Handball-EM

EM-Gastgeber Polen ist im Bällefieber

Fans in Polen sind begeisterungsfähig. Die EM soll nun dabei helfen, den Handball auf das Niveau von Nationalsport Volleyball zu heben.

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Breslau.  Zygfried Kuchta hat dieser Tage einiges zu tun. Während die deutsche Handball-Nationalmannschaft sich am Freitagvormittag noch weitestgehend unbehelligt durch Breslau bewegen konnte, „nur ein Passant hat uns heute angesprochen“, sagte Tobias Reichmann, pendelte der 72-jährige ehemalige Nationalspieler zwischen Kattowitz und Krakau hin und her. Dort fanden am Abend die ersten vier Partien der Europameisterschaft statt, und Kuchta ist als Repräsentant des polnischen Verbandes mit dafür verantwortlich, dass die große Party in Rot und Weiß ein Erfolg wird.

Polen ist zum ersten Mal Ausrichter eines internationalen Handballwettbewerbes. „Das ist eine große Chance für unseren Handball“, sagt Kuchta. 1976 holte er mit der polnischen Auswahl Bronze bei den Olympischen Spielen in Montreal. Im kleinen Finale besiegte er die deutsche Mannschaft. 1982 gewann er als Trainer mit Polens Handballern Bronze, es war die erste polnische Medaille bei einer WM. „Zwischen 1970 und 1982 war eine gute Zeit für den Handball in Polen, danach wurde es schlechter“, sagt Kuchta.

Vor einem Jahr wurden die Polen bei der Handball-WM Dritter

Die polnische Auswahl verschwand von den bedeutsamen Plätzen, bis Bogdan Wenta das Nationalteam 2004 übernahm und es 2007 hinter Deutschland zu WM-Silber führte. Ein Jahr später erreichte Polen bei den Olympischen Spielen in Peking einen respektablen fünften Rang. 2009 war man bei der WM in Kroatien wieder ganz nah dran, wurde am Ende Dritter. Bei der EM 2010 in Österreich reichte es zu Platz vier. Danach ging es bergab, die Ergebnisse waren eher enttäuschend. Bis zur WM vor einem Jahr in Katar, als Polen unter dem deutschen Trainer Michael Biegler erneut Bronze holte. Jetzt träumt das ganze Land vom ersten Handball-Titel. Vorbild sind die Volleyballer, die 2014, als ebenfalls in Breslau, Danzig, Kattowitz und Krakau gespielt wurde, ihren ersten WM-Titel seit 1974 feiern konnten.

Ob Volleyball, Handball oder Fußball: Die Begeisterung für Sport ist groß in Polen. Nicht einmal vier Stunden soll es gedauert haben, bis alle Karten für die EM-Spiele verkauft waren. „Bei uns ist es wie eine Mode, guten Sport anzuschauen“, sagt Kuchta. Dabei feuern die Polen zwar vor allem ihr eigenes Team an, doch auch bei den Begegnungen ohne polnische Beteiligung seien die Hallen weitestgehend ausgelastet, weiß Kuchta. „Das habe ich bei Meisterschaften in anderen Ländern so noch nicht erlebt. Das sind echte Zuschauer, und ich freue mich, dass die Leute bemerken, mit dem Sport kann man etwas bewegen.“

Volleyball hat viel Geld von der Regierung bekommen

Seit Polen 2012 gemeinsam mit der Ukraine die Fußball-EM ausrichtete, findet in fast jedem Jahr ein sportliches Großereignis im Land statt. Zunächst lag der Fokus mit der Beachvolleyball-WM 2013 und der Volleyball-WM 2014 auf dem Nationalsport Nummer eins. Nun soll es mit der EM 2016 und der WM 2023 aber auch im Handball vorangehen. Viel Geld wurde investiert, um in den vier Arenen in Danzig (11.409 Plätze), Kattowitz (11.500), der Jahrhunderthalle in Breslau (6000) sowie in Krakau (15.328) die optimalen Bedingungen zu schaffen. In sieben Städten durften sich die Fans in den vergangenen Wochen den EM-Pokal ansehen, begleitet von einer großen Show in den vier Spielorten sowie in Warschau, Plock und Kielce. Während der EM wird es auch Public-Viewing-Zonen in den Spielorten geben, teilte der Europäischen Handball-Verband EHF mit.

„Volleyball hat in den vergangenen Jahren viel Geld von der Regierung bekommen“, sagt Zygfried Kuchta. Die polnische PlusLiga hat sich zu einem lohnenden Ziel für internationale Topspieler entwickelt. Die deutschen Nationalspieler Lukas Kampa und Marcus Böhme messen sich dort und schwärmen von dem hohen Niveau. Im Handball gibt es da noch Nachholbedarf. Zwar lockt Serienmeister KS Kielce genau wie Wisla Plock immer mehr internationale Spieler an, „doch alle Teams dahinter haben Probleme“, sagt Kuchta. Die guten internationalen Platzierungen von Kielce, dem 2013 und 2015 der Sprung ins Final-Four-Turnier um die Champions League gelang, sieht er als hilfreiche Werbung. Wenn die Klubs aber zu viele ausländische Spieler verpflichten, haben die jungen Spieler keine Chance, sich zu entwickeln. „Das ist nicht gut für unsere Nationalmannschaft“, sagt Kuchta.

Programm zur Gewinnung von Nachwuchs startet an Schulen

Auf deren Zukunft blicke er ohnehin mit Angst, gibt er zu: „Nach den Olympischen Spielen werden einige Spieler aufhören, und wir haben momentan keine gute Mannschaft bei den Junioren.“ Mit dem polnischen Verband startet er nun ein Programm für die Entwicklung von Handball in den Schulen. „Die Volleyballer haben das schon lange“, sagt Kuchta. Im Handball war aber bislang kein Geld für derlei Maßnahmen vorhanden. Jetzt hofft Kuchta auf ein gutes Resultat der Polen bei der EM, damit die Handball-Begeisterung noch ein bisschen anhält.