Mönchengladbach einen Klub, der es geschafft hat, sich nach dem Beinahe-Abstieg 2011 wieder herausragend aufzustellen“, sagt Preetz.

Lucien Favre als Baumeister

Gladbach ist der einzige Verein der jüngeren Vergangenheit, der nicht nur einmal für eine Überraschungssaison oben vorbeigeschaut hat (wie Freiburg, Mainz, Frankfurt oder Augsburg).

Die Borussia war nach der wunder­­samen Rettung in der Relegation 2011 viermal international dabei – in dieser Saison sogar in der Königsklasse. Auch aktuell liegt das Team von Trainer André Schubert, Nachfolger des zurückgetretenen Lucien Favre, erneut auf Europacup-Kurs.

Hertha, vor elf Monaten nur mühsam in der Liga verblieben, geht sensationell als Tabellen-Dritter ins letzte Saison-Viertel. Die Morgenpost hat mit Preetz und Max Eberl, Sport­direktor der Borussia, über die Situation gesprochen.

„Gladbach hat seit 2011 gutes Handwerk gemacht“, lobt Preetz. Eberl sagt: „Wir haben damals mit Lucie Favre ein großes Puzzlestück unseres Weges verpflichtet. Der Trainer hat mit seiner herausragende Arbeit dazu beigetragen, dass wir uns sukzessive nach oben arbeiten konnten.“

Beim Speed liegt Gladbach vor Hertha

Der Erfolg der Borussia ist auch vor dem Hintergrund nicht selbstverständlich, dass regelmäßig Leistungsträger abgegeben werden mussten (Marco Reus, Dante, Roman Neustädter, Marc-André ter Stegen, Christoph Kramer, Max Kruse).

Eberl: „Wir waren uns immer der Gefahr bewusst, dass Situationen entstehen, wo man überlegt, ob man einen Spieler nicht verkaufen soll. Wir haben das als Stilmittel genommen. Mit den Millionen für Marco Marin konnten wir Reus, Dante und Neustädter verpflichten. Mit den Millionen für Marco Reus konnten wir Xhaka, Dominguez und de Jong holen.“

Für die zwölf Millionen, die Gladbach vom FC Barcelona für ter Stegen erhielt, wurde nicht nur Torwart Yann Sommer engagiert, sondern auch Spieler geholt „die uns in der Breite besser gemacht haben wie Ibrahima Traoré, André Hahn und Fabian Johnson“, sagt Eberl. Alles Profis mit einer Qualität, die Trainer Pal Dardai bei Hertha ebenfalls anmahnt: „Bei der Schnelligkeit hinken wir ein erhebliches Stück hinter Gladbach her“, gesteht Preetz.

Der Borussia-Park als Goldgrube

Als gravierenden Wettbewerbsvorteil macht der Hertha-Manager das eigenen Stadion aus, das Gladbach besitzt. Die Borussen-Vereinsführung konnte Mitglieder und Fans 1999 trotz des damaligen Abstiegs überzeugen, den traditionsreichen Bökelberg zu verlassen. Eberl sagt: „Mit dem Einzug 2004 in den Borussia Park hat eine neue Ära begonnen.

Trotz des Abstieges 2007: Das eigene Stadion war der Neustart von Borussia Mönchengladbach.“ Der Weg war steinig, weil zunächst jährlich Millionen fehlen, die in die Stadion-Tilgung gingen. „Aber jetzt ist es so: Wir müssen nicht irgendwelche Rechte zurückkaufen. Wir können unsere Transfereinnahmen direkt in den Kader stecken kann. Das ist großartig“, sagt Eberl.

Diese Aufgabe liegt noch vor Hertha. Preetz hat erstmals öffentlich angemahnt, dass man sich um ein Fußballstadion kümmern müsse. Intern wird geschätzt, dass sich mit einer neuen Arena die Einnahmen um zehn Millionen Euro pro Jahr verbessern würden.

Die Stadion-­Frage ist für die Berliner ein großer, aber schwer zu betätigender Hebel. Preetz und Eberl eint der Ehrgeiz, sich von den Schwergewichten der Branche nicht erschrecken zu lassen. Eberl sagt, er mag die Mentalität nicht, „die Flinte immer schon vorher ins Korn zu werfen. Ja, es ist schwer nach oben zu kommen. Aber es ist möglich.“

Preetz verteidigt das „Team Marktwert“

Als Hauptstadt-Klub, der sich seit 15 Jahren erklären muss, wieso er eigentlich nicht um die Meisterschaft spielt, hat Preetz bereits den nächsten Schritt im Blick: „Wir wollen nicht einmal positiv für Aufsehen sorgen, sondern uns dauerhaft in der Top-Acht etablieren.“

In der ersten Saisonhälfte fügt er stets an: „Soweit sind wir noch nicht.“ Doch seine Mannschaft belehrt den Manager eines besseren und bewegt sich seit September ausnahmslos auf jenen Plätzen, die zum Saisonende das internationale Geschäft bedeuten.

So ähnlich die Ziele sind, beschreiten Hertha und Gladbach aber unterschiedliche Wege. Die Berliner etwa sind Teil der Gruppe „Team Marktwert“, zu der auch HSV, Frankfurt, Köln, Bremen und Stuttgart gehören. Preetz argumentiert, dass bei der Verteilung des TV-Geldes künftig mehr Kriterien einfließen sollten als das sportliche Abschneiden.

Ausgehend von der Frage „Wer trägt wie viel zur Markenbildung der Liga bei“ müssten andere Kriterien berücksichtigt werden wie die Zahl der Mitglieder oder die TV-Reichweite. ­Jeder Erst- und Zweitligist sei auf­gerufen, eigene Ideen beizusteuern. Eberl allerdings kritisiert die Entwicklung: „Ich halte von solchen Absplitterungen nichts. Die Bundesliga ist eine Solidar­gemeinschaft.“

Eberl kritisiert die „Traditionalisten“ wie Hertha

Gladbach hält in Sachen Tradition locker mit: Gegründet 1900, fünf Meister-Titel, drei Mal Gewinner des DFB-Pokal, zwei Mal Sieger im Uefa-Pokal. Doch Eberl sagt: „Man darf sich hinter Tradition nicht verstecken. Weil Bayern und Dortmund auch Traditionsvereine sind, die es geschafft haben, oben anzukommen.“ Der Borussen-Sportdirektor sagt, die Bundesliga sei eine Leistungs­gesellschaft. „Ich ­halte nichts davon, auf Tradition ­Fernsehgeld zu bezahlen.“

Die Einnahmesituation der kommenden Saison wird für Gladbach und Hertha nicht zuletzt davon abhängen, wie die Partie heute ausgeht. Wer zieht in die ordentlich dotierte Europa League ein? Und wer knackt den Jackpot Champions League? Bei Hertha heißt es: Wir schauen von Spiel zu Spiel.

Eberl aber lobt: „Hertha nutzt das, was wir letztes Jahr genutzt haben: dass große Teams schwächeln. Hertha ist sehr stabil, hat eine gute Struktur auf dem Platz. Es ist sehr schwer, gegen Hertha zu gewinnen.“