Handball-EM

Christian Dissinger ist der Rückhalt in der Wundertüte

Der Rückraumspieler ist nach zahlreichen Rückschlägen der Hoffnungsträger der deutschen Handballer – auch am Montag gegen Schweden.

Umkämpft: Christian Dissinger setzt sich gegen den Spanier Juan Juan Del Arco (l) durch

Umkämpft: Christian Dissinger setzt sich gegen den Spanier Juan Juan Del Arco (l) durch

Foto: Maciej Kulczynski / dpa

Breslau.  Als Christian Dissinger sich in die Luft schraubte und das 3:2 der deutschen Handballer gegen Spanien erzielte, wechselten einige Zuschauer auf den Tribünen in Breslaus Jahrhunderthalle vielsagende Blicke.

Es war schon der zweite Treffer des 2,02 Meter großen Rückraumspielers innerhalb von vier Minuten. Vier weitere sollten folgen, damit war Dissinger bester deutscher Werfer bei der 29:32-Niederlage.

„Ich bin ganz unbekümmert in das Spiel gegangen“, sagt Dissinger. So will er heute auch die Partie gegen Schweden angehen (20.15 Uhr, ARD), obwohl DHB-Vizepräsident Bob Hanning warnt: „Gegen Spanien war es von der Herangehensweise her einfacher zu spielen als gegen Schweden.“

Gegen Schweden stärker unter Druck

Gegen Spanien erwartete niemand einen Sieg der deutschen Auswahl. „Wenn man ganz ehrlich ist, hatte man nach den ganzen Verletzungen vorher eher befürchtet, dass es ein Desaster geben könnte“, sagt DHB-Präsident Andreas Michelmann. Das konnte die Mannschaft abwenden, indem sie sich nach einem 11:18-Rückstand zurückgekämpft hatte.

Gegen die Schweden, die sich am Sonnabend 23:21 gegen Slowenien durchgesetzt hatten, stehen die jungen Akteure nun etwas mehr unter Druck. „Das wollen wir gewinnen. Wenn wir ans Verlieren denken, verlieren wir auch“, sagt Dissinger.

Mit 24 Jahren gehört er zur neuen Generation von Spielern, für die die Handball-EM in Polen ein Entwicklungsschritt ist auf dem Weg zum großen Ziel: Olympiagold 2020. Gegen Spanien absolvierte der gebürtige Ludwigshafener erst sein achtes Länderspiel, dabei galt er bereits nach der Junioren-WM 2011 als eines der größten Rückraumtalente.

Deutschland gewann Gold, Dissinger wurde zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt und kurz darauf vom damaligen Bundestrainer Martin Heuberger erstmals für den erweiterten Kader nominiert – wenige Tage später riss er sich das Kreuzband im linken Knie. Da spielte er beim Schweizer Meister Kadetten Schaffhausen.

Erst riss das linke, dann das rechte Kreuzband

Dissinger hatte sich bewusst für diesen Weg entschieden, da er befürchtete, in der Bundesliga als junger Spieler nicht genügend Spielanteile zu bekommen. „Die Verletzung kam nicht von ungefähr, das war vielleicht alles zu viel für einen 19-jährigen Körper, dazu kamen mentale Faktoren“, sagt er. 18 Monate später, als er sich mit einer starken Saison erneut für die Auswahl empfohlen hatte, riss das rechte Kreuzband.

Dissinger hatte gerade einen Vertrag bei Altético Madrid unterschrieben, der allerdings wenige Monate später pleite ging. „Da hatte ich schon die Gedanken aufzuhören, weil ich einfach das Licht am Ende des Tunnels nicht mehr gesehen habe“, sagt er.

Wieder kämpfte er sich zurück und spielt nun beim THW Kiel, wo er gerade eine Vertragsverlängerung bis 2020 erhielt. „Ich weiß, dass ich viel Potenzial habe“, sagt Dissinger.

Sigurdsson: „Wir müssen zusehen, dass wir stabiler werden“

Dieses Potenzial war gegen Spanien deutlich zu sehen, genau wie das der anderen jungen Spieler, von denen alle bis auf Martin Strobel, 29, und Carsten Lichtlein, 35, gerade ihre erste EM spielen. „Wir haben eine spektakuläre Mannschaft, eine Wundertüte, keiner rechnet so wirklich mit uns“, sagt Dissinger.

Ähnliches trifft auf die Schweden zu, die im Rückraum einen Altersdurchschnitt von 23,5 Jahren haben. „Die sitzen im gleichen Boot wie wir“, sagt Dagur Sigurdsson. „Wir müssen zusehen, dass wir stabiler spielen.“

Zumindest die Analyse fällt dem Bundestrainer vergleichsweise leicht, die Hälfte der schwedischen Mannschaft spielt in der Bundesliga, Fredrik Petersen, Mattias Zachrisson und Jesper Nielsen kennt er zudem aus seiner Zeit als Trainer der Füchse Berlin. „Das spart mir die Hälfte der Zeit“, sagt er.

Wie die Deutschen zeigte Schweden beim Auftaktspiel am Sonnabend eine schwankende Leistung, lag nach der ersten Hälfte 16:9 vorn, gab die Partie dann aber beinahe noch beim 23:21 gegen Slowenien aus den Händen. Christian Dissinger hatte sich nur diese erste Hälfte angesehen. „Das war vielleicht ganz gut so“, sagt er.