Leichtathletik

Die Edward Snowdens der Doping-Affäre „bereuen gar nichts“

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Neustart: Doping-Kronzeugin Julia Stepanowa war im vergangenen Februar mit ihrem Sohn Robert in Berlin. Die Russin ging bei den norddeutschen Meisterschaften der Leichtathleten außer Konkurrenz an den Start

Neustart: Doping-Kronzeugin Julia Stepanowa war im vergangenen Februar mit ihrem Sohn Robert in Berlin. Die Russin ging bei den norddeutschen Meisterschaften der Leichtathleten außer Konkurrenz an den Start

Foto: Paul Zinken / picture alliance / dpa

Julia Stepanowa und ihr Mann Witali brachten als Whistleblower den russischen Dopingskandal ins Rollen. Ihr Leben liegt in Trümmern.

Köln.  Sie leben an einem geheimen Ort, fernab ihrer Heimat, und sie werden ständig bedroht. Sie sind arbeitslos, mussten acht Mal umziehen, und selbst ihre Eltern dürfen nicht wissen, wo sie sind. Seit die Leichtathletin Julia Stepanowa (29) und ihr Mann Witali (33) zu den wohl mutigsten Whistleblowern der Sportgeschichte wurden, liegt ihr altes Leben in Trümmern.

Doch Witali Stepanow sagt: "Wir bereuen gar nichts. Ich glaube, wir haben das Richtige getan. Und wenn es nötig ist, würden wir dasselbe noch einmal tun."

„Unsere Familie weiß nicht, wo wir sind“

Wenn am Donnerstag in München die unabhängige Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada ihren zweiten Bericht über den Doping-Sumpf im russischen Sport und die Machenschaften im Leichtathletik-Weltverband IAAF vorstellt, wird die Sportwelt wohl erneut in ihren Grundfesten erschüttert.

Zu verdanken ist dies vor allem den Stepanows, die für die weltweit aufsehenerregende ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht" vor einem Jahr mit der versteckten Kamera alles riskiert haben – und einen hohen Preis bezahlten.

"Von Zeit zu Zeit haben wir Kontakt zu unserer Familie. Sie wissen also, dass wir sicher sind, sie wissen aber nicht, wo wir sind", sagt Witali Stepanow.

Keine Hilfe von den Spitzenfunktionären

Die Bedrohungslage ist ernst. Die kleine Familie, Julia und Witali und ihr Sohn Robert, wird vor allem via Internet und Social Media aus Russland permanent beschimpft und quasi zum Abschuss freigegeben.

Zuletzt veröffentlichte der Sportfunktionär Maxim Karamaschew, der Präsident des nationalen Leichtathletik-Verbandes werden will, ein Gedicht, "in dem stand, dass Gott unseren Sohn dafür bestrafen werde, dass er Eltern wie uns hat", berichtet Stepanow.

Der Sport lässt die Familie weitgehend alleine. Spitzenfunktionäre wie Sebastian Coe (IAAF) oder Thomas Bach (IOC) haben sich bislang nicht bei den Stepanows gemeldet. "Ich kann mir vorstellen, dass diese Leute andere Dinge zu tun haben als mit einer kleinen Familie aus Russland zu sprechen", sagt Witali Stepanow.

Hilfe kommt von der Nada

Sein Hilfsangebot an Sportminister Witali Mutko, den russischen Sport zu säubern, blieb unbeantwortet. Stattdessen lese er "immer wieder viele Lügen, die von Sportfunktionären und Politikern verbreitet werden, was unsere Motivation betrifft", sagt Stepanow: "Diese Leute bedrohen meine Frau öffentlich über die Medien. Ich wäre ein Idiot, wenn ich meine Familie vor solchen Leuten nicht schützen würde."

Ganz allein sind die Stepanows aber nicht. "Einige Menschen wollen uns gerade helfen. Das ist wirklich eindrucksvoll und herzerwärmend", sagt Stepanow, der einst Angestellter der mittlerweile suspendierten russischen Anti-Doping-Agentur Rusada war und am liebsten auch wieder in diesem Berufsfeld arbeiten würde.

Die Nationale Anti-Doping Agentur Deutschland (Nada) bietet an, "im Rahmen eines Projektes die persönlichen Erfahrungen von Julia Stepanowa und Witali Stepanow in der Präventionsarbeit einzubinden". Berufliche Perspektiven könne sie aber "nur im Rahmen der üblichen Bewerbungsverfahren bei vakanten Stellen der Nada offerieren".

Wunsch nach mutigen Whistleblowern

Witali Stepanow bleibt derweil bescheiden und demütig. Entsprechend muss gar nicht mal allzu viel passieren, damit er das Leben seiner Familie wieder als normal bezeichnen würde: "Hoffentlich wird meine Frau irgendwann wieder starten dürfen. Und mein Sohn geht in den Kindergarten, und ich habe einen Job."

Obwohl er weiß, dass sein Beispiel nicht gerade zum Nachahmen ermutigt, wünscht sich Witali Stepanow viele weitere mutige Whistleblower. "Wir wollen einen dopingfreien Sport ohne korrupte Funktionäre", sagt er.

Er gibt potenziellen Whistleblowern aber eine klare Ansage mit auf den Weg: "Jeder muss wissen, dass es Leute gibt, die es nicht schätzen werden, wenn andere Menschen die Wahrheit sagen. Und dass man ein Risiko eingeht, wenn man es trotzdem tut."

( sid )