Radsport

Geschke will mehr auf das Bauchgefühl hören

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Marcel Stein
Simon Geschke bei der Präsentation von Team Giant-Alpecin in Berlin

Simon Geschke bei der Präsentation von Team Giant-Alpecin in Berlin

Foto: Stuart Franklin / Bongarts/Getty Images

Nach einem großen Jahr startet der Berliner Radprofi Simon Geschke in Australien in die Saison. Sie soll anders werden als früher.

Berlin.  Der Bart fällt als erstes auf. Deshalb spielt er immer eine Rolle. Warum? Wie lange schon? Wie lange noch? Jeder will etwas wissen über die Pracht am Kinn von Simon Geschke. Die ist so groß, dass der schmächtige Berliner sich dahinter fast verstecken könnte. Wenn er denn nicht auf seinem Rad aus dem Pulk ausreißen würde. Dadurch ist der Bart mehr Markenzeichen als Maske geworden.

Seit zwei Jahren „habe ich mein Kinn nicht mehr gesehen“, erzählt Geschke (29). Ohne tiefere Bedeutung ließ er es sprießen, er hänge auch nicht unbedingt emotional an dem Wuchs, sagt er. Aber nun ist das Ding mit seinem größten Erfolg verbunden, bekannt wurde sein Gesicht erst mit Bart. Auch in der neuen Saison der Radprofis muss man im Feld nicht lange suchen, bei der Tour Down Under rund um Adelaide startet Geschke am Dienstag in sein Wettkampfjahr.

Frecher, wilder, freier

Es könnte ein ganz anderes werden als alle zuvor. Eines mit einem neuen Auftreten – mal abgesehen vom Bart –, frecher, wilder, freier. Und das alles wegen dieses einen Tages im Sommer 2015. Bei der Tour de France gewann er die schwere Alpenetappe nach Pra-Loup, ohne ein echter Bergfahrer zu sein. „Dieser Sieg war gut für das Selbstbewusstsein. Ein Tag, der mich vielleicht in Zukunft ein bisschen lockerer in die Rennen gehen lässt“, sagt Geschke.

Aus dem Bauch heraus fahren, angreifen, wenn es sich ergibt, ohne große taktische Planung, das kann funktionieren. Das war seine große Lehre aus dieser Etappe, einfach mal was probieren. „Vielleicht bin ich in der Vergangenheit zu zögerlich gefahren und habe dadurch öfter mal den Kürzeren gezogen“, so der Berliner. Pra-Loup soll nachwirken, lange.

Mit Tränen ins Gedächtnis

Ein guter Rennfahrer ist Geschke schon seit Jahren. Aber zweite, dritte und vierte Plätze werden schnell vergessen. Siege bei Touretappen nicht, da werden Helden geboren. Seither kennen die Leute ihn, ein kleiner Hype entstand. „Da kam vieles zusammen, der Sieg an sich, das Interview danach“, sagt er. Tränen flossen, reichlich. Damit erkämpfte er sich im Gedächtnis vieler einen festen Platz. „Das war der Tag meiner Karriere“, erzählt der Profi vom Team Giant-Alpecin: „Vielleicht bleibt er es auch.“ Zumindest setzt er sich nicht unter Druck, nun Etappensiege bei der Tour sammeln zu wollen.

Zunächst liegen die Ziele ohnehin anderswo. Generell fährt Geschke weiter als wichtiger Helfer für die Bergfahrer bei den Rundfahrten mit. Auf den hügeligen Klassikern darf er aber mal Kapitän sein, die Ardennen sind sein Terrain. Auf dem Amstel Gold Race im April liegt sein Fokus. „Das ist mein großes Ziel. Ich habe mir fest vorgenommen, dort irgendwann auf dem Podium zu stehen“, sagt Geschke, der dort im Vorjahr wegen eines Schlüsselbeinbruches fehlte und 2014 Platz sechs belegte. Auch die Tour gehört wieder zum Programm des Berliners. Wenn sich da eine Situation ergibt, wird er wie 2015 versuchen, sie zu nutzen.

Rio als großes Ziel

Ähnlich gilt das auch für die Olympischen Spiele. Der Kurs in Rio wird allenthalben als schwer beschrieben, mehr für Bergfahrer. „Da haben wir nicht gerade ein Luxusproblem“, sagt Geschke, „aber ich denke, dass man ein gutes deutsches Team zusammenstellen kann und hoffe, dass ich Teil davon bin.“ Olympia ist ein Traum von ihm. Mit ein paar taktischen Manövern, so seine Gedanken, könne man das Rennen mitprägen. Als Außenseiter.

Vielleicht könnte da der Bart wieder ins Spiel kommen. Eine kleine Wette. Viele fragen schließlich, wann das Ding wieder abkommt. „Ich habe ihn schon ein paar Mal als Einsatz gebracht, aber die Wetten immer gewonnen.“ Im Moment will er ihn auch gar nicht loswerden. Der stört ja nicht. Nur wenn bei der Verpflegung mal etwas Gel aus dem Mundwinkel runterläuft in das Markenzeichen, ist das nicht so lustig. Das Zeug geht schwer raus.