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Wer nimmt die Fans bei den Veränderungen mit?

Der Profifußball erlebt gerade einen gewaltigen Entwicklungsschub. Und Hertha BSC ist eigennützig unterwegs

Hertha-Fans beim Spiel gegen Ingolstadt im Olympiastadion

Hertha-Fans beim Spiel gegen Ingolstadt im Olympiastadion

Foto: picture alliance / dpa

Block 26.2, Reihe 4, Platz 38 – eine Dauerkarte bei Hertha im Olympia­stadion verspricht Dazugehörigkeit: Alle 14 Tage zwei Stunden Pause vom Alltag, Pause von den vielen Veränderungen, mit denen jeder von uns täglich zu tun hat. Zwei Stunden Heimat beim Fußball.

Vorbei. Der Profifußball erlebt gerade einen gewaltigen Entwicklungsschub. Veränderungen allerorten, auch bei Hertha BSC. Das "Crowdlending" hat ältere Fans verunsichert. Daran konnten sie nicht teilnehmen, weil sie zum Start des Projektes am Sonnabend um 14 Uhr auf der Anreise zum Hertha-Spiel gewesen waren. Antwort: Sie gehörten nicht zur Zielgruppe. Hertha wollte junge, hippe Leute ansprechen, die Mut zur Zukunft haben. Siehe da, um 14.09 Uhr hatte diese Klientel dem Hauptstadt-Klub eine Million Euro geliehen.

Verunsicherung auch bei Teilen der Fans, als Manager Michael Preetz erklärt, warum Hertha ein Fußballstadion braucht. "Hilfe, mein geliebter Platz im Olympiastadion", monieren einige Alteingesessene. Aktuell wird sich nichts ändern, bis 2025 kickt Hertha weiter im Olympiastadion. Aber natürlich ist es Aufgabe der Hertha-Verantwortlichen, nachzudenken, wie der Verein künftig seine Einnahmen erhöhen kann, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Den Fans wird noch mehr abverlangt

Um den eigenen Anteil am TV-Kuchen zu erhöhen, geht Hertha auch Wege, die gegen die sportliche Chancengleichheit sind. Die Begründung von Herthas Finanzchef Ingo Schiller ist ebenso ehrlich wie desillusionierend. Hertha vertritt in der Arbeitsgruppe mehrerer Traditionsvereine im "Team Marktwert" die Perspektive der Marktteilnehmer: Welcher Verein trägt wie viel bei zum Wert der Marke Bundesliga. Will sagen: Die bisher heilige Kuh "Leistungsprinzip" soll nicht mehr allein gelten. Klubs, denen der Abstieg droht (wie Hertha, HSV, Stuttgart, Frankfurt, Bremen, Köln) möchten die Chance erhöhen. Zulasten der Werksklubs, vor allem aber der unterklassigen Konkurrenz.

Nun gehört in Deutschland das Auf- und Abstiegsprinzip zur DNA unseres Verständnisses von Sport. Für die Unterhaltungsindustrie wäre es aber profitabler, gäbe es statt Darmstadt, Ingolstadt oder Fürth nur "große" Namen. Der Trend, den das "Team Marktwert" befeuert, geht in Richtung: Die Bundesliga als ­geschlossene Gesellschaft.

Den Fans wird noch mehr abverlangt. Ende Mai, Anfang Juni will die Deutsche Fußball-Liga verkünden, wie der neue TV-Vertrag ab 2017 aussieht. Dort werden die Termine pro Spieltag erweitert. Es sollen dazukommen pro Saison fünf Spiele am Sonntag, 13.30 Uhr, sowie fünf am ­Montag, 20.15 Uhr.

Man braucht kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass es erhebliche Proteste der Fans geben wird. Die ehrliche Antwort der DFL, also auch von Hertha, wäre: Das ist zwar schade für die Fans. Aber um höhere Einnahmen an TV-Geld zu bekommen, muss die Liga dem Fernsehen mehr exklusive Spieltermine anbieten.

Einfluss der Fans schwindet

Es beschleunigt sich im deutschen Fußball gerade eine ohnehin stattfindende Machtverschiebung. So wichtig die Fans als Kulisse im Stadion sind – die Zuschauerzahlen in der Liga (wenn man nicht Hertha heißt) steigen –, aber ihr Einfluss schwindet. Stattdessen nimmt der Einfluss der TV-Sender zu, die Milliarden für die Rechte bezahlen.

Mein Eindruck ist, dass etwa Hertha die Anstrengungen erheblich steigern müsste, um die Fans mitzunehmen bei den vielfältigen Veränderungen. Wer nun argumentiert, dann könnten wir gleich US-Verhältnisse einführen mit geschlossenen Ligen wie beim American Football oder Baseball, dem sei gesagt: Das Schlüsselwort bei US-Teambesitzern heißt "Parity" – Chancengleichheit. Alle erhalten den gleichen Anteil aus den Einnahmen. Es soll für jeden Klub möglich sein, innerhalb von fünf Jahren Meister zu werden. Ein Businessmodell, dass in der US-Unterhaltungsindustrie glänzend funktioniert.

Aber gleiches TV-Geld für alle in der Bundesliga? Keine Bange, das werden Bayern München und Borussia ­Dortmund zu verhindern wissen.

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