Leichtathletik

Die Leichtathletik geht im Sumpf unter

Ein unabhängiger Bericht zeigt das komplette Versagen des Weltverbandes IAAF. Zwischen Vertuschung von Dopingfällen und Korruption.

Hier jubeln 800-m-Olympiasiegerin Maria Sawinowa (links) und die Drittplatzierte Ekaterina Poistogowa bei den Olympischen Spielen in Lodon 2012, inzwischen sind die Russinnen des Dopings überführt und gesperrt

Hier jubeln 800-m-Olympiasiegerin Maria Sawinowa (links) und die Drittplatzierte Ekaterina Poistogowa bei den Olympischen Spielen in Lodon 2012, inzwischen sind die Russinnen des Dopings überführt und gesperrt

Foto: Kerim Okten / picture alliance / dpa

Berlin.  Als Richard Pound am Donnerstag um 15.08 Uhr in einer Pressekonferenz in Unterschleißheim bei München das Wort ergriff, war die Spannung riesengroß. Hatte der Chef der unabhängigen Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada doch einen „Wow-Effekt“ angekündigt.

Und wirklich: Es wurden neue, schier unglaubliche Details publik. Der Imageschaden für den Leichtathletik-Weltverband IAAF nimmt erschreckende Ausmaße an. Eine Sportart droht im Sumpf unterzugehen.

So wirft die Wada-Kommission der IAAF ein komplettes Versagen im Kampf gegen Doping und Korruption vor. Hauptverantwortlicher für die „Organisation und Ermöglichung der Verschwörung“ sei der frühere IAAF-Präsident Lamine Diack (Senegal).

Die neuen Erkenntnisse hätten den „kompletten Zusammenbruch der Führungsstrukturen und das Fehlen von Verantwortlichkeit innerhalb der IAAF“ ergeben. Es habe einen „gravierenden Mangel“ an politischem Willen gegeben, Russland mit „dem vollen Ausmaß seiner bekannten und befürchteten Dopingaktivitäten zu konfrontieren“.

Hauptverantwortlicher ist Ex-Präsident Diack

Auch auf Korruption habe die Führung des Weltverbandes „unzulänglich“ reagiert, wird in dem Bericht der Wada-Kommission festgestellt.

Es gebe Gründe zu der Annahme, dass hochrangige IAAF-Offizielle von Entscheidungen profitiert haben, Weltmeisterschaften an bestimmte Städte oder Länder zu vergeben. Die Korruption habe sogar Olympische Spiele betroffen: Aus Mitschriften gehe hervor, dass die Türkei die Unterstützung von Lamine Diack im Bewerbungsprozess um die Olympischen Spiele 2020 verloren habe.

Die Türkei sei nicht bereit gewesen, einen entsprechenden Sponsorenbetrag „von 4 bis 5 Millionen Dollar“ für die Diamond League oder die IAAF zu überweisen. Japan habe diese Summe laut Gesprächsprotokoll dann gezahlt – Tokio erhielt den Zuschlag für die Sommerspiele 2020.

Nach dem Sohn von Diack fahndet Interpol

Die IAAF war in Misskredit geraten, weil der frühere Präsident Diack von der französischen Justiz wegen der Vertuschung von Doping-Fällen gegen Bezahlung angeklagt wurde. Nach seinem Sohn Papa Massata Diack fahndet Interpol wegen Beihilfe zur Bestechlichkeit, Bestechung und Geldwäsche.

Mit Schmiergeld soll ermöglicht worden sein, dass russische Athleten trotz positiver Doping-Tests bei den Olympischen Spielen 2012 in London und bei den Weltmeisterschaften 2013 in Moskau an den Start gehen konnten. Hochrangige IAAF-Funktionäre taten offenbar nichts dagegen. Dies soll im Zusammenhang mit dem Abschluss eines TV-Vertrages für die Titelkämpfe gestanden haben.

Auch Russlands Staatschef Wladimir Putin hatte offenbar seine Finger im Spiel. So soll Diack im Vorfeld der WM 2013 das Gespräch mit Putin gesucht haben, um mit ihm die Problematik von neun des Dopings verdächtigen russischen Athleten zu lösen. Ob es zu einem Deal kam, ist offen. Schlussendlich, so der Bericht, sei keiner der verdächtigen Sportler in Moskau an den Start gegangen.

Wieviel wussten die Mitglieder des Councils wirklich?

Die Wada-Kommission mit den Kanadiern Richard Pound (Vorsitz) und Richard McLaren sowie dem deutschen Kriminalbeamten Günter Younger hatte bereits am 9. November 2015 einen Bericht ihrer Untersuchungen vorgelegt. Darin war nachgewiesen worden, dass es in der russischen Leichtathletik systematisches Doping und Sportbetrug gegeben hat. Die IAAF suspendierte daraufhin Russlands Verband.

Aber hat wirklich nur die oberste Spitze um Diack Bescheid gewusst? „Dem IAAF-Council konnte das Niveau der Vetternwirtschaft nicht verborgen geblieben sein“, heißt es in dem Report. Dies hatte die IAAF zuletzt immer behauptet. Vor allem Sebastian Coe, seit August 2015 Diacks Nachfolger als Präsident, vertrat vehement diese These.

IAAF-Präsident Coe weist Vorwürfe von sich

Der Engländer sitzt seit 2003 im IAAF-Council, dem höchsten Gremium des Weltverbandes – von 2007 bis 2015 war Coe Vize-Präsident unter Diack. Der Druck auf Coe hat sich damit weiter erhöht, nachdem die Wada-Kommission eben festgestellt hat, dass die Mitglieder des IAAF-Councils nicht unwissend gewesen sein könnten.

Coe, selbst in München vor Ort, hatte tags zuvor erneut jegliche Vertuschungsvorwürfe zurückgewiesen. „Die Sache ist einfach: Wurden alle Unregelmäßigkeiten verfolgt? Die Antwort lautet: Ja. Wurden Strafen verhängt und publik gemacht? Ja. Wurde etwas vertuscht? Nein“, sagte der 59-Jährige.

Erstaunen über die Absolution für Coe

Von Pound bekam Coe Rückendeckung: „Die IAAF hat nun die Möglichkeit, sehr viel verloren gegangene Reputation wieder zu gewinnen. Ich kann mir für diesen Prozess keinen Besseren vorstellen als Lord Coe. Wir drücken in dieser Hinsicht alle unsere Daumen.“ Coe eröffne der IAAF mit seinen Fähigkeiten die Chance, „unter starker Führung“ den Weg in die Zukunft zu gehen. Diese Absolution löste unter den Journalisten im Raum „Alpsee“ des Hotels „Dolce“ Erstaunen aus. Auch DLV-Präsident Clemens Prokop zeigte sich über Pounds Äußerungen verwundert. „Da ist mir nicht ganz klar, wie ich das bewerten soll.“

Dem Berliner Bundestagsabgeordneten Frank Steffel, Obmann im Sportausschuss für die CDU/CSU-Fraktion, schwant jedoch: „Ich befürchte, dieser Bericht lässt nur ansatzweise erkennen, wie tief der Sumpf in der internationalen Leichtathletik-Szene ist.“