Seit er richtig Rad fährt, fährt Tino Thömel auch immer beim Berliner Sechstagerennen mit. Aber man weiß ja nie, was alles passiert. Wie selbstverständlich geht so eine Serie jedenfalls nicht weiter. Doch die von Thömel hält.

Am vergangenen Freitag erst unterschrieb er den Vertrag für die Auflage 2016 im Januar. Er steigt also erneut im Velodrom aufs Rad. Seit 1998 tut er das auf der Bahn, erst als Nachwuchsfahrer, seit 2008 im Feld der Profis. Ohne Unterbrechung.

Mit Erfolgen trat der 27-Jährige dabei nie in Erscheinung. Er ist einer, der eher am Ende zu finden ist. Dafür dürfte der Berliner mehr erlebt haben als viele, die vor ihm fahren. Diesmal könnten einige der Kollegen neugierig sein, was er zu berichten hat.

Vor einem Jahr erzählte er im Velodrom, dass er seine Straßen-Karriere in Asien fortsetzt. Komisch geguckt hat damals eigentlich keiner. „Die wissen ja, dass der asiatische Markt wächst“, erzählt Thömel. Er hatte Lust, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Einfach so, ohne Plan.

Nebenjob beim Tüv

Alternativen gab es, klar. Aber keine besseren. Wer auf dem Niveau von Thömel fährt, der muss sehen, wo er bleibt. „Ich bin Profi, aber richtig leben kann ich davon nicht“, sagt er. Nebenjobs gehören dazu. Weil er mit der Online-Datenpflege für den Tüv einen hat, der ihm alle Flexibilität bietet, war Asien eine gute Option.

Ende Januar sah er auf Twitter die Ausschreibung des RTS-Santic Racing Teams. „We want you“, stand da. Thömel dachte: „Ich hab’ nichts zu verlieren, das probierste einfach.“ Über Facebook schickte er eine Bewerbung. Verhandelt wurde auch via soziale Medien. Schöne neue Welt.

So schnell, wie er seinen Vertrag in der Tasche hatte, so schnell ging es auch schon los. Vor Tino Thömel lag der Traum vieler Rucksacktouristen. Ein paar Monate durch Südostasien touren.

Sein Team war in Taiwan beheimatet

Zuerst die Philippinen. Direkt im Anschluss an das Sechstagerennen in Berlin waren die Temperaturen ziemlich gewöhnungsbedürftig. Und die Hotels, die Straßen, die Rennen. Also eigentlich war alles ein bisschen anders.

Fahrrad fahren viele in Asien. Aber kaum einer hier denkt, dass dort Rennen gefahren werden. Schon auf der Hobbyebene geht es ordentlich ab. „Die holen sich gerade in China teure Räder, aber ob alles richtig eingestellt ist, ist egal“, erzählt er.

Dort steigt das Niveau gerade, so langsam fangen sie in China an, trainingsmethodisch zu arbeiten. In Südkorea sind auch sehr viele mit sehr gutem Material unterwegs. Thailand und Japan lernte Thömel kennen. Sein Team war in Taiwan beheimatet.

Rennen dort sind ein gutes Paket

Blockweise reiste Thömel hin und her, meist ein paar Wochen mit dem Team trainieren und Rennen fahren, dann in Berlin erholen. Zahlen musste er die Flüge nicht. Großzügig sind sie manchmal in Asien, die Teams und Veranstalter. Zumindest bei den großen Rundfahrten.

„Die Fahrerfelder dort werden immer größer“, erzählt Thömel. Die Bedingungen locken selbst die europäischen Teams immer öfter. „Sicher ist das Image der Rennen nicht so groß, aber die Veranstalter zahlen Flüge, stellen vor Ort die Autos, Hotels werden bezahlt, die Verpflegung“, sagt der Berliner. Dazu gibt es etwa bei der Tour of Taiwan hohe Berge und anspruchsvolle Kurse. Ein gutes Paket.

Bei den großen Rennen in Asien kämpfen inzwischen ohnehin vorrangig europäische Teams gegeneinander und um gutes Preisgeld. Erst bei den kleinen Rundfahrten ändert sich das Bild, da sind lokale Teams in der Mehrzahl. Solche kleinen wie seines. Mit drei Russen, einem Iraner, einem Usbeken und fünf Taiwanesen war seine Mannschaft bunt gemischt.

Zimmergenosse kommt aus dem Iran

Das gibt es nicht so oft. Meist teilte Thömel sein Zimmer mit dem Iraner. „Sein Traum ist es, in Europa Rennen zu fahren“, sagt der Berliner. Viele der asiatischen Profis würden das gern. Aber kaum einer schafft das.

Sie bleiben also in den Urlaubsparadiesen. „Die Strecken werden oft so gelegt, dass man an Sehenswürdigkeiten vorbeikommt.“ Vorbei an Tempelanlagen und Statuen, an traumhaften Stränden wie bei der Tour durch Hainan, Chinas Hawaii.

Für den Berliner war das ein Vorgeschmack: „Ich dachte mir, ich gucke mir die Länder alle an und fahre später mit meiner Freundin dort hin, wo es sich wirklich lohnt.“ Radrennen als Urlaubsvorabinspektion. Japan will er sich noch einmal in Ruhe anschauen, dort gefiel es ihm am besten. „Dort gibt es kaum was zu meckern“, sagt er. Weil für ihn alles ein bisschen ist wie in Deutschland. Sauber, korrekt.

Manchmal schlechte Hotels

In Ländern wie Thailand oder die Philippinen zieht es ihn privat vorerst nicht. Schlechte Erfahrungen mit Hotels. Das ganze Team mit acht Leuten wurde dort in eine Hütte gepfercht. Wie in der Jugendherberge.

Mit einem Klo für alle. „Wo biste denn hier jelandet?“, ging es ihm durch den Kopf. Die anderen murrten nicht, sie kannten das. Dafür gab es in den großen Städten bei den größeren Rundfahrten auch oft gute Hotels.

Und viele Fans standen an den Straßen. In Fünferreihen. Platz genug haben die ja. Überall sind die Straßen so breit. „Dadurch laufen die Rennen anders ab“, erzählt Thömel. Da kann jeder vorn fahren, jeder kann ständig attackieren, weil die Straße genug Raum dazu bietet.

In Europa sind die Straßen oft eng, da passen nicht viele Fahrer nebeneinander. In Asien mit dem weiten Asphalt ziehen unaufhörlich kleine Gruppen los. Meist werden die Gruppen eingeholt, gut 90 Prozent der Rennen endet mit Sprints. „Gut für mich“, sagt Thömel, der Sprintspezialist.

Lust auf eine zweite Saison

Vier Etappen hat er gewonnen, als einziger in seinem Team feierte er Siege. Eigentlich wollte er das nur für eine Saison machen. Und die leichte Angst vor dem Straßenverkehr in China, wo alle einfach fahren, wie sie wollen, spricht ja auch dafür. „Aber ich habe Spaß daran gefunden.“ Er überlegt, ob das noch mal in seine Planung passt.

Er hat gerade sein Fachabitur angefangen. „Man muss an die Zukunft denken. Die Karriere wird halt nicht mehr viel besser“, sagt er. Ein paar Rennen in Asien im nächsten Sommer nach dem Fachabi wären aber durchaus drin.

Vielleicht kommen diesmal sogar ein paar Kollegen vom Sechstagerennen mit und haben Lust, sich auch auf die Abenteuer einzulassen, von denen Tino Thömel erzählt.