Leichtathletik

Warum die IAAF vor dem nächsten Doping-Beben zittert

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IAAF-Präsident Sebastian Coe erwarten am Donnerstag schlechte Nachrichten

IAAF-Präsident Sebastian Coe erwarten am Donnerstag schlechte Nachrichten

Foto: Jean-Christophe Bott / dpa

Am Donnerstag wird der zweite Teil des Berichts zum Doping-Skandal vorgestellt. Der Kommissionschef verspricht einen „Knalleffekt“.

Berlin.  – Im größten Skandal seiner Geschichte zittert der Leichtathletik-Weltverband IAAF vor dem nächsten Beben, die Rufe nach einem kompletten Neuanfang werden immer lauter. Wenn am Donnerstag weitere Details aus dem Korruptionssumpf sowie neue Erkenntnisse über Doping in Kenia ans Licht kommen, steht die Glaubwürdigkeit der Leichtathletik mehr denn je auf dem Spiel.

In München stellt die unabhängige WADA-Kommission den zweiten Teil ihres Berichts vor - und die Enthüllungen dürften die Szene erneut erschüttern. Kurz zuvor wurde bekannt, dass die IAAF schon seit mindestens 2009 von der Dopingproblematik in Russland wusste.

"Sie werden sehen, wie es einige Drecksäcke getrieben haben", sagte der Kommissionsvorsitzende Richard Pound der „Times“. Der Gründungspräsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hatte bereits kürzlich einen "Knalleffekt" angekündigt: "Die Menschen werden sagen, wie zur Hölle konnte das passieren? Es ist ein kompletter Verrat an all dem, was Verantwortliche im Sport eigentlich machen sollen."

Geflecht aus Erpressung und Vertuschung

Es ist eine unmissverständliche Anspielung auf die Clique um den ehemaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung hatte die Kommission schon im vergangenen Jahr an die französische Justiz weitergeleitet, die ermittelnde Staatsanwältin wird im Anschluss an die Vorstellung des Berichts ebenfalls ein Statement abgeben.

Eliane Houlette ließ Diack und weitere Beschuldigte kurzzeitig festnehmen – Verdacht auf Korruption und Geldwäsche. Am Donnerstag wird nun auch die Öffentlichkeit einen tiefen Einblick in das offenbar kriminelle Geflecht aus Erpressung und Doping-Vertuschung bekommen. Gegen den amtierenden IAAF-Chef Sebastian Coe soll aber kein belastendes Material vorliegen.

Am Mittwoch räumte Pierre Weiss, ehemaliger IAAF-Generalsekretär, ein, dass der Weltverband mindestens seit 2009 vom massiven Dopingproblem in Russland wusste. Es stimmt, dass wir wiederkehrende Probleme mit Russland hatten“, sagte Weiss: „Der Unterschied zur aktuellen Situation ist, dass wir uns nicht vorstellen konnten, dass der russische Verband involviert und sogar mitverantwortlich war.“

Helmut Digel: „IAAF braucht Strukturreform“

Der Franzose bestätigte auch, dass er vor sieben Jahren diverse E-Mails an den russischen Verband ARAF geschrieben habe, in denen er auf die enormen Gesundheitsrisiken hinwies und die Verantwortlichen zum Handeln aufforderte. Die Nachrichtenagentur Associated Press hatte diese zuerst veröffentlicht.

Es passierte so gut wie nichts. Umso eindringlicher werden nun die Forderungen nach Konsequenzen. „Was die IAAF ganz dringend braucht, ist eine Strukturreform. Die Präsidenten haben in den jetzigen Systemen der Sportverbände einfach zu viel Macht“, sagt Helmut Digel, Ehrenpräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und langjähriger Vizepräsident des IAAF. „Vielleicht muss man sich auch Hilfe von außen holen, unbelastete Leute, die Veränderungen anstoßen und schauen, dass die erforderlichen Reformen in die richtige Richtung gehen."

Laut Svein Arne Hansen, Präsident des europäischen Verbandes, muss die IAAF den Reset-Knopf drücken. Die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit in die Leichtathletik sei wohl die „größte Aufgabe, die wir je bewältigen mussten. Symbolische und kosmetische Aktionen werden nicht ausreichen“, sagte der Norweger: „Diese schwerwiegende Situation ruft nach fundamentalen Reformen.“

Auch Doping in Kenia im Blickpunkt

Die Veröffentlichungen in München werden mit Spannung erwartet. Nicht nur das Geflecht im innersten Zirkel der ehemaligen Führungsspitze soll grundlegend beleuchtet werden, eine weitere Hauptrolle des Berichts wird die zweite ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping: Im Schattenreich der Leichtathletik" einnehmen.

Darin hatte es weitreichende Hinweise auf flächendeckendes Doping in Kenia gegeben. Zudem hatten in der Doku zwei Blutdoping-Experten eine Datenbank mit über 12.000 Blutprofilen untersucht.

Ein Siebtel davon soll verdächtige Werte enthalten, angeblich seien ein Drittel der Medaillen, darunter 55 aus Gold, bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen zwischen 2001 und 2012 von Athleten mit zumindest verdächtigen Proben gewonnen worden.

Keine Blutkontrollen außerhalb der Wettkämpfe

Diese Datenbank sollen allerdings nicht komplett überprüft worden sein. Zudem sei die Kommission auch nicht der Frage nachgegangen, warum in Kenia von 2006 bis mindestens 2012 keine Blutkontrollen außerhalb des Wettkampf durchgeführt wurden.

Nur wenige Tage nach der Vorstellung des ersten Teils des Wada-Berichts im November in Genf wurden Russlands Leichtathleten wegen massiver Dopingverstöße aus der IAAF ausgeschlossen. Ihnen droht das Aus für Olympia in Rio.

Für die IAAF, die seit der Amtsübernahme von Coe krampfhaft versucht, Glaubwürdigkeit zurückzuerlangen, werden es am Donnerstag wohl erneut sehr schlechte Nachrichten werden.

( sid )