Immer Hertha

Berlins Olympiastadion: Die lauteste Wohlfühloase der Stadt

Gegen Borussia Dortmund steht für Hertha ein Fußball-Feiertag an: Das Olympiastadion wird ausverkauft sein.

Das Berliner Olympiastadion

Das Berliner Olympiastadion

Foto: Britta Pedersen / dpa

Genug gejammert. Nach den vielen Heimspielen mit guten Leistungen, aber nur mäßiger Kulisse, steht ein Fußball-Feiertag an. Wenn Hertha BSC am Sonnabend Borussia Dortmund empfängt, wird das Olympiastadion mit seinen 74.244 Plätzen ausverkauft sein.

Vorbei die Zeiten, da der Aufschwung des Hauptstadtklubs gegen Hoffenheim (37.000 Besucher), Mainz (39.800) oder Augsburg (35.000) in einer halb leeren Arena stattfand. Spiele gegen den BVB gehören in Berlin traditionell zu Saison-Höhepunkten. Wo nicht die Nachteile der WM-Finalarena ins Gewicht fallen – zu groß, Zuschauer zu weit weg vom Feld – sondern die Vorteile.

Meine erste Erinnerung an die Atmosphäre im Olympiastadion geht fast 20 Jahre zurück. Nach Jahren mit Kulissen von 5000, 8000 oder 11.500 Unentwegten gegen Essen, Jena oder Meppen war ich im April 1997 fasziniert von dem Gewusel bei der Anreise.

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Eine Mischung aus Raunen und Stöhnen

Die Reichsstraße war dicht, auf der Heerstraße ging es nur im Schritttempo voran. Aus allen Richtungen strömten die Anhänger. Am Ende waren es 75.000, die das Zweitliga (!)-Topspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern besuchten.

Ich erinnere heute noch die Mischung aus Raunen und Stöhnen, als Axel Kruse den Ball aus 30 Metern in Richtung leeres Gäste-Tor schubst – und die Kugel fast im Zeitlupentempo dann doch hinter die Linie rollt. Das Signal war nicht nur das 2:0 von Hertha, sondern die Kulisse. Nach Jahren der Zweitklassigkeit lautete die Botschaft: Berlin will Bundesliga.

Erster Gegner nach dem Aufstieg im August 1997 war der BVB. Das Olympiastadion mit 75.737 Zuschauern, na klar, ausverkauft. Der Klassenneuling heizte dem damals frisch gebackenen Champions-League-Sieger mit Matthias Sammer, Andreas Möller, Lars Ricken und Stéphane Chapuisat ordentlich ein.

Der schlafende Fußballriese Berlin

Ante Covic, heute Trainer von Herthas U23, besorgte den 1:1-Endstand. Beim Bezahlsender Premiere sagte Franz Beckenbauer: Die Konkurrenz solle sich warm anziehen, der schlafende Fußballriese Berlin sei erwacht.

Das fanden auch die 76.000, als Hertha im letzten Saisonspiel 1998/99 den HSV mit 6:0 aus dem Stadion schoß. Hertha qualifizierte sich im zweiten Jahr nach dem Aufstieg für die Champions League.

Meine lauteste, bunteste, chaotischste Erinnerung an das Olympiastadion ist mit der Königsklasse verbunden. Bengalos, Böller, euphorisierte Fans – auf dem Papier hatte Hertha Heimrecht gegen Galatasaray Istanbul. Gefühlt war es ein Auswärtsspiel, die Arena fest in Galatasaray-Hand. Das Team von Trainer Jürgen Röber hatte nichts zu bestellen – 1:4.

Traditionell ausverkauft ist das Vorsprechen des Branchenprimus. Mein Favorit unter den Bayern-Spielen ist der 2:1-Sieg im Februar 2009. Torwart Jaroslav Drobny, Arne Friedrich und Josip Simunic zeigten ihre vielleicht beste Leistung im Hertha-Trikot.

Hertha nach 20 Spieltagen Tabellenführer

Die Münchener mit Bastian Schweinsteiger, Mark van Bommel, Miro Klose und Luca Toni hatten gefühlt 80 Prozent Ballbesitz. Doch zwei Hertha-Tore von Andrej Voronin verwandelten das Olympiastadion in die lauteste Wohlfühloase der Stadt: Hertha war nach 20 Spieltagen Tabellenführer, Berlin träumte von der Deutschen Meisterschaft.

Ich habe das Spiel mit Patrick, einem Freund aus Frankreich und Fan von Paris St. Germain, im Stadion gesehen. Patrick war beeindruckt: Wie wenig aggressiv es unter den Zuschauern ist und wie viele Frauen und Kinder in Deutschland zum Fußball gehen.

Der Vollständigkeit halber sei die Disziplin erwähnt, mit der Hertha eher fremdelt: Die Derbys gegen den 1. FC Union waren Magneten und ausverkauft. Doch mit der aufgeheizten Atmosphäre von zwei Dritteln Fans in Blau-weiß und einem in Rot-weiß konnten sich die Hausherren nicht recht anfreunden. Im Februar 2011 setzte es ein 1:2, im Februar 2013 ein 2:2.

Kleiner Reminder für Borussia Dortmund zu den letzten Dienstreisen nach Berlin: Im Dezember 2014 setzte es in der Bundesliga gegen Hertha ein 0:1. Im Pokalfinale im Mai 2015 gegen den VfL Wolfsburg ein 1:3. Viel Spaß am ­Sonnabend im Olympiastadion!